70. Geburtstag des Altkanzlers SPD fehlt das Schröder-Gen

Erst diskutiert die SPD auf einer Regierungskonferenz, dann feiert sie den 70. Geburtstag des Altkanzlers. Es wird an diesem Tag klar, was die Sozialdemokraten von Gerhard Schröder lernen können: Selbstbewusstsein.

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Berlin - Er ist dann doch auch stolz, dass seine Partei ihn so feiert. Nach all den Jahren, all den Zerwürfnissen. Es ist gekommen, wer Rang und Namen in der Partei hat, dazu viele prominente Begleiter aus Wirtschaft und Kultur. SPD-Chef Sigmar Gabriel sagt in seinem Grußwort über Gerhard Schröder: "Es ist mir eine Ehre, einen der ungewöhnlichsten sozialdemokratischen Politiker zu würdigen."

Schröder, der am Montag 70 Jahre alt wird, strahlt. Braungebrannt, das Kinn leicht vorgereckt, die typische Schröder-Haltung. Er bedankt sich bei seiner Partei für die Sause im Hamburger Bahnhof. "Ich bin froh darüber, dass ich hier sein darf", sagt Schröder. Aber vor allem, das merkt man ihm an, ist Schröder in diesem Moment stolz auf sich selbst. Dass er es so weit gebracht hat.

Selbstbewusstsein. Das hatte einer wie Gerhard Schröder immer im Überfluss. So viel, dass es zu guten Zeiten gleich für ihn und eine ganze Volkspartei reichte. Erst jagten Schröder und die SPD 1998 Helmut Kohl nach 16 Jahren das Kanzleramt ab, dann machten sie sich gemeinsam mit den Grünen daran, das Land und die Gesellschaft zu verändern. Die Agenda-Politik setzte man sogar gegen massive Widerstände in der Bevölkerung durch, aber das war schon mehr Schröder als die SPD. Schließlich spielte er alles oder nichts, da war seine Partei schon zerrissen, und setzte 2005 Neuwahlen durch - das Ende ist bekannt.

Zum Teil ist Schröder also verantwortlich dafür, dass die SPD bundespolitisch seit einem knappen Jahrzehnt nicht mehr auf die Beine kommt, dazu kommt seine geschäftliche Nähe zu Russlands Präsident Wladimir Putin, die dieser Tage besonders problematisch erscheint - andererseits wäre ein bisschen Schröder genau das, was die Genossen bräuchten: Mut, manchmal vielleicht sogar ein bisschen mehr. Zu seinen Kanzlerzeiten war häufig von Chuzpe die Rede.

Immerhin hat es seine Partei inzwischen wieder in die Bundesregierung geschafft, wo die SPD seit Monaten ein sozialdemokratisches Projekt nach dem anderen umsetzt. Das Problem aus Genossensicht ist bloß: Die Bürger scheinen es nicht zu honorieren.

Man redet miteinander übers Regieren

Und deshalb müssen sie nun am Sonntagnachmittag oben im zweiten Stock der Akademie der Künste schwitzen, während unten auf dem Pariser Platz die Touristen im Sonnenschein lustwandeln. "Die SPD regiert. Das Land kommt voran." Dieses Motto hat Sigmar Gabriel der ersten Regierungskonferenz seiner Partei vorangestellt, die Sozialdemokraten in Bund, Ländern und Kommunen sollen miteinander über ihre Arbeit reden. Damit die Menschen im Land endlich merken, dass es wegen der SPD vorwärts geht in Deutschland.

So wünscht es sich jedenfalls der Parteichef. In der ersten Reihe sitzen die SPD-Bundesminister und Ministerpräsidenten, dahinter viele sozialdemokratische Minister aus den Ländern und Oberbürgermeister. "Wir haben eine Menge aufzubieten", sagt Gabriel. Woran es seiner Partei dagegen fehle, sei eben: Selbstbewusstsein.

Es sind ja durchaus beeindruckende Zahlen, die Gabriel referiert: Seine Partei regiert im Bund mit, sie stellt in 13 von 16 Ländern den Regierungschef oder ist an der Koalition beteiligt, in acht der zehn größten deutschen Städte ist ein Genosse Oberbürgermeister. Aber dann gibt es eben noch diese anderen Zahlen. Das sind die Umfragen. Dort liegt die Union stabil über der 40-Prozent-Marke, während die SPD kaum 25 Prozent knackt.

