SPD-Politiker Edathy Der Mann mit den zwei Gesichtern

Klug, gewissenhaft, zielstrebig: Die Kollegen im Bundestag glaubten, Sebastian Edathy zu kennen. Seine andere Seite blieb vielen verborgen. Porträt eines Mannes, der gegen den ungeheuren Verdacht ankämpft, ein Pädophiler zu sein.

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Berlin - Es gibt Tage, da fragt sich Sebastian Edathy, wie das eigentlich alles weitergehen soll. Sein Telefon ist im Daueralarm. In der Zeitung sieht er ständig sich selbst. Die Koalition steckt seinetwegen in der Krise. Er erhält Morddrohungen. Bei Günther Jauch wird über seinen Fall gestritten.

Surreal, sagt er.

Nein, es geht nicht um Mitleid für Sebastian Edathy. Man muss das gleich an dieser Stelle erwähnen, weil es ja doch eine sensible Sache ist, in diesen Tagen über ihn und seinen Seelenzustand zu schreiben. Edathy, 44, hat eingeräumt, Videos von unbekleideten Jugendlichen gekauft zu haben. Ob strafbar oder nicht - moralisch war's das. Es geht um Kinder. Da hört der Spaß auf. Aber natürlich darf, ja muss man sich trotzdem mit ihm beschäftigen. Es ist schließlich ein bemerkenswerter Fall, der da seit einigen Tagen zu besichtigen ist. Von fast ganz oben nach ganz unten. Wieder so ein Beispiel.

Wer ist dieser Mann eigentlich? Wie konnte es so weit kommen? Das ist alles nicht ganz einfach zu beantworten, selbst für jene, die ihn seit Jahren kennen. Es gibt da die politische, die öffentliche Person. Public Edathy, wenn man so will.

"Wir können auch Deutsch reden, Ortwin"

Der Vater, ein Pastor aus Indien. Die Mutter, eine Deutsche. Edathy wächst in Niedersachsen auf, macht Abitur, studiert Soziologie. 1990 tritt er in die SPD ein. "Wegen Gerhard Schröder", wie er sagt. Mit dem Kanzler zieht er 1998 in den Bundestag ein, er ist 29, macht mit Fraktionskollegen eine Wohngemeinschaft im Berliner Stadtteil Tiergarten auf. Er macht rasch Karriere, wird Sprecher der Arbeitsgruppe Rechtsextremismus, 2005 Vorsitzender des Innenausschusses. Er piesackt die Union, reibt sich auch mal mit den eigenen Ministern. Es ist die Zeit, in der sich sein Ruf als kluger, hartnäckiger Parlamentarier festigt.

Manche, darunter auch Parteifreunde, erkennen ihn trotzdem nicht. Auf einer Auslandsreise spricht ihn einmal Hamburgs früherer Bürgermeister Ortwin Runde auf Englisch an. "Nice to meet you", sagt er. "Wir können auch Deutsch reden, Ortwin", sagt Edathy.

Ein Frühstarter, denkt man. Aber es ist nicht so, dass seine Karriere geradlinig verläuft. 2009, nach der Wahlniederlage der SPD, will Edathy innenpolitischer Sprecher werden. Er verliert eine Kampfabstimmung und wechselt in den Rechtsausschuss. Er weiß: Groß Karriere kann er dort nicht machen. Nicht als Soziologe.

Wer ihn in dieser Zeit besucht, erlebt den anderen Edathy. Verunsichert, enttäuscht, klar. Aber auch schwer lesbar. Bei Begegnungen gibt er sich keine Mühe, die Konversation aufrechtzuerhalten. Er spricht von Abschied aus der Politik. Er versucht sich an einem Roman. Angeblich ein Polit-Krimi. Er kann schreiben, er wollte ursprünglich Journalist werden. Edathy liefert sich Scharmützel mit der Bundestagsverwaltung über die Frage, ob er seinen Hund mit ins Parlament bringen kann. Der Hund, ein Jagdhundmischling namens Felix, ist Edathy wichtig. "Der freundlichste und netteste Hund der Welt", sagt er einmal.

