Von Veit Medick
Berlin - Thomas Oppermann hat mal wieder die große Bühne. Genüsslich zerpflückt er am Mittwochmorgen die schwarz-gelbe Gesundheitsreform. "Das ist die größte Netto-Lüge in der deutschen Politikgeschichte", ätzt er. Drunter geht's nicht. Die Hauptstadtpresse schreibt eifrig mit. Man wird seine Sätze noch viel lesen in den nächsten Tagen.
Andrea Nahles sagt auch etwas. Nur kriegt es kaum jemand mit. Seit Dienstag ist ihr aktuellster Video-Blog auf YouTube zu sehen. Sie steht vor einer Grünpflanze in ihrem Büro und schimpft leicht verdruckst über die Familienministerin. Das ganze wirkt ein bisschen wie eine Sendung im offenen Kanal. Die Statistik verzeichnet rund 200 Besucher. In 48 Stunden.
Das Bild ist bezeichnend. Nahles gegen Oppermann, die Generalsekretärin gegen den Fraktionsgeschäftsführer - es ist eines der spannendsten heimlichen Duelle, die derzeit in der SPD zu finden sind. Der Trend ist klar: Während Nahles mit ihrem Amt fremdelt, wirkt Oppermann nach außen immer mehr wie der eigentliche General.
Gabriel lässt Nahles wenig Raum zur Entfaltung
Vom Start weg hatte Nahles Mühe. Ihr dürres Ergebnis auf dem Katharsis-Parteitag im vergangenen Jahr war ein erstes Indiz dafür, dass sie sich mächtig anstrengen muss, um von der Partei geliebt zu werden. Doch so recht will seitdem nichts klappen. Ihr fehlt ein Thema, mit dem sie verbunden wird, ihre TV-Auftritte wirken unbeholfen, Parteichef Sigmar Gabriel lässt ihr wenig Raum zur Entfaltung.
Es heißt, sie wirke viel "nach innen". Was sicher stimmt, aber auch ein bisschen wie eine Ausrede wirkt dafür, dass die großen politischen und strategischen Linien von anderen in der Partei bestimmt werden. Sie galt mal als Hoffnungsträgerin der Linken. Doch ausgerechnet in ihrer Amtszeit ist das Verhältnis zur Linkspartei so schlecht wie nie. Zum rot-grün-roten Hinterzimmertreffen am Rande der Bundesversammlung ging sie gar nicht erst hin.
Anders Oppermann. Der Niedersachse spazierte vergangene Woche wie selbstverständlich in das Büro von Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier, um an dem denkwürdigen Treffen teilzunehmen.
Für den smarten Juristen, der als Parlamentarischer Geschäftsführer seit 2007 die Bundestagsfraktion ordnet, läuft es so rund wie nie. Kein wichtiges Gremium tagt ohne ihn, in alle zentralen Fragen ist er eingebunden, seine Frühstücksrunden mit Journalisten sind gefüllt wie zu Regierungszeiten. Es gibt kein Thema, zu dem er nichts zu sagen hätte, keinen Plan, von dem er nichts weiß.
Mit Steinmeier, den er einst durch den BND-Untersuchungsausschuss lotste, versteht Oppermann sich bestens. Auch zum Parteichef, mit dem er erst 2005 gemeinsam nach Berlin ging, pflegt der pragmatische "Seeheimer" ein gutes Verhältnis. Das war nicht immer so. Als er in Niedersachsen noch Bildungsminister war und Gabriel Regierungschef, gab es öfter Streit.
"Thomas, das machst Du!"
Die Zeiten sind vorbei. "Thomas, das machst Du!", sagte Gabriel vor einigen Wochen in kleiner Runde, als es darum ging, wer für die SPD mit der Union das Hilfspaket für Griechenland verhandeln sollte.
Seine intellektuelle Schärfe wird über Parteigrenzen hinweg geschätzt. Mit CDU-Amtskollege Peter Altmaier schließt er sich regelmäßig kurz, dessen Vorgänger Norbert Röttgen lud ihn kürzlich zu einer Feier ein. Die beiden duzen sich.
Oppermann sucht die Öffentlichkeit und bekommt sie, weil er mitunter Sätze sagt, die weh tun wie Säbelhiebe. Mal geißelt er Außenminister Guido Westerwelle als "politischen Brandstifter", mal nennt er Schwarz-Gelb "die faulste Regierung aller Zeiten", dann knöpft er sich gar den Bundespräsidenten vor. "Er ist unser Vollstrecker", sagt einer aus der Fraktion, der nicht unbedingt zu seinen Freunden zählt, und das trifft die Sache ganz gut.
Andrea Nahles würde derzeit kaum jemand in der Partei als Vollstreckerin bezeichnen. Wenn sie überhaupt vorkommt, wirken ihre Angriffe auf die Bundesregierung oder die Linkspartei gestelzt, umständlich und phantasielos. Keine Attacke von ihr, die in Erinnerung geblieben wäre.
Die Zeiten haben sich dramatisch geändert für sie. Jahrelang konnte Nahles innerparteilich gegen etwas opponieren. Sie lieferte sich Machtkämpfe mit Parteivorsitzenden, stritt mit den Agenda-Reformern und warb für Ausnahmen bei der Rente mit 67. Kurzum: Sie profilierte sich über Inhalte, die nicht immer auf Parteilinie waren. Das machte sie reizvoll. Jetzt ist sie plötzlich die Partei. Sie muss auf Mainstream machen, ihre Gegner von einst sind entweder weg oder inzwischen ihre Verbündeten. An diese Situation muss sie sich offensichtlich noch gewöhnen.
Oppermann setzt auf die Wahl 2013
Oppermann hat seine Rolle gefunden. Allerdings: In der SPD ist er, vorsichtig formuliert, nicht nur beliebt. Bei seiner Wiederwahl zum "PGF" erhielt er im vergangenen September nicht einmal 80 Prozent. Vor allem zwei Dinge stören die Genossen: Sein Hang zum Übersteuern und seine Eitelkeit. Wenn das Fernsehen ruft, lässt er schon mal einen Wahlkreistermin sausen. Als die Kanzlerin vergangenes Wochenende zum WM-Viertelfinale nach Südafrika reiste, wollte er dabei sein. Dann merkte er, dass das in der Fraktion nicht so gut ankam - und machte plötzlich einen Rückzieher.
Über seine Ambitionen würde der 56-Jährige nie öffentlich reden, aber dass er noch welche hat, daran zweifelt keiner seiner Parteifreunde. Als Generalsekretär könnte man ihn sich gut vorstellen, allerdings ist der Platz weder frei, noch würde er ihn bekommen. Der linke Flügel wäre wohl kaum bereit, den Chef-Pragmatiker, der in Niedersachsen einst Langzeit-Studiengebühren einführte, auf einem Parteitag zu wählen.
Immer mal wieder wird er als potentieller SPD-Spitzenkandidat für die Wahl in Niedersachsen in zweieinhalb Jahren genannt. Doch man darf davon ausgehen, dass einer, der im Namen der SPD Milliardenhilfen für einen EU-Partner verhandelt hat, nicht unbedingt wieder monatelang durch Kleingartenvereine ziehen will. Erst recht nicht, wenn die Chancen eher gering sind, anschließend auch in die Staatskanzlei einzuziehen.
Oppermann dürfte anderes im Sinn haben. Er weiß auch: Sollte die SPD 2013 im Bund wieder mitregieren, könnte er mit einem Platz am Kabinettstisch rechnen. Dafür bräuchte er auch keine Mehrheiten auf Parteitagen.
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