SPD-Umfragehoch: Roter Scheinriese
30 Prozent oder sogar mehr - der SPD geht es in Umfragen so gut wie schon sehr lange nicht mehr. Mancher in der Partei träumt von der Rückkehr an die Macht, doch bald könnte der Freude Ernüchterung folgen. Denn Chef Sigmar Gabriel ist gerade dabei, schwere Fehler zu begehen.
Die SPD ist wieder da, jedenfalls in der virtuellen Welt der Demoskopie. Die manchmal schon dem Untergang überantwortete Volkspartei regeneriert sich im Wellness-Becken der Opposition und etabliert sich in den Umfrage knapp vor der Union. Im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale, scheinen sie wacker auf Hölzer zu beißen, um das Triumphgeheul nicht allzu lautstark ausbrechen zu lassen. Brav werden Parolen ausgegeben, wonach das nicht in erster Linie auf die eigenen Verdienste zurückzuführen sei, sondern auf die katastrophale Performance der Bundesregierung.
Das stimmt - und stimmt wieder nicht.
Es gibt die große Binsenweisheit, dass man immer so gut spielt, wie der Gegner es zulässt. Aber spielen muss man schon selber.
In seinem knappen Jahr als Bundesvorsitzender ist es Sigmar Gabriel gelungen, die SPD insgesamt zu einer entspannteren Partei zu machen. Das ist nach fast anderthalb Jahrzehnten permanenten Erregungszustandes eine große therapeutische Leistung.
Zugleich hat Gabriel in diesem knappen Jahr dreimal eklatant nachgewiesen, dass er nach wie vor eine große Gabe dafür hat, mit dem Hintern einzureißen, was er vorne aufgebaut hat.
- Einmal hat er aus der Ferne einer griechischen Insel mit dem Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan geliebäugelt,
- das nächste Mal das Minderheitenmodell von Hannelore Kraft in Nordrhein-Westfalen als denkbar für den Bund bezeichnet,
- und zuletzt war er drauf und dran, die Rente mit 67 den Abrissbirnen der Partei zu übergeben.
Alle drei Gabrieladen gingen vor allem auf die Knochen und die Nerven des weißhaarigen Mannes an der Spitze der SPD-Bundestagsfraktion. Frank-Walter Steinmeier bewahrte dreimal mit Mühe Contenance und versuchte, die Sache hinter den Kulissen wieder geradezubiegen.
Einmal ist ihm dabei das Wort "Quatsch" entfleucht.
Der verheerende Fehler mit der Rentenfrage
Für die SPD, die Totgesagte, ist das Regieren in Berlin wieder in den Bereich des Möglichen gerückt, viel schneller, als sie zu träumen wagte. Das ist schön für sie, hat aber unmittelbare Folgen. Wer sich schon für 2013 wieder in Position schiebt, Regierungsverantwortung zu übernehmen, darf sich bis dahin nicht in fröhlichem Eskapismus ergehen und oppositionelle Phantasien ausleben wie bei der Rente mit 67. Es bringt nichts, sich jetzt bei zugehörigen Wählerklientel anzubiedern, um sie hinterher an der Macht wieder vor den Kopf stoßen zu müssen. Die Rente mit 67 ist hart, aber richtig, und nach Lage der Dinge werden wir auf eine Rente mit 70 zusteuern. Das muss man den Leuten, auch und gerade den eigenen, schonend beibringen - und ihnen nicht nach dem Mund schwätzen.
Hier hat Gabriel einen verheerenden Fehler gemacht. Bei dem Parteitag in gut einem Monat wird es besondere Kunst erfordern, die Geister, die er rief, dazu zu bringen, freiwillig wieder Ruhe zu geben.
Ein schweres Versäumnis von Gabriel ist es auch, die Wiederaufforstung der SPD in den brandgerodeten Bundesländern nicht zur Chefsache gemacht zu haben. Bis zur Bundestagwahl 2013 werden in Deutschland neun Landtagswahlen stattfinden, und jede wird zeigen, wie substantiell der Höhenflug wirklich ist. Die eine mehr, die andere weniger.
Macht ohne solide Länderbasis
Selbst unter Menschen, die Politik hauptberuflich betreiben, wäre die folgende Frage bei Günther Jauch ein Stolperstein auf dem Weg zur Million: "Wer tritt für die SPD in Baden-Württemberg an?"
Schaut man auf die Liste der Landtagswahlen, so streift das Auge den wiedererstarkten Pfälzer Monarchen Kurt Beck, aber auch den etwas abgetakelten Berliner Klaus Wowereit sowie den wackeren Jens Böhrnsen in Bremen, der nur einmal auf sich aufmerksam machte, als er kurz Bundespräsident sein musste. Ansonsten changieren die ersten Assoziationen zwischen "Wer ist da noch mal als Kandidat absehbar?" (Nils Schmid in Baden-Württemberg) bis zu "Schon mal gehört, aber wie heißt der mit Vornamen?" (Erwin Sellering in Mecklenburg Vorpommern).
Seine eigene Karriere mag Gabriel ein Beleg dafür zu sein, dass eine solide Länderbasis nicht mehr nötig ist, bevor man im Bunde die Macht erhält. Das ist ein Irrglaube. Gabriel, der als Gerhard Schröders Erbwalter einmal kurz Ministerpräsident von Niedersachsen sein durfte und nie eine Wahl gewonnen hat, ist genau deshalb immer noch ein Flachwurzler. Kein Tiefwurzler.
Die SPD braucht aber tiefe Wurzeln, damit sie in ihrer neuen Höhe stehen bleibt.
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
- alles aus der Rubrik Politik
- Twitter | RSS
- alles aus der Rubrik Deutschland
- RSS
- alles zum Thema Sigmar Gabriel
- RSS
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
- Freitag, 20.08.2010 – 12:07 Uhr
- Drucken Versenden
- Nutzungsrechte Feedback
- Kommentieren | 166 Kommentare
- Rente mit 67: Gabriel weist Müntefering zurecht (20.08.2010)
- Umstrittene Reform: SPD verzettelt sich im Renten-Streit (18.08.2010)
- Flügelstreit: Angeblicher Rentenkompromiss irritiert SPD-Linke (18.08.2010)
- SPD: Steinmeier und Gabriel beenden Renten-Debatte (18.08.2010)
- Krisenprofiteur SPD: Gabriels Operation Kanzleramt (14.06.2010)
- Mission in Bellevue: Wulff beklagt jämmerliches Politiker-Image (20.08.2010)
- Debatte über Bildungs-Card: Experiment mit Flopgarantie (20.08.2010)
MEHR AUS DEM RESSORT POLITIK
-
Abgeordnete
Bundestagsradar: Alle Fakten, alle Abstimmungen, alles Wissenswerte -
Regierung
Schwarz-gelbe Koalition: Das ist Merkels Kabinett -
Umfragen
"Sonntagsfrage": Der aktuelle Trend anhand von Umfragen -
Nachgefragt
Abgeordnetenwatch auf SPIEGEL ONLINE: Ihr direkter Draht in die Politik -
Rundgang
Kanzleramt, Bundestag, Ministerien: Das ist das politische Berlin







