Kampf um SPD-Spitze Frau Lange macht Ärger

Sie hat keine Chance, und die will sie nutzen: Auf dem SPD-Parteitag kandidiert Oberbürgermeisterin Simone Lange für den Chefposten - gegen Andrea Nahles. Die Führung beobachtet ihr Auftreten mit Unmut.

Simone Lange
DPA

Simone Lange

Von und


Geradezu euphorisch ist die Stimmung rund um die designierte Verliererin, die hinten links sitzt. Immer wieder erklingt lautes Lachen in dem silbernen Kleinbus, der sich seinen Weg durch die frühe Nacht in Hannover bahnt. Das kleine Team aus Flensburg tauscht Eindrücke, Albernheiten und Süßigkeiten aus. Es herrscht Klassenfahrt-Atmosphäre. Alles ist jetzt größer als Alltag.

Simone Lange wird am kommenden Sonntag auf dem SPD-Parteitag gegen Andrea Nahles verlieren. Doch darum geht es nicht. Es geht darum, dass sich Lange, die Oberbürgermeisterin von Flensburg, überhaupt traut, für den SPD-Vorsitz zu kandidieren. Schon ihre Ankündigung war eine Sensation, rasch erhoben weitere Kommunalpolitiker Anspruch auf den Chefposten. Lange war die Einzige, die ihre Kandidatur durchzog.

Sie ist es nun, die Nahles und gewissermaßen auch den SPD-Vorstand herausfordert. Dieser hatte sich klar für Nahles ausgesprochen und hoffte damit auf Ruhe. Für die Partei, aber auch für den Vorstand selbst.

Doch Ruhe gibt es nicht für die SPD. Die Partei, ausgezehrt nach all den großkoalitionären Regierungsjahren und all den Wahlverlusten, ist verunsichert. Langes Kandidatur, im Grunde ein Aufstand der Basis, ist Symbol für diese große Verunsicherung: So wie gehabt kann es nicht weitergehen.

Für die Parteiführung ist Langes Kandidatur in klassischen Taktikdenkmustern ein echtes Problem: Denn ein nur knapper Sieg würde Nahles den Start verderben. Zwar wurde ihr auch ohne Gegenkandidat kein 90-Prozent-Ergebnis zugetraut. Doch weniger als 70 Prozent sollen es möglichst auch nicht werden.

Mit wachsendem Ärger beobachten führende Genossen, wie sich Simone Lange als Underdog gegen das Parteiestablishment profiliert. Als etwa Generalsekretär Lars Klingbeil in der vergangenen Woche mit ihr den Ablauf des Parteitags am kommenden Sonntag besprach, stand am nächsten Tag in der Zeitung, er habe sie mit einem zehnminütigen Auftritt abspeisen wollen. Lange aber will mindestens 30 Minuten reden.

Die Parteispitze weist den Vorwurf zurück. "Simone Lange sollte keine Verschwörungstheorien in die Welt setzen", sagt ein führender Sozialdemokrat. "Sie wird auf dem Parteitag genauso behandelt wie Andrea Nahles." Offen kritisieren will die Herausforderin aber niemand. Damit würde man ihre Erzählung von der angeblich so unterdrückten Außenseiterin noch verstärken.

Noch bis Mitte Februar war Lange in der SPD völlig unbekannt. Sie hat keine bundespolitische Erfahrung und saß lediglich vier Jahre im Landtag von Schleswig-Holstein. Dann folgte der Umzug ins Flensburger Rathaus. Vor dieser politischen Karriere hatte Lange, aufgewachsen in der DDR, 15 Jahre lang bei der Kriminalpolizei in Flensburg gearbeitet.

Lange nutzt die Stimmung gegen die Agendapolitik

Um für sich zu werben, tourt sie in den Wochen vorm Parteitag durch Deutschland. In Hannover steht sie in einem abgelegenen Sitzungszimmer des Kurt-Schumacher-Hauses unter verregneten Oberlichtern. Der kleine Raum ist mit etwa 70 Gästen schon überfüllt. Lange steht nah an der ersten Reihe, gestikuliert viel, geht immer wieder vor und zurück. Sie braucht nicht viel Zeit, um den Raum für sich zu gewinnen.

Lange in Hannover
DPA

Lange in Hannover

"Als Bundesvorsitzende würde ich mich als erstes bei den Menschen entschuldigen, die wir im Stich gelassen haben." Es erklingt der lauteste Applaus des Abends. Die 41-Jährige macht sich die in der Partei verbreitete Stimmung gegen die Agendapolitik zunutze. Lange ist in den letzten Wochen zur Projektionsfläche für den Frust und den Protest vieler Mitglieder geworden, die unzufrieden sind mit "denen da oben" in Berlin.

In der Partei gefällt das längst nicht allen. In SPD-Kreisen fallen Worte wie "unbekümmert", "naiv" oder gar "absurd". Als "wohlfeil" wird ihre Kritik an den Arbeitsmarktreformen des früheren SPD-Kanzlers Gerhard Schröder bezeichnet: Lange habe keine Ideen, was die Partei in der Sozialpolitik anders machen solle.

Geht es bei der Kandidatur in Wirklichkeit um Schleswig-Holstein?

Es gibt auch einen ganz konkreten Vorwurf: Lange wolle sich durch ihre Kandidatur nur profilieren, um in Schleswig-Holstein höhere Ämter zu übernehmen. Es ist eine Einschätzung, die auf Bundesebene durchaus verbreitet ist. Schon im Oktober soll Lange - so heißt es aus SPD-Kreisen - mit dem damaligen Vorsitzenden Martin Schulz telefoniert und gesagt haben, sie wolle im Jahr 2019 gegen Ralf Stegner antreten, den Landesvorsitzenden der SPD Schleswig-Holstein.

