SPD-Party in Brandenburg "Geil, einfach geil"

Die SPD feierte nach der brandenburgischen Landtagswahl, als hätte sie einen großen Sieg errungen. Dabei haben die Sozialdemokraten nur die PDS geschlagen - mit einem Vorsprung von vier Prozentpunkten. Am meisten überraschte die Schlappe der CDU.

Von und Daniel Freudenreich


Wahlsieger Platzeck: "In schwierigen Zeiten Gesicht gezeigt"
DDP

Wahlsieger Platzeck: "In schwierigen Zeiten Gesicht gezeigt"

Potsdam - Wahlparty der SPD, noch eine Viertelstunde bis zur ersten Hochrechnung. Im Saal des Alten Rathaus in Potsdam läuft auf Großbildleinwand das "Sandmännchen" - wohl zur Beruhigung. Denn die Nerven liegen blank. Selten war eine Landtagswahl so spannend. Wird es am Ende reichen? Lange hatte die PDS die Umfragen angeführt, erst in den vergangenen drei Wochen hatte die SPD eine rasante Aufholjagd begonnen.

Um kurz vor sechs beginnt der Countdown, dann bricht der Jubel los. "Geil", brüllt eine Blondine, "einfach geil." Sie arbeitet bei der Werbeagentur, die die Wahlplakate der SPD entworfen hat. Im Blitzlichtgewitter reißt Finanzministerin Dagmar Ziegler die Arme hoch und umarmt die Direktkandidatin Klara Geywitz. So strahlen Siegerinnen.

SPD 32,7 Prozent, PDS 28 Prozent, steht da auf dem Bildschirm. "Ich habe es immer gesagt, wir schaffen die Drei vorn", sagt Angelika Thiel-Vigh, Staatssekretärin im Ministerium für Arbeit und Soziales, selig. "Unglaublich", sagt eine andere, die ein T-Shirt mit dem Schriftzug "Platzeck for President" trägt. "Das war in letzter Sekunde".

PDS-Frontfrau Enkelmann: Knapp geschlagen
AP

PDS-Frontfrau Enkelmann: Knapp geschlagen

Den Genossen ist die Erleichterung anzusehen. Mit vereinten Kräften hat man auf der Zielgeraden den Siegeszug der PDS gestoppt, die im Sommer dank der Hartz-Wut eine überraschende Wiederbelebung erfuhr. Zwar hat auch die SPD gegenüber dem letzten Wahlgang dick verloren: Ein Einbruch von über sechs Prozent ist normalerweise kein Anlass zum Feiern. Doch angesichts des SPD-Bundestrends und speziell nach dem verhartzten Sommer waren die Ansprüche tief gesunken.

Die Menge im Alten Rathaus bricht erneut in Jubel aus beim Ergebnis der CDU: 19,5 Prozent, eine böse Schlappe für den "General", wie der CDU-Spitzenkandidat und Innenminister Jörg Schönbohm hier genannt wird. Doch die SPD-Oberen halten sich mit Schadenfreude zurück. Sie wollen den Koalitionspartner nicht beschädigen.

Es ist kein Geheimnis, dass die SPD am liebsten mit der CDU weiterregieren würde. Offiziell heißt es: "Über Koalitionen wird erst am Montag geredet". Doch schon am Wahlabend gibt es erste Signale aus der SPD an Schönbohm, wie SPIEGEL ONLINE erfährt. Auch aus den Reihen der CDU wird indirekt geworben. "An uns soll es nicht liegen, wenn es zu Rot-rot kommt", sagt ein ranghoher Unions-Mann.

Der Sieger des Abends tritt um halb sieben vor seine Anhänger. "We are the champions", tönt aus den Lautsprechern, als Ministerpräsident Matthias Platzeck Einzug hält. Schilder mit dem Wahlkampf-Slogan "Einer von uns" werden hochgehalten, der Applaus will nicht enden. Platzeck ist gelöst, neben ihm strahlt seine Lebensgefährtin.

"Wir haben einen Wahlkampf geführt, der mit Kampf zu tun hat", sagt Platzeck. Es habe eine Zeit gegeben, da habe keiner auch nur einen Blumentopf auf die SPD gesetzt. Doch man habe zusammengestanden "wie ein Mann und eine Frau". "Wir haben in einer schwierigen Zeit Gesicht gezeigt", sagt er in den brandenden Applaus.

