SPD-Sommertour Beck berauscht sich an bayerischer Basis

Die zwei Seiten des Kurt Beck: Auf seiner Sommerreise im Bayern-Wahlkampf findet er den Draht zur Basis. Doch sobald Journalisten mit Fragen zur Linken nerven, wird der SPD-Chef einsilbig - und lässt seinen Unmut raus, indem er die CSU attackiert.

Von , Coburg


Coburg - Der Mann sagt nicht Guten Tag, nicht Grüß Gott, nicht Hallo. Dafür hat er keine Zeit. Es bricht aus Kurt Beck heraus, es dröhnt Beck aus den Lautsprecherboxen: "Richtig schön hier, nicht? Richtig schön hier!" Er sagt das nicht etwa als Kompliment, wie der Besucher das neue Mobiliar der Gastgeber lobt. Nein, Beck ruft Beck Selbstbewusstsein zu. Endlich unter Basis-Sozis, endlich wieder mal bei sich.

SPD-Chef Beck, Spitzenkandidat Maget: "Richtig schön hier!"
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SPD-Chef Beck, Spitzenkandidat Maget: "Richtig schön hier!"

Es ist die Sommerreise des Vorsitzenden der deutschen Sozialdemokratie. Drei Tage ist Beck schon unterwegs in der Republik. An diesem Donnerstag kommt er ins nördliche Bayern, nach Coburg. Mitten rein in den Landtagswahlkampf.

Kurt Beck hat sich ausdrücklich einen Biergarten gewünscht. Den hat er bekommen.

Der Hof des Café Anders ist proppenvoll, rund 200 Sozialdemokraten sitzen Seit' an Seit' und eng gereiht auf Bierbänken. Auf den Tischen stehen SPD-Papierfahnen, das Bier kostet 1,50. Und die Menschen hier rufen "Bravo", wenn Beck einen seiner Schachtelsätze beendet hat.

Jetzt ist Berlin weit weg und auch die bisherige Sommerreise vergessen. Da hatte er ständig die Journalistenfragen nach Rot-Rot in Hessen beantworten müssen, nach Münteferings Rückkehr auf die Polit-Bühne. "Dieses ganze Zeugs", sagt Beck dazu - einfach nur lästig. Seine Antwort: keine Antwort. Einfach nicht stören lassen.

Nur die CSU-Generalsekretärin Christine Haderthauer hat Beck in den vergangenen Tagen aus der Reserve gelockt. Sie bezichtigte ihn der "Heuchelei", weil er ein Stasi-Gefängnis besucht hatte, während doch Andrea Ypsilanti in Hessen "ein Bündnis mit den SED-Nachfolgern schmiedet". Da platzte Beck der Kragen: "Einfach nur widerlich." Man muss sich Kurt Beck an diesem Tag im Coburger Biergarten also als einen sehr ärgerlichen Mann vorstellen. Als einen, der auf Revanche sinnt.

"Einer runtergeschubst und zwei, die nicht hochkommen"

Das fängt schon am Eingang an. Einer Schülerin erklärt er, dass Bayern ein Schulsystem habe, das jenen "Leuten die schlechtesten Chancen zum Aufstieg bietet, die nicht aus betuchten Familien kommen". Da werde "aussortiert" und "nach unten weggereicht". Später spricht er von der "Ignoranz und Arroganz dieser Regionalpartei", die auf "riesenhohem Pferd" sitze. Jetzt sei da "einer runtergeschubst" (Stoiber) worden und es gebe "zwei, die nicht hochkommen" (Huber und Beckstein).

Beck brüllt vor seinen Genossen: "Helft, diese Dinge zurechtzurücken!" Das Mikrofon kapituliert, aus den Lautsprechern krächzt es nur noch: "Bayern ist wichtig, Deutschland ist wichtig - aber nicht diese Partei, deren Leute sich zu wichtig nehmen". Hier steht nicht der angeschlagene Vorsitzende einer 20-Prozent-Volkspartei; hier steht der mit absoluter Mehrheit regierende Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Der Mann aus einer konservativen Provinz, die dem ländlichen Bayern so ähnlich ist.

