Parteistreit: SPD-Linke zerpflückt Gabriels Rentenpläne
SPD-Chef Gabriel wollte mit den Korrekturen an seinem Rentenkonzept Kritiker besänftigen - aber die Parteilinke bleibt skeptisch. Sie fordert, auf eine Senkung des Rentenniveaus zu verzichten und Frauen besserzustellen. Auf Änderungen drängen auch die Jusos.
Berlin - Der SPD-Vorstand kann sich einer Mehrheit für sein Rentenkonzept nicht sicher sein. Der SPD-Arbeitnehmerflügel und der Parteinachwuchs forderten - auch nachdem Parteichef Sigmar Gabriel sein Rentenkonzept korrigiert hatte - einen Verzicht auf die geplante Senkung des Rentenniveaus auf 43 Prozent des Nettodurchschnittsverdiensts. Auch die von Gabriel angestrebten Änderungen bei der Rente mit 67 stellten die Kritiker nicht zufrieden.
Der Vorsitzende der SPD-Arbeitnehmer (AfA), Klaus Barthel, sagte der "Berliner Zeitung", es sei gut, dass Bewegung in die Debatte komme. "Gerade für die Frauen wird dadurch aber nichts erreicht."
Gabriel will im Fall einer SPD-geführten Regierung Zehntausenden Arbeitnehmern eine abschlagsfreie Rente - in bestimmten Fällen auch schon vor dem 65. Lebensjahr - erlauben: Wer 45 Versicherungsjahre habe, solle ohne Einbußen in den Ruhestand gehen können, heißt es in Gabriels Beschlussempfehlung für den SPD-Vorstand, der am Montag tagt. Einen entsprechenden Bericht der "Süddeutschen Zeitung" bestätigte Gabriel am Sonntagabend in der ARD.
Bis dahin hatte Gabriel daran festhalten, dass nur bei 45 Beitragsjahren eine abschlagsfreie Rente mit 65 möglich ist. Gabriels neuer Vorschlag soll mit Gewerkschaften abgestimmt sein und den parteiinternen Streit um das künftige Rentenniveau entschärfen. Informell, so die "Süddeutsche Zeitung", hätten Politiker des linken Flügels sowie die denkbaren Kanzlerkandidaten, Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, Zustimmung signalisiert.
Juso-Chef Vogt: "SPD-Spitze hat noch einen Schuss frei, und der muss sitzen"
Allerdings reißt die Kritik nicht ab: Zu Gabriels Korrekturen sagte SPD-Mann Barthel, das Berufsleben von Frauen sei nach wie vor oft durch längere Erziehungszeiten unterbrochen. Außerdem arbeiteten Frauen häufiger in sozialversicherungsfreien Minijobs. Gabriel müsse außerdem deutlich machen, dass er zum SPD-Parteitagsbeschluss stehe, wonach die Rente mit 67 erst gelten soll, wenn die Hälfte der 60- bis 64-Jährigen eine sozialversicherungspflichtige Arbeit haben. Barthel forderte, außerdem müsse über die geplante Senkung des Rentenniveaus von heute 51 des durchschnittlichen Nettolohns auf 43 Prozent im Jahr 2030 gesprochen werden.
Auf Änderungen drängen auch die Jusos. Deren Vorsitzender Sascha Vogt sagte, das Rentenniveau müsse bei mindestens 50 Prozent liegen. "Für die Absenkung auf 43 Prozent gibt es weder bei den Anhängern der SPD noch im Parteivorstand oder den Gewerkschaften eine Mehrheit", sagte er der "Welt". Vogt verlangte, die Partei solle sich für das Thema Rente mehr Zeit zur Diskussion nehmen. "Die SPD-Spitze hat hier jetzt noch einen Schuss frei, und der muss sitzen", sagte er. Parteichef Gabriel und der Bundestagsfraktionsvorsitzende Steinmeier müssten sich bewegen. Bis zum Parteikonvent Ende November sei ein kohärentes Konzept gefragt.
