Zum Tod von Peter Struck: Rocker, Raubauz, Menschenfreund

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Der SPD-Politiker Peter Struck ist tot. Der frühere Verteidigungsminister und Fraktionsvorsitzende war viele Jahre einer der wichtigsten Strippenzieher der deutschen Politik. Ein Nachruf.

Peter Struck war sturmfest, erdverwachsen, ein Raubauz und feiner Kerl. Es gibt wohl wenige Akteure im Berliner Polit-Betrieb, die die überraschende Nachricht von Peter Strucks Tod nicht betroffen macht. Der langjährige SPD-Parlamentarier wirkte nach außen oft knorrig und unnahbar, in Wahrheit war er aber ein echter Kumpeltyp, einer, mit dem man Pferde stehlen konnte, wie es so schön heißt.

Struck mochte die Menschen. Und die Menschen, die ihn näher kannten, mochten ihn. Auf den Sommerfesten seiner Fraktion trat Struck als "Blues Brother" auf. Dann setzte er sich die schwarze Sonnenbrille auf und sang mit röhrender Stimme den Elvis-Hit "Jailhouse Rock". Die Genossen johlten vor Vergnügen.

Nur mit Angela Merkel wurde er nie warm. Mit der Kanzlerin legte sich Struck zu Zeiten der Großen Koalition als SPD-Fraktionschef oft und gerne an. Seine Poltereien gegen Merkel waren legendär und sorgten bei den Genossen in der sonst so freudlosen Koalition stets für beste Stimmung. Immer wieder warf er ihr öffentlich Führungsschwäche vor. Auch im Koalitionsausschuss gerieten sie aneinander. Struck gestand offen: "Sie kann mich nicht leiden und ich sie nicht."

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Peter Struck: Mit Leib und Seele Sozialdemokrat
Strucks liebster Job war Verteidigungsminister

Sicher: Struck, Niedersachse und gelernter Jurist, war kein Visionär oder Charismatiker. Aber er war einer der wichtigsten Strippenzieher der deutschen Politik. Von 1980 an saß er 29 Jahre lang im Deutschen Bundestag. Dort zählte er zur Gruppe der Pragmatiker vom rechten Seeheimer Kreis. Als Parlamentarischer Geschäftsführer managte er lange Zeit die Fraktion, 1998 nach dem rot-grünen Wahlsieg wurde er dann selbst Fraktionschef und versuchte, die widerspenstige Fraktion einigermaßen zu zähmen. Das gelang mal besser, mal schlechter. Aber eins ist klar: Wenn es in der aufgeregten rot-grünen Koalition einen Ruhepol gab, dann war das der stets bedächtige, den Ausgleich suchende Fraktionschef.

Zum Tod von Peter Struck

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Strucks liebster Job war jedoch ein anderer: 2002, nach dem Rücktritt des glücklosen Rudolf Scharping, wurde er Verteidigungsminister. Obwohl es anfangs Zweifel gab, ob Struck der richtige Mann für den Schleudersitz auf der Hardthöhe war, verschaffte er sich schnell Respekt. Seine offene, direkte Art kam bei Offizieren und einfachen Soldaten gleichermaßen gut an. Struck war unentwegt bei der Truppe unterwegs und warb daheim für die Auslandseinsätze der Bundeswehr. Er war ein Kümmerer, einer, der die Sorgen der Soldaten ernst nahm. Wer ihn in seinem Büro besuchte, konnte da stets eine liebevoll aufgebaute Sammlung an Abzeichen, Wimpeln, Mützen und anderem Militär-Nippes bewundern. Wenn er über seine Truppenbesuche berichtete, geriet er regelrecht ins Schwärmen.

Auch nach seinem Ausscheiden aus dem Amt des Verteidigungsministers nach der Bundestagswahl 2005 hielt Struck noch einen engen Draht zur Truppe und sprach gern von "meinen Leuten". Sein geliebtes Amt fiel in der Großen Koalition an die Union, Struck wechselte schweren Herzens zurück in die Spitze der Fraktion.