CDU-Spitzenkandidat Schönbohm: Aus der Traum vom Machtwechsel in Postdam
AP

CDU-Spitzenkandidat Schönbohm: Aus der Traum vom Machtwechsel in Postdam

Im PDS-Hauptquartier, nur zehn Fußminuten entfernt, hingegen will keine rechte Stimmung aufkommen. Zufriedenheit, aber keine Euphorie herrscht in dem Saal in den Potsdamer Bahnhofspassagen. Viele Rentner sitzen an den Biertischen hinter der Glasfront des Einkaufszentrums. Man wäre gern stärkste Kraft geworden, doch auch so herrscht Zufriedenheit. "Wir haben es geschafft: Wir sind wieder da", ruft Spitzenkandidatin Dagmar Enkelmann ihren Anhängern zu. Die Botschaft des Abends sei klar. "Die Koalition ist abgewählt", sagt sie unter Verweis auf die Stimmverluste der beiden Koalitionspartner.

In der Tat hat die PDS noch nie ein so gutes Wahlergebnis in Brandenburg erzielt. "Vor einem Jahr hätte ich nicht im Traum daran gedacht", sagt Marianne Förster, eine 74-jährige Rentnerin. Doch es ist ein Pyrrhussieg. Außer einigen Parteilinken in der SPD will niemand mit Enkelmann Koalitionsverhandlungen führen. Der populistische Anti-Hartz-Wahlkampf hat die Verantwortungsträger in der SPD ernsthaft und wohl nachhaltig verärgert.

Die Haltung der PDS habe sie zum Schluss auch Wähler gekostet, urteilt Wolfgang Dämcke, ein SPD-Mitglied. Zu selbstsicher, zu arrogant sei die Partei gewesen. Auch habe die Aussicht auf einen PDS-Sieg zusätzliche Wähler für die SPD mobilisiert. Diese Meinung teilt Jörg Schönbohm, der große Wahlverlierer. Viele bürgerliche Wähler seien zur SPD übergelaufen, um einen Sieg der PDS zu verhindern, klagt der CDU-Frontmann.

Die Personalisierung des Wahlkampfs auf die Figur Platzeck hat sich für die SPD ausgezahlt, so lautet die einhellige Meinung an diesem Abend. Große Mehrheiten der Anhänger aller Parteien finden, dass Platzeck einen guten Job als Ministerpräsident macht. Diese überparteiliche Attraktivität habe am Ende den Ausschlag gegeben, meint Dämcke.

Für die Brandenburger SPD besteht nun das Risiko, dass die CDU sich selbst zerlegt. Schönbohm, der Garant der Einigkeit, ist mehr als angeschlagen, nachdem er sein großmundiges Wahlziel von 35 Prozent plus X deutlich verfehlt hat. Noch vergangene Woche bei einem Auftritt mit Helmut Kohl hatte er verkündet, die CDU werde stärkste Partei. Nun steht er vor dem politischen Aus. In die Koalitionsverhandlungen wird er die Konservativen wohl noch führen, doch dann dürfte er bald in den Ruhestand treten.

Die rechtsextreme DVU schafft den Einzug in den Landtag zum zweiten Mal in Folge, erneut mit knapp über fünf Prozent. Es ist das erste Mal, dass die Partei ihre Sitze verteidigt. Auch das war vor dem Hartz-Sommer noch nicht absehbar. Doch es gibt keine radikale Veränderung wie in Sachsen, wo die NPD über neun Prozent erzielte. So wird die DVU wohl wie in der vergangenen Legislaturperiode eine politische Lachnummer bleiben, die im Landtag keinerlei Spuren hinterlässt.

Am Ende des Abends bleibt in der siegreichen SPD das Gefühl: Noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen. Es scheint, als wolle zumindest der Ministerpräsident Konsequenzen ziehen. "Wir brauchen einen neuen Politikstil", fordert Platzeck. "Der Bürger hat ein Recht darauf, dass wir draußen sind und uns nicht zwischen Aktendeckeln verstecken".



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