Er rechne mit einem "beachtlichen Ergebnis" am 28. September, ruft Beck. "Das wäre ein Segen für das Land." Franz Maget schaut da gerade in den Himmel, die Hände hat er wohl zufällig gefaltet. Moralische Unterstützung hat Bayerns SPD-Spitzenkandidat genauso nötig wie Beck. Denn seit Monaten klebt Maget in Umfragen an der 20-Prozent-Marke.

"Der Obersatan meldet sich zu Wort"

Seine einzige Chance ist die CSU. Sollten die Schwarzen unter 50 Prozent sacken, dann wäre das ein Sieg für die SPD. Egal, wo sie selbst steht. Deshalb lässt jetzt auch Maget die Lautsprecher scheppern. Er habe gelesen, CSU-Chef Erwin Huber wolle einen "Höllen-Wahlkampf" führen: "Also bei dieser Höllen-Fahrt bin ich dabei, der Obersatan meldet sich zu Wort!" Die CSU vereinnahme das Land, sie tue so, "als hätten sie den Chiemsee ausgehoben und damit die Alpen aufgeschüttet", sagt Maget.

Die Sozis jubeln, Kurt Beck wackelt voller Freude mit den Beinen. So heimelig sozialdemokratisch ist das an diesem Abend in Coburg. Der Biergarten als Schutz- und Trutzburg.

Zwölf Stunden später ist es wieder eine Burg, die Veste Coburg. Und doch ist alles anders. Die örtliche SPD hat den "Herrn Oberkonservator" gebucht, damit der "dem Kurt" jetzt dies und das zum historischen Kontext erzählen kann. Die Journalisten folgen auf Schritt und Tritt, warten nur auf symbolträchtige Bilder. Beck vor Ritterrüstung, Beck fest im Sattel. Und so weiter.

Nur: Der Mann will nicht mehr mitmachen. Ob er sich mal vor diese Vitrine mit den starken Rittern stellen könne, bittet ein Fotograf. Beck zieht die Augenbrauen zusammen: "Ach, das haben wir schon tausendmal gehabt ..." - "Gemeinsam mit dem Franz Maget vielleicht?" - "Ach ...", sagt Beck und dreht ab. Gute Laune im Wahlkampf geht anders.

Besser wird es erst in Gundelsheim. Einem 3500-Einwohner-Dorf kurz vor Bamberg, das einen 25-jährigen SPD-Mann zum Bürgermeister hat - Jonas Merzbacher. Die Kappelle spielt "Muss i denn zum Städtele hinaus" und den Titelsong von "Pippi Langstrumpf". Kurt Beck ist wieder bei der Familie, freut sich über "die Dynamik der jungen Garde". Es gibt viele Hände zu schütteln in Gundelsheim, das gesamte Dorf ist auf den Beinen. Beck will gar nicht mehr weg: "Schnell noch den Leuten von der Feuerwehr Grüß Gott sagen", stoppt er den Tross. Und dann spiegelt sich die Szene aus der Coburger Veste: "Komm, macht noch ein Foto von uns mit dem Franz." Beck ist ganz bei sich.

"Jede Stimme für die Linke ist eine Stimme für die CSU"

Er grüßt die Leute in ihren Gärten, lobt die Blumen und sagt: "Wir dürfen keine Hotelgesellschaft werden, wo jeder seinen Beitrag zahlt, aber man nichts miteinander zu tun hat." Überhaupt redet Kurt Beck sehr viel vom "Miteinander" und von "Solidarität".

Die Linksdebatte dagegen blendet er aus. Auf den Bierbänken in Coburg finden das manche sogar richtig gut: "Das Thema nervt", sagt einer. Und kostet Stimmen. Besonders hier im ehemaligen Zonenrandgebiet, "wo wir diese SED-Herrschaft vor der Nase hatten". Der Name Andrea Ypsilanti steht hier im Café Anders ebenfalls nicht hoch im Kurs. "Die braucht sich hier im Wahlkampf nicht blicken lassen", sagt eine. Franz Maget sagt nur: "Andrea Ypsilanti ist uns willkommen, sie kümmert sich aber jetzt mehr um Hessen - und das ist gut so."