Bewaffnet mit seinem legendären Pfeifentäschchen traf er sich mit seinem Unionspendant Volker Kauder zu regelmäßigen Kungelrunden und sorgte ganz entscheidend dafür, dass das schwierige Bündnis eine volle Legislaturperiode hielt. Struck und Kauder, der Sozi und der Schwarze, wurden gar echte Freunde, was ihnen manch einer in den eigenen Reihen übel nahm.

"Nichtraucherfreie Zone"

Struck war das natürlich egal. Er gab sowieso nicht allzu viel darauf, was andere über ihn dachten. Als schon längst überall ein Rauchverbot galt, paffte er in seinem Bundestagsbüro munter weiter seine Pfeife. An seiner Tür prangte ein Aufkleber: "Nichtraucherfreie Zone."

Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern schaffte Struck ein elegantes Karriereende: Er wurde nicht aus dem Amt gedrängt, sondern bestimmte selbst den Zeitpunkt des Aufhörens. Als er merkte, dass Leistungsfähigkeit und Aufmerksamkeit langsam nachließen, kündigte er seinen Rückzug aus der aktiven Politik zur Wahl 2009 an. Und er machte Scherze über das Älterwerden: Er habe sich jetzt einen Geländewagen zugelegt, berichtete Struck einmal. Das sei bei steifen Knochen praktisch: "Da kann ich quasi hineingehen."

Eine andere von Strucks Passionen war das Motorradfahren. Es konnte einem passieren, dass man als Journalist zum Interview verabredet war und Struck erschien in voller Motorradmontur. "Los, stellt mal eure Fragen. Ich fahr gleich noch eine Runde", erklärte er dann trocken.

Jetzt hat Peter Struck seine letzte große Fahrt angetreten. Viel zu früh, leider.

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insgesamt 30 Beiträge
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1. Leben Sie Wohl
rossini 19.12.2012
Sie waren eines der letzten Urgesteine in der deutschen Politik und allzeit gute Fahrt auf Ihrem Bike.Denn hinter dem Horizont geht es weiter !!!
2. Zum Tod von Peter Struck
eulenspiegel_neu 19.12.2012
Obwohl ich kein Freund der SPD bin, aber Peter Struck war ein großartiger Politiker, dem man einfach zuhören mußte. Solche aufrechten Leute braucht das Land. Schade, der er uns so früh verlassen musste. Mein Beileid gilt der Familie von Peter Struck in diesen schweren Stunden.
3. Schade...
Edgard 19.12.2012
"Peter Struck war sturmfest, erdverwachsen, ein Raubauz und feiner Kerl." Damit ist eigentlich alles gesagt. leider habe ich ihn nur kurz persönlich kennenlernen dürfen, ich habe mit ihm einen politischen Frühschoppen organisiert im Faßberger "OXMOX" - und er erschien in wirklich leichter Freizeitbekleidung.... und so leger war auch die Diskussion. Doch, ich hätte ihm noch viele schöne Jahre mit seiner Familie gewünscht.
4. Rip
pefete 19.12.2012
Die SPD hast leider wieder ein Gesicht verloren. Die besten sterben zu erst, leider...
5. Pöhse Raucher
Peter_Lublewski 19.12.2012
Wow, gleich im ersten Beitrag eine Anklage gegen pöhse Raucher. Der Spruch, wonach selbst der Tod sein Gelächter hat, scheint doch zu stimmen. Alles Gute, Peter Struck, egal wohin du mit deinem Mopped gerade fährst :-)
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Regierender Bürgermeister von Berlin und schon seit neun Jahren an der Spitze einer rot-roten Koalition. Gilt deshalb - für nicht wenige in der SPD irrtümlich - als Linker sowie als Wegbereiter einer bundesweiten Öffnung zur Linkspartei.

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Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.