Analyse nach der Bundestagswahl Diese Lehren zieht die SPD aus ihrer Pleite

Wie kam es zum historischen Absturz der SPD bei der Bundestagswahl? Fünf Experten haben monatelang die Fehler der Partei analysiert - und zeichnen ein verheerendes Bild. Die wichtigsten Punkte im Überblick.

Martin Schulz, Andrea Nahles
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Martin Schulz, Andrea Nahles

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Die SPD arbeitet ihre Niederlage bei der Bundestagswahl auf. Eine externe Gruppe von fünf Experten hat am Montag eine umfassende Analyse vorgelegt. Die Autoren führten 101 Interviews, mit Funktionären, Wahlforschern, Journalisten und Sozialwissenschaftlern. "Aus Fehlern lernen", lautet der Titel. Und Fehler, das zeigt der 108 Seiten lange Bericht, hat die SPD viele gemacht.

Der Wahlkampfstratege Frank Stauss ist einer der Autoren. Die Analyse beschränke sich nicht auf 2017, sagt er. Die Probleme der SPD hätten sich seit mehr als einem Jahrzehnt angestaut. Sie seien "nicht kurzfristig entstanden und lassen sich auch nicht kurzfristig beheben", so Stauss.

Die Analyse angeschoben hatte noch Ex-Parteichef Martin Schulz. Er trug als Kanzlerkandidat die Verantwortung für die Wahlschlappe - 20,5 Prozent, das schlechteste Ergebnis der SPD bei einer Bundestagswahl. Doch in dem Bericht gehe es nicht um Schuldzuweisungen, sagt Schulz' Nachfolgerin Andrea Nahles. Alle Genossen müssten sich angesprochen fühlen. Oder, wie es die Autoren formulieren: "Kollektive Verantwortungslosigkeit muss ein Ende haben. Jeder trägt in jeder Funktion Verantwortung. Der Ortsvereinsvorsitzende genauso wie die Landtagsabgeordnete und das Präsidiumsmitglied."

Es gehe um "nichts Geringeres als die Zukunft der Sozialdemokratie in Deutschland", heißt es in dem Bericht, den die SPD auf ihrer Webseite veröffentlicht hat, weiter. Um diese zu sichern, müsse die Parteiführung handeln, "ernsthaft und entschlossen, schnell und grundlegend".

Was waren die größten Fehler der SPD im Wahlkampf? Und welche Lehren soll die Partei ziehen? Ein Überblick.

Die Kandidatenfrage

Die SPD habe die Wahl nicht 2017 verloren, "sondern spätestens 2015". So lautet der erste Satz in einem Kapitel, das den Titel "Schiffbruch mit Ansage" trägt. Es sei tragisch, dass die SPD "exakt die gleichen Fehler begangen" habe wie im Wahlkampf 2013.

So sei es ein "Kardinalfehler" gewesen, den Spitzenkandidaten Schulz erst im Januar 2017 zu benennen - acht Monate vor der Bundestagswahl. Parteichefin Nahles will das beim nächsten Mal unbedingt anders machen. "Wir wollen die Spitzenkandidatur früher und geordneter erklären als das bisher der Fall gewesen ist", sagte sie am Montag.

Das allein dürfte aber kaum ausreichen. Die Autoren empfehlen, die SPD müsse schnell handlungsfähig werden und einige Fragen klären: "Was bedeutet die Regierungsbeteiligung für den Wahlkampf? Welche personelle Konstellation ist zu erwarten - auf SPD-Seite, aber auch bei den Wettbewerbern?" Eine strategische Planung sei "für eine vernünftige Aufgabenverteilung zwingend erforderlich".

Die Parteizentrale

Die SPD sei "nicht kampagnenfähig" gewesen. So lautet das schonungslose Urteil der Experten. Die strategische Kommunikation sei "nicht auf der Höhe der Zeit". Oder wie Nahles es ausdrückt: "Die rechte Hand wusste oft nicht, was die linke will."

Größtes Manko, so heißt es im Bericht unter der Überschrift "Königsdisziplin Wahlkampf", sei "das Fehlen eines eingespielten, mehrköpfigen und klar definierten strategischen Zentrums im Willy-Brandt-Haus" gewesen. In vielen Fällen seien Vorarbeiten nicht genutzt oder hausintern Doppelarbeiten beauftragt worden.

