Auftritt der Troika-Führung: Gabriel erwägt Urwahl von SPD-Kanzlerkandidat

Von , Elmshorn

Dissonanzen in der Führung? Von wegen. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt seit knapp einem Jahr macht die SPD-Troika aus Gabriel, Steinmeier und Steinbrück auf Harmonie. Die Kanzlerkandidatenfrage soll eigentlich ausgeblendet werden - doch ausgerechnet der Parteichef hält sich nicht dran.

SPD-Troika: Steinbrück, Gabriel, Steinmeier am Mittwoch in Elmshorn Zur Großansicht
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SPD-Troika: Steinbrück, Gabriel, Steinmeier am Mittwoch in Elmshorn

Berlin - Die zwei Jusos am Eingang der Turnhalle machen ordentlich Dampf. "Wir wollen den Kanzler sehen, wir wollen den Kanzler sehen", rufen sie Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück entgegen. Die sind sichtlich amüsiert - bis jemand plötzlich durch den Saal brüllt: "Hannelore ist doch gar nicht da!" Gemeint ist die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Die Gäste aus Berlin laufen rasch in Richtung Bühne.

Es ist kein ganz glücklicher Beginn eines Abends, der doch so auf die drei Männer zugeschnitten ist. Gabriel, Steinmeier und Steinbrück sind ins schleswig-holsteinische Elmshorn gekommen, ein Geschenk für SPD-Spitzenkandidat Torsten Albig, der am 6. Mai Ministerpräsident werden könnte. Die Troika will Stimmung machen für ihre wahlkämpfenden Parteifreunde, aber auch ein bisschen für sich selbst. Es gibt Bier und Wein, in der Küche des Vereinsheims brutzeln die Frikadellen, die rund 400 Zuhörer sind gut drauf.

Schön gesittet soll es zugehen an diesem Abend. Wir sind ein Team, jetzt und für die Bundestagswahl. Das ist die Botschaft. Deswegen steht der Parteichef auf der roten Bühne in der Mitte, rechts Steinmeier, links Steinbrück. Der greift sogleich zur Wasserflasche. "Ah, Herr Steinbrück schenkt schon mal ein", sagt die Moderatorin. "Steinbrück schenkt gerne mal Leuten einen ein", sagt Gabriel. Die Anwesenden lachen. Steinbrück auch.

Harmonie ist jetzt wichtig. Knapp ein Jahr ist es her, dass die drei zuletzt gemeinsam die Bühne suchten, und es lässt sich nicht sagen, dass sie seither allzu viel dafür getan hätten, um als Dreieinigkeit wahrgenommen zu werden. Zu unterschiedlich wirken ihre politischen Ansätze, als dass man ihnen abnähme, auf einer gemeinsamen Mission zu sein. Sie streiten sich über Europa, sie verzweifeln an Angela Merkel, und dann ist da noch die Sache mit der Kanzlerkandidatur. Einer von ihnen muss es am Ende ja machen, nur scheint keiner von ihnen prädestiniert für diese Aufgabe.

"Wenn es mehrere gibt, werden die Mitglieder entscheiden"

Sie wollen die K-Frage deshalb so spät wie möglich entscheiden. Und eigentlich auch nicht drüber reden. Eigentlich. In Elmshorn aber ist es der Parteivorsitzende höchstselbst, der sich - unaufgefordert - zu einem Satz hinreißen lässt, der die Debatte über den Kandidaten neu anstoßen könnte. "Wenn es mehrere gibt, werden das die Mitglieder der deutschen Sozialdemokratie entscheiden", sagt Gabriel. Mancher Genosse blickt verdutzt in die Runde. Es ist ein Flirt mit der Urwahl, die die meisten in der SPD-Führung nicht nur für unwahrscheinlich, sondern auch für viel zu riskant halten. Denn wer auch immer in einem Duell verlöre, würde politisch wohl so schnell nicht wieder auf die Beine kommen.

Gabriel aber liebt die Idee der Urwahl. Und er liebt es, sie an Abenden wie diesen ins Spiel zu bringen. In den Ohren von einfachen Parteimitgliedern klingt der Vorschlag gut. Er klingt nach Transparenz, nach Mitsprache. Eine lebhafte Partei ist Gabriels Vision. Heutzutage reiche es vielen nicht mehr, allein im Ortsverein aktiv zu sein, sagt der Parteichef. "Außer in Elmshorn, da würden die das machen", witzelt er. "Ist mir gerade noch so eingefallen."

Die Elmshorner lachen. Wenn jetzt, hier in der Turnhalle, eine Urwahl auf dem Programm stünde - Gabriel müsste sich keine Sorgen machen.