Die Rente sei für die SPD ein wichtigeres Thema als Hartz IV, weil sie viel mehr Menschen betreffe, meinte Vogt. "Nur mit einem klaren Ja zur gesetzlichen Rente und einem Nein zu obskuren Privatrenten können wir die Bundestagswahl gewinnen", sagte er. "Wer sie gewinnen will, muss zeigen, dass Lebensleistung auch künftig anerkannt wird." Der Juso-Chef sprach sich für steigende Beiträge zur Rentenversicherung aus. "Wir sollten so mutig sein und die Beiträge stärker steigen lassen", sagte er. Jedes vorgeschlagene Modell koste Geld. "Da ist die gesetzliche Rentenversicherung die sicherste Bank", sagte Vogt.
Kritik kam auch aus den ostdeutschen Bundesländern: Der Thüringer SPD-Landesvorsitzende Christoph Matschie forderte die Angleichung der Renten in Ost und West. Das gehöre zwingend ins Rentenkonzept. "Ich finde, dass wir nicht auf Dauer getrennte Rentensysteme haben können in Ost und West", sagte Matschie dem Radiosender MDR-Info.
SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles kündigte am Montag einen Kompromiss an. Möglicherweise werde die SPD an dem gesetzlich fixierten Absenken des Rentenniveaus auf 43 Prozent "noch etwas ändern müssen", sagte Nahles im "Morgenmagazin" der ARD. Die Konsequenz aus einer geringeren Absenkung wären höhere Beiträge. "Die würden dann leicht steigen müssen".
Der SPD-Vorstand wollte am Montagvormittag über das Rentenkonzept der Partei beraten. Wegen der vielen Kritik war unklar, ob der Vorstand - wie ursprünglich geplant - das Gesamtkonzept als Vorlage für einen kleinen Parteitag am 24. November verabschieden wird.
anr/dpa/dapd
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Politik
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Deutschland
- RSS
- alles zum Thema Sigmar Gabriel
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Montag, 24.09.2012 – 07:50 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 202 Kommentare
Der gelernte Lehrer aus Goslar ist seit 1977 SPD-Mitglied. Mit 40 Jahren war er jüngster deutscher Ministerpräsident in seinem Heimatland Niedersachsen (1999-2003). Nach der Abwahl wechselte Gabriel nach Berlin und gab ein Intermezzo als "Pop-Beauftragter" der Sozialdemokraten, was ihm eher Spott als Anerkennung einbrachte ("Siggi Pop"). Gabriel ist mit einer Zahnärztin verheiratet.
Die gebürtige Brandenburgerin studierte Steuerrecht und folgte ihrem Mann nach Schwerin. Dort engagierte sie sich zunächst in der Kommunalpolitik, bevor sie im Oktober 2008 ins Schweriner Kabinett eintrat - als bundesweit jüngste Landesministerin. Sie ist Mutter eines Sohnes.
Die gelernte Bankkauffrau und studierte Wirtschaftswissenschaftlerin sieht sich selbst als Pragmatikerin, die keinem SPD-Flügel angehört. Auch ohne den typischen Stallgeruch und die übliche Ochsentour machte sie im größten SPD-Landesverband schnell Karriere - zunächst als Europa- und dann bis Mai 2005 als Wissenschaftsministerin. Später wurde sie Fraktionschefin in Düsseldorf. Kraft ist verheiratet und hat einen Sohn.
Wowereit, Jahrgang 1953, ist der Senior innerhalb der SPD-Spitze. Gelernter Jurist, passionierter Partygänger, Skat- und Golfspieler. Lebt mit einem Arzt zusammen. Bekanntester Satz, immer noch: "Ich bin schwul - und das ist auch gut so."
Der Fachanwalt für Arbeitsrecht hat in der SPD schon viele Karrierestationen hinter sich: Innensenator in Hamburg, SPD-Generalsekretär und Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion. Scholz ist verheiratet mit einer Hamburger SPD-Politikerin.

Nahles stammt aus Rheinland-Pfalz, sie ist Germanistin und bekennende Katholikin. Liiert ist sie mit einem Bonner Kunsthistoriker.
- SPD-Vorsitzender: Gabriel korrigiert Rentenkonzept (23.09.2012)
- Steinbrück oder Steinmeier: SPD zieht Entscheidung in der Kanzlerfrage vor (23.09.2012)
- SPD im Rentenstreit: Bedingt regierungsfähig (10.09.2012)
- Altersarmut: SPD legt Rentenkonzept vor (07.09.2012)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin







