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SPD-Ortsverein Kirchmöser: Wo Steinmeier Genosse Nummer 19 ist

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Der SPD-Ortsverein Kirchmöser in Brandenburg wartet auf sein prominentes 19. Mitglied - Außenminister Frank-Walter Steinmeier. Eingewöhnungsprobleme wird der frühere Kanzleramtschef nicht haben: Seine neuen Mitstreiter sind 50-jährige Schröder-Fans wie er.

Kirchmöser - Der Wahlkreis 60 beginnt einige Kilometer westlich von Potsdam und geht bis an die Grenze von Sachsen-Anhalt. Am Fenster des Regionalexpress ziehen Weiden und Wälder vorbei und immer wieder Wasser. Die Havel ist nah, der Horizont weit in diesem Landstrich zwischen Berlin und Magdeburg.

Der Zug hält in einem Ort namens Kirchmöser, da ist man noch keine Stunde vom Berliner Alexanderplatz entfernt. "Jeder deutsche Eisenbahner kennt Kirchmöser", sagt Andreas Wehnert, der schräg gegenüber von dem mit Holzplanken verrammelten Bahnhof wohnt.

Das klingt plausibel, befand sich hier doch über Jahrzehnte die Zentralschule der Bahn nebst anderen Betrieben. Das einstige Reichsbahnausbesserungswerk hat längst geschlossen, dafür exportiert das Weichenwerk inzwischen nach China. Die stolze Industrievergangenheit des 5000-Einwohner-Dorfes spiegelt sich in den roten Backsteingebäuden und den uniformen Reihenhäusern. Sie erinnern an die Zeit, als fast das gesamte Dorf, selbst die Kirche, der Bahn gehörte. Heute ist Kirchmöser ein Ortsteil der Stadt Brandenburg.

Seit einigen Wochen ist der Name auch über Eisenbahnerkreise hinaus bekannt. Frank-Walter Steinmeier, Außenminister der Bundesrepublik Deutschland, ist nach monatelanger Suche endlich fündig geworden: Er hat den Wahlkreis 60 zu seiner neuen politischen Heimat erkoren. Am 6. Juli trat er dem SPD-Ortsverein Kirchmöser/Plaue bei. Von hier will er 2009 zum ersten Mal in den Bundestag einziehen - die Voraussetzung, um Kanzler zu werden. Zwar können formal auch Nicht-Abgeordnete Kanzler werden, de facto wird dies aber kaum passieren.

Horden von Journalisten haben sich für Ende August angesagt, wenn Steinmeier zum ersten Mal durch seinen Wahlkreis tingelt. Keiner will die Wandlung des Staatsgeheimnisträgers in einen volksnahen Genossen verpassen. Für die Parteikarriere opfert der Außenminister die dritte Woche seines Sommerurlaubs. Statt Brüssel und Moskau warten dann Jüterbog, Rathenow - und Kirchmöser.

Die Nachricht von dem Neuzugang habe "eingeschlagen wie eine Bombe", sagt Andreas Wehnert, der den Ortsverein nach der Wende mitgegründet hat und heute als dessen Kassierer fungiert. Der 59-jährige Diplom-Mathematiker muss grinsen, wenn er an die neidischen Kommentare der anderen Genossen im Wahlkreis denkt. Steinmeier hätte jeder gern bei sich im Ortsverein gehabt. Warum ausgerechnet Kirchmöser, fragen sie. Wehnert pflegt dann zu antworten: "Weil wir eine aufstrebende Truppe sind." 19 Mitglieder bei 5000 Einwohnern, das sei überdurchschnittlich für Brandenburg. Auch seien sie in der Lokalpolitik besonders aktiv.

Nähe zur Berliner Villa

Steinmeiers Beweggründe für Kirchmöser waren banaler. Der Minister will vor allem den Ärger möglichst gering halten und setzt darum auf Kontinuität: Schon seine Vorgängerin im Wahlkreis, die Bundestagsabgeordnete Margrit Spielmann, ist Mitglied in dem Ortsverein. Überhaupt ist Steinmeier bei der Wahlkreissuche sehr pragmatisch vorgegangen: Ein sicherer SPD-Kreis sollte es sein, und nicht weit weg von Berlin-Zehlendorf musste er liegen. Dort wohnt Steinmeiers Familie, die unter seiner Parteiarbeit nicht unnötig leiden soll. Dazu kam das Werben von Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck, mit dem Steinmeier seit dem gemeinsamen Kampf für die Agenda 2010 ein Vertrauensverhältnis pflegt.

Vom Profil her passt der 51-jährige Steinmeier gut in den Ortsverein Kirchmöser: Das Durchschnittsalter der Mitglieder liegt bei rund 50 Jahren, unter 40 ist keiner. Auch ideologisch dürfte der Agenda-Erfinder keine Eingewöhnungsprobleme haben. Kirchmöser orientiert sich eher am Parteirechten Peer Steinbrück als an der Parteilinken Andrea Nahles. "Revoluzzertum ist uns im Osten fremd", erklärt Wehnert. Politik müsse vor allem vernünftig sein. Er selbst sei ein Schröder-Mann, und die anderen dächten ähnlich. "Schröder hat Notwendiges angepackt", sagt Wehnert. Die Merkel-Regierung hingegen sei zu sehr "auf Schmusekurs mit dem Volk". Da knurre er schon öfter.