Heute weiß man, dass Edathy sich bis in diese Zeit hinein auch jene Aufnahmen bestellt, über die jetzt das Land diskutiert.

Gabriel rüffelt ihn per SMS

Aber es geht wieder aufwärts. 2010 greift sich Edathy ein neues Thema. Der Niedersachse wird stellvertretender Vorsitzender des Gorleben-Untersuchungsausschusses und macht die Sache gut. Wenig später sucht die SPD einen Migranten als Gabriels Vize. Edathy macht sich Hoffnungen, aber er wird es nicht. "Man hätte mich wenigstens mal fragen können", sagt er bei einem Treffen in dieser Zeit.

Edathy mischt sich jetzt wieder in die großen Themen ein. Köhler, Guttenberg, Wulff. Er fährt kräftige, lautstarke Angriffe. Er ist im Fernsehen, im Deutschlandfunk. Bitte ein bisschen weniger aggressiv, schreibt ihm Parteichef Gabriel per SMS an einem Januartag des Jahres 2012. Ein Rüffel, aber er schmerzt Edathy nicht. Er wird wahrgenommen. Gut so. Auf Facebook schießt er gegen einen Kritiker. Er könne ihn mal "kreuzweise", so Edathy. Ein kleiner Aufschrei geht durchs Netz.

Dann kommt der NSU-Ausschuss. Es gilt, die Hintergründe der Mordserie der rechtsterroristischen Zwickauer Zelle aufzuklären. Eine Aufgabe von großer, ja gesellschaftlicher Bedeutung. Sie ist wie auf ihn zugeschnitten. Schon im Studium hat sich Edathy mit Rechtsextremismus beschäftigt, im Bundestag sowieso. Wegen seines binationalen Hintergrunds? Das wäre zu einfach, findet Edathy. "Der Sohn eines Bäckers wird auch nicht zwangsläufig Brötchenexperte in der Politik", sagt er. Aber seine Erfahrungen hat er natürlich gemacht. Schriftliche Schmähungen und Hassmails heftet er in Leitz-Ordnern ab und stellt sie ins Büroregal.

Edathy macht sich als NSU-Ausschussvorsitzender bestens. Er entlarvt das schreckliche Behördenversagen, führt die Amtsleitungen vor, nimmt keine Rücksicht auf die eigenen Leute. Und - für einen Untersuchungsausschuss überraschend: Es gibt kaum parteipolitischen Streit. Der Ausschuss wird, sofern man das bei diesem Thema sagen kann, ein Erfolg. In der SPD-Führung spricht man gut über ihn.

Bloß niemanden an sich heranlassen

Kollegen erleben in dieser Zeit aber auch wieder den anderen Edathy. Übermüdet, angespannt, nervös. "Erschöpfungssymptome", sagt Edathy heute. Er isst wenig, kann morgens kaum aufstehen. Öffentlich fällt es nicht auf. Einige wenige Vertraute weiht er ein. Die Bundestagswahl kommt, Edathy macht sich Hoffnung auf einen prominenten Job.

Die Hoffnung wird enttäuscht. Die SPD-Spitze ist darüber informiert, dass Behörden im Hintergrund dem Verdacht nachgehen, er besitze kinderpornografisches Material. Edathy weiß das nicht. Aber er wird es geahnt haben. Das Portal, bei dem er kaufte, ist in den Medien. Es geht um einen aufgeflogenen Kinderporno-Ring. Sein Zustand wird schlechter, er denkt an die Aufgabe seines Mandats. Am 7. Februar legt er es nieder, und der Fall nimmt seinen Lauf.

Sebastian Edathy ist jetzt im Ausland. Wo, will er nicht sagen. Angeblich in Dänemark, aber bestätigen mag er das nicht. Er will gerade am liebsten überhaupt niemanden an sich heranlassen. Schon gar nicht das Fernsehen. Die Redaktion von Anne Will habe neulich angerufen, erzählt er. Ob er nicht kommen wolle.

Surreal, das alles.