Aus Sicht der Bürger ist die SPD offenbar ein Scheinriese. Die Sozialdemokraten mögen sich abrackern - aber so gut wie alles, was in diesem Lande gutläuft, scheint am Ende bei der Kanzlerin Angela Merkel und ihrer Union hängenzubleiben.

Bei der Europawahl droht die nächste Pleite

Und die Sorge der SPD ist nun, dass sich trotz ihres verhältnismäßig populären Spitzenkandidaten Martin Schulz diese Kräfteverhältnisse bei der anstehenden Europawahl genauso darstellen werden. Zumal die CDU fürs erste sogar Kanzlerin Merkel plakatieren wird, obwohl sie Ende Mai nicht zur Wahl steht.

An Gabriel selbst liegt es bestimmt nicht, dass die SPD zu oft in Sack und Asche geht. Er tritt schon immer selbstbewusst auf, vielleicht hat ihn Schröder auch deshalb einst als Ahnen prädestiniert, als er sagte: "Der Dicke muss es irgendwann machen." Gerade hat Gabriel einen Brief an die Mitarbeiter seines Wirtschaftsministeriums verschickt, in dem er sich für die Umsetzung der Energiewende rühmt.

Und das Rentenpaket, der Mindestlohn, die Doppelpass-Regelung - "wir können schon jetzt stolz sein", ruft Gabriel seinen Parteifreunden zu. Also bitte weiter so, wünscht sich der SPD-Chef. Und so reden die Genossen dann über ihre Arbeit, es gibt zwei Gesprächsrunden auf dem Podium - aber am Ende bleibt irgendwie doch vor allem hängen, was in dieser Republik alles nicht klappt. Wo das Geld nicht reicht, wo der Umbau zu den regenerativen Energien lahmt, wo mehr für Kinder getan werden muss. Die SPD wirkt an diesem Nachmittag wieder mal wie eine verzagte Partei.

Irgendwann sagt der Saarländer Heiko Maas, seit einigen Monaten Bundesjustizminister: "Die SPD muss irgendwann lernen zu erklären, dass das Glas nicht halbleer, sondern halbvoll ist." Der Satz könnte auch von Gerhard Schröder stammen.

insgesamt 163 Beiträge
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Seite 1
E.A.123 06.04.2014
1. jo
und vor allem das FDP-Gen--. Weg von der Bildfläche.. Ehemaliges SPD-Mitglied. Das g ist ein anderes als bei Weg..
heguneptun18 06.04.2014
2. Qualm und Gas!
Ja, dann hat er den Genossen Helmut bald eingeholt!
schwaebischehausfrau 06.04.2014
3. Deutschland braucht mehr Schröder und Putin...!!
Schröder war mit sicher der letzte Kanzler, der überhaupt den Mumm besessen hat, maßgebliche Reformen umzusetzen. Gegen massivste Widerstände - besonders in seiner eigenen Partei. Was haben wir stattdessen: Eine Kanzlerin, deren größte Kompetenz es ist, nichts zu tun und die konkrete Positionen scheut wie der Teufel das Weihwasser. Und in der SPD Figuren wie Nahles - die wäre unter Schröder weder Ministerin noch sonstwas geworden...Armes Deutschland..!!!
THINK 06.04.2014
4.
Zitat von sysopGetty ImagesErst diskutiert die SPD auf einer Regierungskonferenz, dann feiert sie den 70. Geburtstag des Altkanzlers. Es wird an diesem Tag klar, was die Sozialdemokraten von Gerhard Schröder lernen können: Selbstbewusstsein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-und-gerhard-schroeder-der-altkanzler-feiert-70-geburtstag-a-962855.html
Dümmliche Arroganz hat wenig mit Selbstbewusstsein zu tun.
tomymind 06.04.2014
5. Danke Gerd!
Zitat von sysopGetty ImagesErst diskutiert die SPD auf einer Regierungskonferenz, dann feiert sie den 70. Geburtstag des Altkanzlers. Es wird an diesem Tag klar, was die Sozialdemokraten von Gerhard Schröder lernen können: Selbstbewusstsein. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spd-und-gerhard-schroeder-der-altkanzler-feiert-70-geburtstag-a-962855.html
Du lupenreiner Gas-Demokrat und Zeitarbeitslobbyist, die Unternehmen/Aktionäre/Job Creators sparen sich Löhne & Sozialabgaben und ich mir meinen SPD-Parteibeitrag. Win-Win
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