Wie will die SPD das nun ändern? Die Autoren empfehlen, klare Aufgaben und Zuständigkeiten für die Parteiführung zu definieren, die Zahl der Stellvertreter sowie der Mitglieder in Vorstand und Präsidium zu reduzieren sowie sämtliche Wahlkreise und Landesverbände einer "Stärken- und Schwächenanalyse" zu unterziehen.

Der Vertrauensverlust

Die SPD hat nicht erst im vergangenen Jahr, sondern seit 1998 massiv an Vertrauen verloren. Die Erfolge der AfD und die Ablehnung der Großen Koalition seien nicht nur ein Warnschuss gegen die Flüchtlingspolitik, schreiben die Autoren. Es handele sich auch "nicht nur um eine temporäre Politikverdrossenheit". Stattdessen gebe es bei vielen eine "offen zu Markte getragene Politikverachtung". Die SPD habe die Dramatik des Vertrauensverlusts noch nicht vollends begriffen.

Das Fazit der Experten: Die SPD müsse sich mehr als andere Parteien um eine Reparatur des beschädigten Verhältnisses zu ihren Wählern bemühen. So müsse die Sozialdemokratie "alles daran setzen, den Eindruck von staatlichem Kontrollverlust zu vermeiden und den Unterschied in der politischen Konzeption zum Koalitionspartner sichtbar zu pflegen".

Die Agendapolitik

Die Entfremdung zwischen der SPD und großen Teilen ihrer Wähler hat einen wesentlichen Ursprung in der Agendapolitik von Gerhard Schröder. Ab Mitte März habe das Thema Gerechtigkeit im Schulz-Wahlkampf aber keine prioritäre Rolle mehr gespielt. Das Problem sei zudem: "Die Aufsteiger und Profiteure der sozialdemokratischen Reformpolitik von einst sind längst Teil der gesellschaftlichen und politischen Oberschicht geworden." Ihre Lebensentwürfe hätten sich weit von jenen ihrer Wählerklientel entfernt.

Dies lasse sich nicht über Nacht beheben. Doch die SPD müsse sich neu orientieren und sich stärker um Menschen in Dienstleistungsberufen kümmern. Diese stünden massiv unter Druck, rund vier Millionen Arbeitnehmer verdienten kaum mehr als den Mindestlohn. Allen Sozialdemokraten müsse klar sein: "Die Balance in der gesellschaftlichen Mitte ist aus dem Lot geraten."

Konkret müsse die SPD das Thema Gerechtigkeit "selbstbewusster als in den vergangenen Jahren begründen und durchdeklinieren". Dazu gehörten Verteilungsfragen, die Absicherung von Lebensrisiken, Mieten und das Stadt-Land-Gefälle.