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insgesamt 287 Beiträge
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Seite 1
wibo2 19.02.2014
1. Edathy ist der Mastermind, die Anderen erscheinen als die Dummen ...
Zitat von sysopPhotothek via Getty ImagesKlug, gewissenhaft, zielstrebig: Die Kollegen im Bundestag glaubten, Sebastian Edathy zu kennen. Seine andere Seite blieb vielen verborgen. Porträt eines Mannes, der gegen den ungeheuren Verdacht ankämpft, ein Pädophiler zu sein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-politiker-edathy-der-mann-mit-den-zwei-gesichtern-a-954125.html
Edathy scheint juristisch sauber zu sein, viele Beweise gibt es wohl nicht. Aber die anderen Beteiligten sind weder juristisch noch moralisch sauber. Die sind jetzt die Dummen. Da beißt die Maus keinen Faden ab.
Olaf 19.02.2014
2.
Zitat von sysopPhotothek via Getty ImagesKlug, gewissenhaft, zielstrebig: Die Kollegen im Bundestag glaubten, Sebastian Edathy zu kennen. Seine andere Seite blieb vielen verborgen. Porträt eines Mannes, der gegen den ungeheuren Verdacht ankämpft, ein Pädophiler zu sein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-politiker-edathy-der-mann-mit-den-zwei-gesichtern-a-954125.html
Erstaunlich mit wie viel Verständnis man rechnen kann, wenn man aus der richtigen Ecke kommt. Dank der Operation Spade in Kanada konnten 386 KInder befreit werden, die wohl auch für die Fotos benutzt wurden. Herr Edathy hat mit seinem Geld, dass er für Fotos dieser Kinder bezahlt hat, dieses Netzwerk am laufen gehalten. Wenn daran denke, was die Presse mit Guttenberg oder Wulff veranstaltet hat und was denen vorgeworfen wurde und das mit dem Verständnis vergleiche, dass Herrn Edathy entgegengebracht wird, ist mir Speiübel.
althus 19.02.2014
3. Was soll das?
Zitat von sysopPhotothek via Getty ImagesKlug, gewissenhaft, zielstrebig: Die Kollegen im Bundestag glaubten, Sebastian Edathy zu kennen. Seine andere Seite blieb vielen verborgen. Porträt eines Mannes, der gegen den ungeheuren Verdacht ankämpft, ein Pädophiler zu sein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-politiker-edathy-der-mann-mit-den-zwei-gesichtern-a-954125.html
Klatsch und Tratsch, Mitleid heischen, was soll das? Herr Edathy ist ein erwachsener Mann, der sich der Grenzbereiche wohl bewußt gewesen sein sollte, in denen er sich bewegt hat.
Beobachter123 19.02.2014
4. So sieht es aus.
Zitat von OlafErstaunlich mit wie viel Verständnis man rechnen kann, wenn man aus der richtigen Ecke kommt. Dank der Operation Spade in Kanada konnten 386 KInder befreit werden, die wohl auch für die Fotos benutzt wurden. Herr Edathy hat mit seinem Geld, dass er für Fotos dieser Kinder bezahlt hat, dieses Netzwerk am laufen gehalten. Wenn daran denke, was die Presse mit Guttenberg oder Wulff veranstaltet hat und was denen vorgeworfen wurde und das mit dem Verständnis vergleiche, dass Herrn Edathy entgegengebracht wird, ist mir Speiübel.
Sehr schön beobachtet. Ich kann mich Ihnen nur anschließen!
leser-fan 19.02.2014
5. pädophile Neigungen haben aber auch
gar nichts damit zu tun, welches Bildungsniveau ein Mensch hat. Artikel voll daneben. Allerdings ist diese Neigung, warum bisher unbekannt, vor allem in der höher gebildeten Schicht - vom Lehrer bis zum Richter oder Arzt etc. verbreitet oder aber, da ist das Geld vorhanden sich entsprechendes Material zu kaufen. Warum also ist noch völlig offen. Dass Herr E. alles tat, um das zu verheimlichen, ist auch ein typisches Vorgehen. Es gab den Fall eines Richters vor Jahren, wo es erst bekannt wurde, nachdem die äußerst milden Urteile gegenüber wirklichen Kindessexualstraftätern die Aufmerksamkeit der Staatsanwaltschaft verschärfte.
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