Steinmeier "sehr neugierig" auf Ortsverein

Das dürfte Steinmeier gefallen. Er sei "sehr neugierig" auf seinen Ortsverein, bekannte er kürzlich im Interview mit der "Märkischen Allgemeinen", seiner neuen Hauszeitung. Gesehen haben die meisten Altmitglieder den Neuen noch nicht. Steinmeier hat sich bisher erst einmal in der Nähe gezeigt - Anfang Juli beim Sommerfest des SPD-Landesverbands in Potsdam. Wehnert war da verhindert, ein Familienfest ging vor. Die, die da waren, haben aber auch nicht viel mit dem Frank-Walter reden können. "Mehr als drei Worte konnte man nicht mit ihm wechseln", erzählt der Vorsitzende des SPD-Unterbezirks Havelland, Guido Speer.

Steinmeier war umgeben von anderen Würdenträgern wie Ministerpräsident Platzeck und Generalsekretär Hubertus Heil. Trotzdem hat er einen guten Eindruck hinterlassen. Zwar trat er ins erste Fettnäpfchen, als er in seiner Ansprache die Mitgliederzahl des Ortsvereins mit 17 bezifferte: In Wirklichkeit sind es mit ihm bereits 19. Aber das wird ihm nachgesehen. "Der Steinmeier ist nicht abgehoben", weiß Wehnert. "Ein ganz bodenverhafteter Mensch, ein Sympathieträger".

Dass der designierte Wahlkreiskandidat nicht aus dem Osten kommt, sondern aus Niedersachsen, stört angeblich keinen. Gemault haben nur die Genossen, die sich selbst bereits für die Kandidatur warmgelaufen hatten. Aber insgesamt überwiegt der Stolz auf den Promi in den eigenen Reihen. Mit dem Newcomer rückt Kirchmöser auf in eine Reihe mit Hannover-Oststadt-Zoo, Sundern und Unterhaching. So heißen die Ortsvereine von Gerhard Schröder, Franz Müntefering und Otto Schily.

Schröder war nie in seinem Ortsverein

Wenn das Verhalten der anderen Promis ein Anhaltspunkt ist, dann sollten die Genossen in Kirchmöser nicht allzuviel erwarten. Steinmeiers früherer Chef Gerhard Schröder etwa hat sich noch nie in seinem Ortsverein Hannover-Oststadt-Zoo blicken lassen. Der Ortsvereinsvorsitzende Matthias Böke, seit fünf Jahren im Amt, kennt Schröder nicht mal persönlich. Nur Doris Schröder-Köpf, selbst Mitglied, war bei mehreren Sitzungen. Dennoch bringt es Vorteile, einen großen Namen in den eigenen Reihen zu haben. "Wir waren der Kanzler-Ortsverein, das fanden viele Leute schick", sagt Böke. Etliche seien wegen Schröder eingetreten.

Wehnert würde es begrüßen, wenn Steinmeier auch so eine Magnetwirkung entfaltete. Es sei schwierig, Nachwuchs zu finden. Und seine Beziehungen könne der Minister sicher auch mal spielen lassen, wenn es darum gehe, den Autobahnzubringer für Kirchmöser durchzusetzen, hofft der Lokalpolitiker.

Es spricht einiges dafür, dass Steinmeier sich tatsächlich kümmern wird. Schließlich will er sein Image als Technokrat loswerden und stärker als Parteimensch wahrgenommen werden. Nur so erhält er sich die Chance auf die Kanzlerkandidatur. Im Oktober will Steinmeier sich auf dem SPD-Bundesparteitag zum stellvertretenden Parteivorsitzenden wählen lassen. Schon jetzt ist der Außenminister Umfragen zufolge der beliebteste Sozialdemokrat. Basisverbundenheit gepaart mit schönen Fotos aus dem Ausland könnten eine unschlagbare Mischung werden.

Das Projekt Brandenburg nimmt Steinmeier daher ernst. Er hat bereits angekündigt, sich hier eine zweite Bleibe suchen zu wollen, "um auf Dauer Fuß zu fassen". In der "Märkischen Allgemeinen" versprach er, dass Wahlkreis und SPD "ganz sicher nicht" unter seinem Job leiden werden. Selbst regelmäßige Sprechstunden will er abhalten.

Die Genossen in Kirchmöser haben dennoch eine realistische Einschätzung, wie oft Steinmeier sich bei den Sitzungen an jedem dritten Donnerstag im Monat blicken lassen wird. "Wir wissen, dass er sehr beschäftigt ist", sagt Wehnert. "Es ist halt ein Deal."

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