Wie funktioniert die Civey-Methodik?
Das Meinungsforschungsinstitut Civey arbeitet mit einem mehrstufigen vollautomatisierten Verfahren. Alle repräsentativen Echtzeitumfragen werden in einem deutschlandweiten Netzwerk aus mehr als 20.000 Websites ausgespielt ("Riversampling"), es werden also nicht nur Nutzer von SPIEGEL ONLINE befragt. Jeder kann online an den Befragungen teilnehmen und wird mit seinen Antworten im repräsentativen Ergebnis berücksichtigt, sofern er sich registriert hat. Aus diesen Nutzern zieht Civey eine quotierte Stichprobe, die sicherstellt, dass sie beispielsweise in den Merkmalen Alter, Geschlecht und Bevölkerungsdichte der Grundgesamtheit entspricht. In einem dritten Schritt werden die Ergebnisse schließlich nach weiteren soziodemografischen Faktoren und Wertehaltungen der Abstimmenden gewichtet, um Verzerrungen zu korrigieren und Manipulationen zu verhindern. Weitere Informationen hierzu finden Sie auch in den Civey FAQ.
Warum ist eine Registrierung nötig?
Die Registrierung hilft dabei, die Antworten zu gewichten, und ermöglicht so ein Ergebnis für die Umfragen, das für die Wahlbevölkerung in Deutschland repräsentativ ist. Jeder Teilnehmer wird dabei nach seinem Geschlecht, Geburtsjahr und Wohnort gefragt. Danach kann jeder seine Meinung auch in weiteren Umfragen zu unterschiedlichen Themen abgeben.
Wie werden die Ergebnisse repräsentativ?
Die Antwort jedes Teilnehmers wird so gewichtet, dass das Resultat einer Umfrage für die Grundgesamtheit repräsentativ ist. Bei der Sonntagsfrage und beim Regierungsmonitor umfasst diese Grundgesamtheit die wahlberechtigte Bevölkerung in Deutschland. Die Gewichtung geschieht vollautomatisiert auf Basis der persönlichen Angaben bei der Registrierung sowie der Historie früherer Antworten eines Nutzers. Weitere Details zur Methodik stehen im Civey-Whitepaper.
Erreicht man online überhaupt genügend Teilnehmer?
Meinungsumfragen werden in der Regel telefonisch oder online durchgeführt. Für die Aussagekraft der Ergebnisse ist entscheidend, wie viele Menschen erreicht werden können und wie viele sich tatsächlich an einer Umfrage beteiligen, wenn sie angesprochen werden. Internetanschlüsse und Festnetzanschlüsse sind in Deutschland derzeit etwa gleich weit verbreitet - bei jeweils rund 90 Prozent der Haushalte, Mobiltelefone bei sogar 95 Prozent. Die Teilnahmebereitschaft liegt bei allen Methoden im einstelligen Prozentbereich, besonders niedrig schätzen Experten sie für Telefonumfragen ein.
Es gibt also bei beiden Methoden eine Gruppe von Personen, die nicht erreicht werden kann, weil sie entweder keinen Anschluss an das jeweilige Netz hat oder sich nicht an der Umfrage beteiligen möchte. Deshalb müssen für ein aussagekräftiges Ergebnis immer sehr viele Menschen angesprochen werden. Civey-Umfragen sind derzeit neben SPIEGEL ONLINE in mehr als 20.000 andere Webseiten eingebunden, darunter auch unterschiedliche Medien. So wird gewährleistet, dass möglichst alle Bevölkerungsgruppen gut erreicht werden können.
Woran erkenne ich die Güte eines Ergebnisses?
Bis das Ergebnis einer Umfrage repräsentativ wird, müssen ausreichend viele unterschiedliche Menschen daran teilnehmen. Ob das bereits gelungen ist, macht Civey transparent, indem zu jedem Umfrageergebnis eine statistische Fehlerwahrscheinlichkeit angegeben wird. Auch die Zahl der Teilnehmer und die Befragungszeit werden für jede Umfrage veröffentlicht.
Was bedeutet es, wenn sich die farbigen Bereiche in den Grafiken überschneiden?
In unseren Grafiken ist der statistische Fehler als farbiges Intervall dargestellt. Dieses Intervall zeigt jeweils, mit welcher Unsicherheit ein Umfragewert verbunden ist. Zum Beispiel kann man bei der Sonntagsfrage nicht exakt sagen, wie viel Prozent eine Partei bei einer Wahl bekommen würde, jedoch aber ein Intervall angeben, in dem das Ergebnis mit hoher Wahrscheinlichkeit liegen wird. Überschneiden sich die Intervalle von zwei Umfragewerten, dann können streng genommen keine Aussagen über die Differenz getroffen werden. Bei der Sonntagsfrage heißt das: Liegen die Umfragewerte zweier Parteien so nah beieinander, dass sich ihre Fehlerintervalle überlappen, lässt sich daraus nicht ableiten, welche von beiden aktuell bei der Wahl besser abschneiden würde.
Was passiert mit meinen Daten?
Die persönlichen Daten der Nutzer werden verschlüsselt auf deutschen Servern gespeichert und bleiben geheim. Mitarbeiter von Civey arbeiten für die Auswertungen lediglich mit User-IDs und können die Nutzer nicht mit ihrer Abstimmung in Verbindung bringen. Die persönlichen Angaben der Nutzer dienen vor allem dazu, die Antworten zu gewichten und sicherzustellen, dass die Umfragen nicht manipuliert werden. Um dies zu verhindern, nutzt Civey statistische wie auch technische Methoden. Darüber hinaus arbeitet Civey mit externen Partnern zusammen, die Zielgruppen für Werbetreibende erstellen. Nur wenn Nutzer die Datenschutzerklärung sowohl von Civey als auch von einem externen Partner akzeptiert haben, dürfen Ihre Antworten vom Partner zur Modellierung dieser Zielgruppen genutzt werden. Ein Partner erhält aber keine Informationen zu Ihren politischen und religiösen Einstellungen sowie solche, mit denen Sie identifiziert werden können. Civey-Nutzer werden auch nicht auf Basis ihrer Antworten mit Werbung bespielt. Der Weitergabe an Partner können Sie als eingeloggter Nutzer jederzeit hier widersprechen. Mehr Informationen zum Datenschutz bei Civey finden Sie hier.

