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24. September 2008, 12:57 Uhr

SPD-Streit

Schröder nennt Becks Intrige-Vorwurf "Quatsch"

"Intrige? Das ist Quatsch": Altkanzler Schröder weist den Verdacht von sich, er habe zum Sturz Kurt Becks beigetragen - eine Theorie, die auch Beck selber verbreitet hatte. Der geschasste SPD-Chef erhebt schon wieder neue Vorwürfe gegen die Genossen - er sieht in der Partei "Halbverrückte" am Werk.

Hamburg/Berlin - Der Altkanzler zu Hause vor dem Fernseher, neben sich seine Gattin Doris, zu Füßen Borderterrier Holly. In etwa so idyllisch hat man sich die Hannoveraner Reihenendhaus-Szene am Sonntag vor zweieinhalb Wochen vorzustellen, als rund 200 Kilometer entfernt SPD-Chef Kurt Beck zurücktrat. Zumindest erinnert sich Gerhard Schröder so in einem Interview mit der "Zeit". Er habe zusammen mit seiner Frau die Ereignisse im Fernsehen verfolgt - "und wir wussten nicht, was los ist". Alleine deshalb weist Schröder die Vorwürfe Becks, der Ex-Kanzler habe an seinem Sturz mitgewirkt, energisch zurück. "Intrige? Das ist Quatsch", sagte Schröder.

Altkanzler Schröder, Ex-SPD-Chef Beck: Unterschiedliche Darstellungen
AP

Altkanzler Schröder, Ex-SPD-Chef Beck: Unterschiedliche Darstellungen

Erst drei Tage nach dem Rücktritt von Kurt Beck habe er mit dem SPIEGEL über die Vorgänge in der SPD gesprochen, sagt Schröder: "Zu dem Zeitpunkt war die Messe am Schwielowsee bereits gelesen." In seinem Buch "Ein Sozialdemokrat", das an diesem Donnerstag in Berlin vorgestellt wird, schreibt Beck, über die "Kandidatenfrage" sei vor der offiziellen Verkündung in Einzelheiten berichtet worden, "die neben Beteiligten auch auf Gerhard Schröder verwiesen".

Schröder wundert sich nun über diese Darstellung und verweist gegenüber der "Zeit" auf einen an ihn gerichteten Brief Becks vom 10. September. Von einer Spur, die auf ihn verweise, sei darin nicht die Rede. Vielmehr dankte Beck "für die Unterstützung und den Rat".

Vehement widerspricht der Altkanzler auch einer anderen Vermutung: Mit einem Comeback von ihm sei nicht zu rechnen. Die "operative Politik ist vorbei, für alle Zeiten definitiv", sagt Schröder, "auch wenn es der wichtigste Teil meines beruflichen Lebens war". In den kommenden Bundestagswahlkampf werde er nur sehr zurückhaltend eingreifen. Wenn jemand Rat haben wolle, bekäme er ihn, "aber ich dränge mich keinem auf".

Unterdessen hat sich auch Ex-Parteichef Beck wieder zu Wort gemeldet - und die Umgangsformen innerhalb der Partei kritisiert. "Wir duzen uns, wir nennen uns Genossen, aber wir verhalten uns nicht so", sagte Beck dem "Stern". Erneut warf er Parteimitgliedern mangelnde Loyalität während seiner Amtszeit vor. Manche Parteifreunde hätten ihm "Backsteine statt Brot in den Rucksack gepackt". Am Ende habe er als Parteivorsitzender eine "unerfüllbare Mission" gehabt. Er hoffe, "dass die nächsten Parteiführungen die Chance haben, vernünftig zu arbeiten und Konflikte offen auszutragen".

Das Verhältnis zu seinem designierten Nachfolger Franz Müntefering sieht Beck auch nach ihrem Treffen am vergangenen Freitag schwer beschädigt. "Mehr als dass man miteinander anständig und ordentlich reden kann, hat es nicht gebracht." Beck bestätigte, dass er nicht am SPD-Sonderparteitag am 18. Oktober in Berlin teilnehmen werde, auf dem Müntefering erneut zum SPD-Vorsitzenden gewählt werden soll. "Ich will vor allem nicht für irgendwelche geheuchelten Bilder herhalten. Dafür ist mir alles noch zu nah." Die Arbeit in der SPD dürfe nicht von "Halbverrückten kaputtgemacht werden".

Beck war bereits am Montag mit Müntefering hart ins Gericht gegangen. In vorab veröffentlichten Auszügen seiner Autobiografie "Ein Sozialdemokrat" hatte er Müntefering unzureichende Kooperation und Mangel an sozialdemokratischem Profilierungswillen als Vizekanzler vorgeworfen. Müntefering zeigte Verständnis für die Buchdarstellung. Die Vorgänge um den Rücktritt Becks trügen zu respektierende "menschliche Seiten". Deshalb sei er "voller Gelassenheit".

Das SPD-Präsidium war am Montag ohne Aussprache über die Kritik von Beck hinweggegangen.

flo/AP/dpa

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