Natürlich ist der Auftritt im Norden auch ein kleines Schaulaufen zwischen ihm und den beiden anderen möglichen Kanzlerkandidaten, Steinmeier und Steinbrück. Die Partei ist Gabriels Revier, er weiß, was die Genossen hören wollen. Er spricht über Ganztagsschulen und den Ausbau von Kindertagesstätten, über faire Löhne und ein bisschen Heimat. Die Politik müsse eher den Alltag der Menschen ausleuchten als "den Bierdeckelradius rund um den Reichstag". Das kommt an. "Mich ärgert die Ignoranz gegenüber den ganz normalen Lebensbedingungen von Menschen, die versuchen, einfach nur klarzukommen", sagt er. Und wenn Professoren "schlaue Vorschläge" zur Sozialpolitik machten, könne er das auch nicht mehr gebrauchen. Schon gar nicht in Buchform.

"Sag nichts gegen Bücher", witzelt Großautor Steinbrück. Es ist eine der wenigen Pointen, die bei ihm sitzen.

Steinmeier trifft den Ton

Steinbrück tut sich ein bisschen schwer, eine gemeinsame Sprache mit dem Publikum zu finden, was aber auch nicht anders zu erwarten war. Seine Formulierungen kommen etwas sperrig daher, er spricht über Verwaltungskooperationen zwischen Schleswig-Holstein und Hamburg, über Infrastrukturgenehmigungen und Kapitalbesteuerungen. Und als er gefragt wird, was ihn besonders ärgere, nennt er "die Empörungswellen", die derzeit über Deutschland hereinbrächen. Das ist nun wirklich gar nicht, was die Leute hören wollen. Sie scheinen schlicht nicht zu verstehen, was genau er damit meint.

Viel besser macht es da schon Steinmeier. Der Fraktionschef, der sich verstärkt mit dem Gedanken anzufreunden scheint, noch einmal ins Rennen zu gehen, redet viel über das Soziale. "Der soziale Zusammenhalt", sagt er, "ist die entscheidende Voraussetzung dafür, dass Zukunft in diesem Land möglich ist." Das klingt ein bisschen schnulzig, aber er erhält dafür ähnlich viel Applaus wie für seine Kritik an der Bundesregierung. Die, findet Steinmeier, schüre in Europa Ressentiments, obwohl Deutschland von der Währungsunion so sehr profitiere. "Das ärgert mich gewaltig." Für Steinmeiers Verhältnisse ist das eine kleine Explosion.

Am Ende des Abends kommt dann auch noch Torsten Albig. Er hält eine überraschend starke Rede. Die Bundesregierung, wie sollte es anders sein, kommt darin nicht gut weg. Aber, sagt er in Richtung der Troika: "Der nächste Kanzler der Bundesrepublik steht hier am Tisch. Ich weiß nur noch nicht genau wo."

Wenn doch nur alles so einfach wäre.

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1.
dummerjunge 26.04.2012
Die SPD scheint unter Größenwahn zu leiden. Wie wollen die denn mit aktuell 24% den Kanzler stellen?
2.
kelim 26.04.2012
Wenn Frau Hannelore Kraft die Wahlen in NRW gewinnt, wäre es eine geniale Entscheidung, würde sie hernach Kandidatin für die Bundestagswahl. Doch die SPD ist nicht besonders schlau und wird Sigmar Gabriel den Vorzug geben und glaubt dabei auch noch an einen eitlen Überraschungseffekt in der Hoffnung, dass nicht allzuviel Wähler zu den Piraten überwechseln, erreicht damit jedoch das Gegenteil. Mit 24 Prozent Stimmanteil werden sie gut bedient sein und Juniorpartner der CDU werden.
3.
hanfbauer2 26.04.2012
...wenn sich SPD, Grüne, Linke und Piraten nicht auf ein gemeinsames Programm einigen können. Es reicht allenfalls für ein Ministeramt unter Merkel. Wenigstens was mit Wagen. Wenn schon nicht mit Piraten, Linken und Grünen "Mehr (direkte) Demokratie wagen" dann wenigstens Fahrer mit Dienstwagen...
4.
Regulisssima 26.04.2012
Den Sozis muss man es zutrauen, dass sie die charmante Andrea Nahles zum Kanzlerkandidaten wählen.
5.
garfield 26.04.2012
Zitat von sysopdapdDissonanzen in der Führung? Von wegen. Bei ihrem ersten gemeinsamen Auftritt seit knapp einem Jahr macht die SPD-Troika aus Gabriel, Steinmeier und Steinbrück auf Harmonie. Die Kanzlerkandidaten-Frage soll eigentlich ausgeblendet werden - doch ausgerechnet der Parteichef hält sich nicht dran. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,829740,00.html
Oh Mann, Scylla und Charybdis, Pest und Cholera - die Menschen in früheren Zeiten musten sich wenigstens nur zwischen zwei Übeln entscheiden. Wir haben deren VIER! Oder glaubt wirklich jemand ernsthaft, es macht den geringsten Unterschied, ob nun Merkel oder einer dieser drei den Kanzlerdarsteller gibt und Agendapolitik, Abbau von Bürgerrechten und Bankenrettung "würdig" "weiterentwickelt"?
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