Stattdessen setzt Maget auf die alten Recken der SPD: Schröder soll kommen, Franz Müntefering hat schon zugesagt, Frank-Walter Steinmeier kommt gleich zweimal. Die drei Schutzheiligen gegen jegliche Linksbündnis-Unterstellungen.

Wohin Maget in Bayern kommt, es ist immer irgend ein örtliches Kamerateam da, das jetzt endlich einmal die Sache mit der Linken geklärt haben will: "Mit den Grünen, mit den Freien Wählern und wer sonst noch hinzukommt", sei eine Koalition vorstellbar, beteuert der SPD-Spitzenkandidat - "für die Linke gilt das nicht". So sei "jede Stimme für die Linke eine Stimme für die CSU".

Diese ewigen Fragen - Maget nennt sie "unerfreuliche Begleitmusik", Beck spricht von "temporärer Aufregung". Wie schön war es da doch am Abend zuvor im Café Anders. Am Ende ist sogar einer in die SPD eingetreten, hat den Aufnahmeantrag ausgefüllt und den Genossen in die Hand gedrückt.

Das war nach der Rede von Kurt Beck.



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Seite 1
bonbox 18.08.2008
1. eher nicht
Zitat von sysopFranz Müntefering strebt nach dem Tod seiner Frau an, wieder aktiv in die Politik zurückzukehren. Was denken Sie - kann er die SPD wieder zusammenführen und aus dem Umfragetief herausholen?
O - Ton : vor der Wahl,: mit uns sind keine höheren MWST zu machen in 8 Wochen hatten wir 19 % - wer nicht arbeitet braucht auch weniger zu essen usw . Alles schon vergessen ? Der Mann ist 68zig was will er schon wuppen außer zu beraten , innerparteilich !
off_road 18.08.2008
2.
Noch ein Hü-Hott-Mitte-Linker wird die SPD kaum stabilisieren.
baiatul, 18.08.2008
3. Besser er kümmert sich um eine andere
Zitat von sysopFranz Müntefering strebt nach dem Tod seiner Frau an, wieder aktiv in die Politik zurückzukehren. Was denken Sie - kann er die SPD wieder zusammenführen und aus dem Umfragetief herausholen?
Dass er sich um seine Frau gekümmert hat, war gut. Ich glaube allerdings nicht, dass er nochmal in die Politik zurückkommen sollte. Man verbindet seinen Namen mit Schröder, Clement, den Stones und all den anderen Fräcken und Feixern, welche ihre eigenen Wähler verschaukelt haben nach Strich und Faden. Das kommt beim SPD-Volk nicht wirklich gut an. Er bleibt besser zu Hause. Die wenigen Menschen, die überhaupt der SPD noch irgendwie die Stange halten, brauchen seine schnorrige Art, die Leute an der Nase herum zu führen, nicht. Er gehört zu dem Teil der SPD, den niemand will. Diejenigen, die eine solche Politik wollen, wählen lieber die CDU.
Angelus Merkel 18.08.2008
4. Münte...
... komm zurück, bewahre und vor dem bösen Oskar und seinen Freunden und hilf den Genossen, auf das sie sich für immer an die CDU binden! Auch wenn die große Koalition immer kleiner wird, für eine Mehrheit wird es noch lange reichen.
Paradoxin, 18.08.2008
5. Die Todessehnsucht der sPD
Was hat Müntefering in den letzten Jahren für die sPD geleistet...? Er hat die Agenda-Wende Gerhard Schröders bedingungslos unterstützt und gegenüber der sPD durchgedrückt. Er hat die Kanzlerschaft eines Sozialdemokraten um ein Jahr verkürzt und so mit dafür gesorgt, dass es zur Großen Koalition kam. Er hat die Rente mit 67 eingeführt und damit Tausende aus der sPD getrieben. Er hat die Reklame für die Privatvorsorge perfektioniert. Er hat über Heuschrecken geredet und damit den Paravent geschaffen, hinter dem die Heuschrecken mit Steuergeschenken gepflegt werden können … und jetzt rufen sie nach ihm. Das kann man Todessehnsucht nennen.
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