Lange beruft sich auf die Vertraulichkeit des Gesprächs, Schulz ist für eine Stellungnahme nicht zu erreichen gewesen. "Bin ich dann Bundesvorsitzende, kann ich gar nicht mehr Landesvorsitzende werden", sagt Lange nur.

Andrea Nahles
AFP

Andrea Nahles

Die Sozialdemokratin wirbt mit neuen Strukturen für sich: Digitale Abstimmungsverfahren in den Ortsvereinen sollen her, genauso wie mehr Hauptamtlichkeit, Konferenztechnik für jedes SPD-Büro und Urwahlen für die wichtigen Personalien der Partei.

Bei politischen Inhalten jedoch bleibt sie sehr vage. Sie mache das bewusst, sagt Lange. Wenn sie die Mitglieder ernsthaft und umfassend beteiligen wolle, müsse sie sich eine inhaltliche Offenheit bewahren.

Erwarten das die Delegierten des Parteitags wirklich von einer künftigen SPD-Vorsitzenden?

Zwei von ihnen sind auch bei dem Treffen in Hannover vor Ort. Sie sind noch unschlüssig, für wen sie stimmen werden. Schon das kann als kleiner Erfolg für Lange gewertet werden. "Sie tut der Basis gut und kann den Weg für eine Erneuerung frei machen", sagt einer der Delegierten. Ein Rest Skepsis aber bleibt: "Sie wird an der Spitze aber auch führen müssen", sagt der zweite Delegierte.

"Ich kann führen", sagt Lange dazu. Sie wolle aber eben die Prozesse führen und "nicht regieren, sondern moderieren".

Nahles und der SPD-Vorstand haben viel zu verlieren. Lange hingegen bleibt auch bei einer deutlichen Niederlage Oberbürgermeisterin von Flensburg. "Ich habe jetzt schon so viele Einladungen für nach dem Parteitag", sagt sie. Natürlich werde sie nicht verschwinden.



Sie wollen die Sonntagsfrage für den Bund beantworten? Stimmen Sie hier ab:


Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Sie dienen allein dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden.

Wer steckt hinter Civey?

Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Zur Erhebung seiner repräsentativen Umfragen schaltet die Software des 2015 gegründeten Unternehmens Websites zu einem deutschlandweiten Umfragenetzwerk zusammen. Neben SPIEGEL ONLINE gehören unter anderem auch der "Tagesspiegel", "Welt", "Wirtschaftswoche" und "Rheinische Post" dazu. Civey wurde durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.

insgesamt 88 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
mirage122 17.04.2018
1. Sehr mutig, Frau Lange!
Wer nicht wagt, der nicht gewinnt Andrea Nahles ist ja Partei-intern nun wirklich nicht die unumstrittene Sympathie-Trägerin. Im Unterschied zu der CDU ist hier jedenfalls ein gewisses Maß am Rebellion angesagt. So sollte konstruktive Arbeit in der Politik aussehen! Ja-Sager haben wir wahrhaftig genug.
soerenschein 17.04.2018
2. Sie wäre die bessere Alternative
Die SPD wünscht sich eine Erneuerung. Mit Nahles an der Spitze wird es diese mit Sicherheit nicht geben. Die mangelnde bundespolitische Erfahrung erdet Frau Lange und gerade eine sozialdemokratische Partei braucht eine Führungsfigur, die noch selbst erlebt hat, was im normalen Leben vor sich geht und noch eine Verbindung zu den einfachen Menschen hat. Frau Langes Positionen zur Agenda 2010 würden der SPD gut tun. Es mag ein Traum sein, aber ich würde mir Frau Lange als SPD-Vorsitzende wünschen, damit endlich wieder eine linke Volkspartei aus der SPD werden kann. Die alte Garde wird das Ruder nicht herumreißen.
frank.huebner 17.04.2018
3. Ich drücke die Daumen, Frau Lange
Ja, da wundert sich der Vorstand. Da bietet sich doch tatsächlich ein Gegenkandidat an, den Delegierten eine wirkliche demokratische Wahl durchzuführen. Sowas aber auch. Noch dazu eine Kandidatin, die der unfähigen und ungeliebten Nahles gefährlich werden könnte. Hurra! Anstatt sich zu freuen, dass es jemanden gibt, dem der derzeitige Kurs und die vorgesetzten Köpfe nicht als ganz erfolgversprechend für die politische Zukunft erscheint. Leider bin ich kein SPD-Mitglied, aber mit der Nahles an der Spitze werde ich das auch sicher nicht.
jo125 17.04.2018
4. Warum nicht?
Im Gegensatz zu Nahles hat Frau Lange auch richtig gearbeitet, nicht nur Politik gemacht. Was hat Nahles denn außer 20 (!) Semestern Studium der Germanistik und einer abgebrochenen Promotion jemals zustande gebracht? Nix!
womo88 17.04.2018
5. SPD kann von der Kirche lernen
Wenn innerhalb der Landeskirche eine Dekanestelle frei wird, wird diese ausgeschrieben im Amtsblatt. Nun kann sich jeder Pfarrer bewerben und das Leitende Geistliche Amt entscheidet, welcher Bewerber ihnen genehm ist und zur Wahl zugelassen wird. So bekommt man den (Ja)Sager, den man gerne hätte und wird selbst nicht gefährdet. So hätte der Bundesvorstand der SPD das sicher auch gerne. Alte Pfründe sichern etc. Das nennt die SPD dann Erneuerung! Haha! Die Funktionsträger der SPD schmoren doch in stinkigem, alten Öl. Da kann und wird nichts Gutes bei rauskommen. Alles bleibt beim alten; wir ändern nur das Datum. Erneuerung sieht anders aus!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.