Von Veit Medick, Hannover
Es sind also 93,5 Prozent geworden. Das ist nicht ganz, aber doch in etwa so viel, wie die Kanzlerin neulich von ihren Leuten bekommen hat. Ein schönes Wahlergebnis, Peer Steinbrück ist mit Angela Merkel fast auf Augenhöhe. Wann kann das ein Sozialdemokrat dieser Tage schon von sich behaupten? Er schaut ins Rund der Hannoveraner Messehalle, er verbeugt sich. "Die Zahl könnte eine Orientierung für das Wahlergebnis im September nächsten Jahres sein", sagt er. Die Partei lacht.
Alles ist gut, für den Moment jedenfalls.
Steinbrück ist jetzt von seiner SPD offiziell zum Kanzlerkandidaten gewählt worden. Das ist keine besondere Überraschung, aber wer ins Kanzleramt will, muss eben auch solch förmliche Prozeduren über sich ergehen lassen. Und für Steinbrück hat diese Prozedur den Nebeneffekt, dass er sich noch mal vorstellen kann, dem Land und seiner Partei. So richtig gelungen ist ihm das ja seit seiner Nominierung vor zwei Monaten nicht, auch wegen der Debatte um seine Nebeneinkünfte. "Das waren Wackersteine", sagt Steinbrück. "Ich danke euch, dass Ihr mit mir dieses Last getragen und ertragen habt." Da macht sich Rührung breit.
"Ich bin stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein"
Steinbrück beginnt deshalb tief in der Geschichte, erinnert an sozialdemokratische Errungenschaften, geht zurück bis in die Bismarck-Zeit: Frauenwahlrecht, gesetzliche Krankenversicherung, Kampf gegen die Nazis. "Ich bin stolz, ein deutscher Sozialdemokrat zu sein", ruft Steinbrück. Das ist für jemanden, der mit seiner Partei lange Zeit nicht viel anfangen konnte, dick aufgetragen. Aber es kommt natürlich an.
Rund 100 Minuten redet Steinbrück. Er reißt die Delegierten nicht mit. Aber sie sind angetan von ihm, was auch daran liegt, dass er immer wieder auf rote Kernthemen zu sprechen kommt. Steinbrück entwirft detailliert seine Vorstellungen einer gerechten Gesellschaft. Er spricht über die Renaissance der sozialen Marktwirtschaft, über Steuererhöhungen, die Stärkung der Kommunen, den Mindestlohn und bezahlbaren Wohnraum.
"Deutschland braucht wieder mehr Wir und weniger Ich", ruft Steinbrück. Seine Leute danken es ihm mit zehn Minuten Applaus. Steinbrück ist in die Familie aufgenommen, wer hätte das gedacht.
Gelingt ein Wahlerfolg in Niedersachsen?
Ein bisschen Aufbruchstimmung geht durch die Messehalle. Es soll jetzt alles besser werden, gemeinsam träumen die Genossen den großen Traum vom Sieg in Niedersachsen. In fast jeder Rede dieses Tages taucht die Wahl Ende Januar auf. Die Umfragen sind vielversprechend, weil die Grünen so stark und die FDP so schwach ist, scheint ein Machtwechsel möglich. Ein Erfolg in Hannover, das wär's.
Aber natürlich weiß niemand, ob dieser Parteitag die Sozialdemokraten wirklich nach vorne bringt. In Hannover, auch das wird deutlich, trifft sich eine verunsicherte Partei, was durchaus auch mit dem Kanzlerkandidaten zu tun hat. Nach seinem Stolper-Start ist die Zahl derer gestiegen, die fragen, ob er wirklich der richtige Mann an der Spitze ist, das Ergebnis kann darüber nicht hinweg täuschen.
Mitten in seiner Rede entrollt ein Greenpeace-Aktivist ein Plakat. "Genug Kohle gescheffelt", steht darauf. Die Delegierten stöhnen.
Die Verunsicherung der Genossen liegt allerdings vor allem an der Kanzlerin. Sie macht, so zumindest die Lesart der Sozialdemokraten, eine ziemlich verheerende Politik und wird trotzdem von den Deutschen geliebt. Man selbst bastelt an unzähligen Konzepten von der Rente bis zur Europapolitik. Und alle sagen: Na, das ist doch prima, was ihr da macht. Nur in der Stimmung schlägt sich das eben nicht so richtig nieder. Das ist natürlich eine etwas unangenehme Ausgangslage für die Bundestagswahl, und in der SPD weiß niemand so recht, wie sie sich ändern lässt und was eigentlich das Problem ist.
Was läuft eigentlich schief in der SPD?
Dabei müssen die Genossen hier in Hannover eigentlich nur einen Blick auf ihre Inszenierung werfen, sie haben die Antwort darin selbst versteckt. Die Bühnenkonstruktion ist eigentlich gar nicht schlecht. Der Saal ist in warme Rottöne getaucht, das Rednerpult ragt ein wenig ins Publikum, begrenzt werden die Seiten durch Wände mit Motiven aus der Republik. Berge, Kirchen, Kraftwerke. "Miteinander können wir mehr", sagt Steinbrück. Wir in Deutschland, Deutschland in uns, das ist die Botschaft.
Das ist eine hübsche Vorstellung, aber sie deckt sich nur begrenzt mit der Realität. Die SPD, jedenfalls auf Bundesebene, hat ihre Schwierigkeiten, das ganze Land zu repräsentieren. Vor allem die jüngere Generation kann mit den Sozialdemokraten wenig anfangen, das zeigen die meisten Umfragen. Die Inhalte finden alle gut, in vielen Themenfeldern wird der Partei mehr Kompetenz zugeschrieben als der Union. Aber wenn die Inhalte alle gut finden und die Partei trotzdem auf der Stelle tritt, dann muss das an etwas anderem liegen. Am Lebensgefühl vielleicht, das die Partei verströmt, an der mangelnden Vitalität, an den verlernten "soft skills", wie es ein Sozialdemokrat, der einiges zu sagen hat, am Rande des Parteitags umschreibt.
Man kann sagen, dass die Partei in Hannover einen sehr regierungsfähigen Eindruck macht. Aber sonderlich attraktiv ist sie nicht. Nur Helmut Schmidt ragt natürlich heraus. Der Altkanzler zündet sich während Steinbrücks Rede eine Zigarette an. Und plötzlich ist ein Stück Leben in der Bude.
Steinbrück weiß um die Probleme. Er hat kürzlich mal versprochen, den Wahlkampf im kommenden Jahr etwas anders als sonst gestalten zu wollen. Lustiger, lockerer, origineller. Man kann sich das noch nicht so gut vorstellen, aber grundsätzlich ist das keine ganz schlechte Idee. "Stehen wir zu unserer Tradition", ruft Steinbrück den Delegierten am Ende seiner Rede entgegen. "Aber bewegen wir uns auf der Höhe der Zeit."
Es ist eine deutliche Mahnung.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Deutschland | RSS |
| alles zum Thema SPD | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH