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SPD und Linke: Geheimpakt der roten Damen

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Sie treffen sich, klagen sich ihr Leid über die Männerherrschaft in ihren Parteien, planen gemeinsame Projekte: Juso-Chefin Drohsel und Linke-Vizechefin Kipping praktizieren längst, wovor sich viele Genossen fürchten - eine Politik des Wandels durch Annäherung.

Berlin - Oskar Lafontaine findet die heftige Ablehnung in der SPD seiner Person "apolitisch". Sandkastenspiele seien es, "wenn man sich weigert mit jemandem zu reden, nur weil einem die Nase nicht gefällt". Aber er weiß selbst nur zu gut, dass persönliche Beziehungen oft die politische Farbenlehre bestimmen. Lafontaines Spitzengenosse Gregor Gysi hat diese neue Unübersichtlichkeit in den persönlichen und politischen Koordinaten jüngst in einer Sitzung der Bundestagsfraktion in eine launige Anekdote gepackt: "Wenn ich vor zehn Jahren prophezeite hätte, dass Kohl und Schäuble beide mit mir reden, aber nicht mehr miteinander; und dass ich mit Lafontaine befreundet bin, der aber nicht mehr mit Schröder spricht - man hätte mich für verrückt erklärt."

Juso-Vorsitzende Drohsel: Gegen die Männerherrschaft
AP

Juso-Vorsitzende Drohsel: Gegen die Männerherrschaft

Vielleicht braucht es für eine pragmatische Annäherung im ungewohnten Fünf-Parteien-System ganz neue Gesichter, frische Kräfte, die noch das Verbindende suchen und nicht durch alte Wunden und Risse voneinander getrennt werden. Während alle mit dem Finger aufeinander zeigen und die zur Zeit beliebteste politische Vokabel "Wortbruch" lautet, laufen auf anderer Ebene längst solche Gespräche.

Die Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel, 27, und die Vize-Chefin der Linken Katja Kipping, 30, sind Reservekader ihrer Partei, die kommende Generation. Die Hahnenkämpfe der rotgesichtigen Herren in ihren jeweiligen Clubs betrachten sie eher reserviert-amüsiert. Die jungen Frauen haben sich in den vergangenen Wochen ein paar mal klandestin getroffen. Die beiden roten Damen haben keine Lust als hübsches Apercu auf Vorstandsfotos und Wahlplakaten zu verkommen. Erst klagten sie sich beim Rotwein in der Berliner Kneipe "Aufsturz" nur gegenseitig das Leid mit der Männerherrschaft in ihren Parteien. Dann reifte die Idee, ohne Wissen und Zustimmung ihrer Chefs, nun gemeinsame Aktionen zu planen. Sie berieten sich gegenseitig bei Thesenpapieren zur Sozialpolitik, die sie nun veröffentlichen und mit denen sie sich frontal gegen ihre jeweiligen Vorstände stellen.

Abrechnung mit den Hartz-Reformen

Drohsel rechnet mit der SPD-Politik des "Förderns und Forderns ab". Sie verlangt eine Bestandsaufnahme der Sozialreformen, die Gerhard Schröder einst durchdrückte und liefert ihre Bilanz auch gleich mit: "Das Ergebnis ist verheerend". Die Arbeitsmarktreformen hätten nicht zu "hoch qualifizierten, hoch flexibilisierten Humankapital" geführt, sondern zu "gebrochenen Menschen". Die SPD als Partei der sozialen Gerechtigkeit habe an "Glaubwürdigkeit verloren". Damit stellt sich Drohsel gegen die Agenda 2010 und Hartz IV, was normalerweise willkommenes Wasser auf die Mühlen der Linken wäre.

Kipping geht mit ihrer Partei genauso hart ins Gericht. Sie konzentriert sich in ihrem Thesenpapier auf das Thema Rente. Kein Zufall, es ist eines der Lieblingsthemen von Parteichef Lafontaine, der in den 20 Millionen deutschen Rentnern noch viel Stimmungspotential sieht. In jeder Rede geißelt er den "Anlagebetrug der Riester-Rente" und die "Rentendiebe der neoliberalen Parteien". Doch Kipping kritisiert nun ihrerseits den dahinter stehenden Populismus: "Kürzlich beschloss der Parteivorstand das Thema Rente zu einem der zentralen Kampagnenschwerpunkte zu machen. Das wäre an sich auch vollkommen richtig. Dass dem Beschluss zur Rentenkampagne jedoch kein Beschluss über ein Rentenkonzept der Partei vorangegangen ist, ist mehr als nur ein Schönheitsfehler", schreibt sie. Sie weist in ihrem Thesenpapier auf die Widersprüche hin innerhalb der Rententhesen der linken Bundestagsfraktion: "Dies ist in der Öffentlichkeit bisher nicht besonders aufgefallen. Zum Glück für die Wahlkämpfe in Hessen und Niedersachsen".

Abgewartet bis nach den Landtagswahlen

Kipping und Drohsel hatten überlegt, noch vor der Hamburg-Wahl mit den Papieren in ihre Vorstände zu marschieren, aber dann doch gekniffen, weil sie in der Öffentlichkeit nicht allein unter dem "Aspekt Rot-Rot" diskutiert werden wollten. "Wir haben beide nie nur Parteipolitik gemacht.", sagt Kipping. Deshalb sei es leichter, anders als in "der Machtarithmetik der Männer" (Drohsel), Gemeinsamkeiten zu entdecken. Die Rituale des Hauens und Stechens stoßen sie eher ab. "Wir haben ganz andere Prägungen", sagt Kipping. Sie sind die Repräsentanten der Generation Praktikum: "Wir wissen, was prekäre Arbeitsverhältnisse sind", sagt die ostdeutsche Kipping. Beim Mauerfall war sie elf Jahre alt, Arbeitslosigkeit erlebte sie in der eigenen Familie. Für eine Jungpolitikerin wie Drohsel war der Tod des Nirvana-Sängers Kurt Cobain und der Kosovo-Krieg dramatischer als der Mauerfall. Aber genauso wie Kipping ist sie eher in den außerparlamentarischen Organisationen unterwegs als in Berliner Hinterzimmern und Kungelrunden.

Im November 2007 wurde Drohsel mit 75,6 Prozent neue Juso-Chefin, das beste Ergebnis bei einer Jusowahl seit 1969. Schlagartig bekannt wurde die neue Vorsitzende aber, als sie aufgrund öffentlichen Drucks ihre Mitgliedschaft in der "Roten Hilfe" aufgab, einem Rechtshilfeverein, der sich nicht besonders scharf von RAF-Terroristen abgrenzt. Drohsel bekam damals eine Art Crash-Kurs zu dem Thema Medien und Politik, es war eine harte Landung im Parteienestablishment der Berliner Republik.

Rote Hilfe geben sich Kipping und Drohsel nun gegenseitig. Sie planen bereits gemeinsame Podiumsdiskussionen, betrachten ihre Sozialstaatspapiere, mit denen sie sich keine Freunde machen werden in den jeweiligen Parteien, als Auftakt für "langfristige gemeinsame Projekte". Noch im März wird Drohsel mit einem weiteren Kollegen von den Linken auf einem Podium sitzen: Zusammen mit Gregor Gysi, Fraktionsführer der Linken, und dem Ver.di-Chef Frank Bsirske, Mitglied bei den Grünen, diskutiert sie dann in Berlin zwei Bücher über den Neoliberalismus. Drohsel schreibt gerade passenderweise an ihrer Doktorarbeit in Jura über Tarifautonomie - und Koalitionsfreiheit.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 4 Beiträge
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1. Prima Aussichten
W.F.S, 04.03.2008
Zitat von sysopSie treffen sich, klagen sich ihr Leid über die Männerherrschaft in ihren Parteien, planen gemeinsame Projekte: Juso-Chefin Drohsel und Linke-Vizechefin Kipping praktizieren längst, wovor sich viele Genossen fürchten - eine Politik des Wandels durch Annäherung. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,539036,00.html
Prima Aussichten. Mit Böhning und Drohsel hat die SPD ja den richtigen Nachwuchs. Konzepte für die Zunkunft? Fehlanzeige. Bleibt nur zu hoffen dass sie den gleichen Wandel durchmachen wie die JUSO der 70er Jahre und irgendwann auch mal was konstruktives zu diesem Land beitragen. Gab ja schon viele Politiker die sich vom Ideologen in der Jugend zum gemäßigten Pragmatiker im Alter entwickelt haben. Bei den beiden sollte es nur deutlich schneller gehen. So viel Zeit wie damals hat Deutschland heute nicht mehr.
2. Ab ins Mamaland
Kaiserbubu 04.03.2008
Wahrscheinlich können es die Frauen besser. Allerdings Frau Ypsilanti macht eine immer schlechtere Figur.Frau Drohsel und Frau Kipping sind auf dem richtigen Weg. Die machtgeilen Altherrenriegen sind ekelhaft. "Muttis ist eben doch die Besten".
3. Arme SPD
abita 04.03.2008
In dem Frauenverein fehlt nur noch A.Nahles. Am besten legen sich diese Damen doch gleich mit den LINKEN ins Bett.
4. Neue Frauen braucht das Land
Yu~, 06.03.2008
Zitat von W.F.SPrima Aussichten. Mit Böhning und Drohsel hat die SPD ja den richtigen Nachwuchs. Konzepte für die Zunkunft? Fehlanzeige. Bleibt nur zu hoffen dass sie den gleichen Wandel durchmachen wie die JUSO der 70er Jahre und irgendwann auch mal was konstruktives zu diesem Land beitragen. Gab ja schon viele Politiker die sich vom Ideologen in der Jugend zum gemäßigten Pragmatiker im Alter entwickelt haben. Bei den beiden sollte es nur deutlich schneller gehen. So viel Zeit wie damals hat Deutschland heute nicht mehr.
Es ist doch nicht weiter verwunderlich, dass man in dem Alter noch nicht auf sämtliche Fragen des Politik-, Wirtschafts- und Gesellschaftslebens eine befriedigende Antwort gefunden hat. Oder sind die Zukunftskonzepte unserer etablierten Parteien etwa so umwerfend, dass man keine bessere Antwort darauf finden könnte? Alter schützt aber auch nicht vor Torheit ... wenn ich mir so manche dubiosen Ehrenworte und Wortbrüche eines gereiften Herrn Dr. H. Kohl anschaue... Stimmt, aber vor allem sollte es deutlich schneller gehen, bis solche noch nicht strukturdeformierten, kreativen und kooperationsfähigen PolitikerInnen an die fest in der Hand einer Altherrenriege befindlichen Hebel der Macht kommen ... zugegeben, an der Spitze der Regierung steht unsere Sonnenkönigin, aber ansonsten beträgt der Frauenanteil noch nicht mal ein Drittel. http://www.bundestag.de/blickpunkt/bilderInhalte/0402/grafiken/gross/04020201.gif Einzig die Grünen als Heimat der Frauenbewegung schaffen es auf über 50% zu kommen, während die CDU/CSU mit schwachen 23% dahindümpelt und selbst die Liberalen sind in der Geschlechterfrage so liberal, dass sie gerade mal ein Viertel ihrer Sitze an Frauen vergeben. http://www.bundestag.de/blickpunkt/bilderInhalte/0402/grafiken/gross/04020211.gif http://www.bundestag.de/blickpunkt/104_Dossier/0402020.html Ach ja, und das mit den Hebeln am besten noch bevor die komplette Deutschland AG ausverkauft wurde gegen kleine, grüne, immer wertloser werdende Papierschnipsel ... Sie wissen schon, die wo In God We Trust und ähnlicher Blödsinn draufsteht.;)
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