Wer steckt hinter Civey?

Civey ist ein Online-Meinungsforschungsinstitut mit Sitz in Berlin. Das Start-up arbeitet mit unterschiedlichen Partnern zusammen, darunter sind neben SPIEGEL ONLINE auch der "Tagesspiegel", "Cicero", der "Freitag" und Change.org. Civey wird durch das Förderprogramm ProFit der Investitionsbank Berlin und durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung finanziert.



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Seite 1
bammbamm 11.06.2018
1. Vertrauensverlust
Wenn man Jahre lang die Kernwählerschft enttäuscht, reicht ein kurzer Lichtblick schlicht nicht aus das Vertrauen wieder zurückzugewinnen. Die SPD wird sich in einem langen Prozess wieder beweisen müssen das sie verstanden haben.....das dann aber Altlasten wie Nahles, die ihren Teil zu diesem Vertrauensverlust beigetragen haben, weiter hofiert werden stellt das ganze "Wir haben verstanden" sowieso in Frage
Emderfriese 11.06.2018
2. Bereit
Mal abgesehen von der Banalität der Feststellung, die SPD müsse die "soziale Gerechtigkeit" stärker ins Auge fassen (wozu ist eine sozialdemokratische Partei sonst da?) - was soll sich jetzt konkret ändern in der Politik der SPD? Das ist die entscheidende Frage, und die kann nur beantwortet werden mit einem schnellen Ende der Groko. Seit Ihr dazu bereit, Genossen?
genugistgenug 11.06.2018
3. Lehren ziehen, ändern wird sich nichts
Denn die Verursacher sind dieselben die weiter entscheiden und dummes Zeug schwafeln um die Menschen zu verkaufen und ihre Posten zu sichern. Würden sich die verantwortlichen Sozen vom Hartz IVerbrechen distanzieren, könnte man Punkte machen - doch dass sind ja dieselben Personen. Außerdem haben die die Arbeiterklasse abgeschafft und durch Jobber ersetzt. Also die eigene Geschäftsbasis entzogen. Das der Mindestlohn in die Altersarmut führt wird ebenso unterschlagen wie die Tatsache, dass die Regel gilt: Armutsrente plus private Vorsorge plus staatliche Aufstockung = Grundsicherung. Die Sozen veraten auch ihr eigenes SPD Grundsatzprogramm '…..Den Menschen verpflichtet, in der stolzen Tradition des demokratischen Sozialismus,… Für eine freie, gerechte und solidarische Gesellschaft. Für die Gleichberechtigung und Selbstbestimmung aller Menschen – unabhängig von Herkunft und Geschlecht, frei von Armut, Ausbeutung und Angst…..'. Immerhin gilt nun endlich ein neuer Spruch "Wer wird uns immer verraten?!"
volker.trimkowski 11.06.2018
4. Immer nur Umverteilung?
Die SPD kann offenbar nicht verstehen, dass man nur (gerecht) umverteilen kann, was vorher erwirtschaftet wurde. Im gesamten Wahlkampf war jedoch von Wirtschaft nie die Rede. Und KMU gar kommen bei der SPD überhaupt nicht mehr vor, sondern bestenfalls Großunternehmen, Großbehörden und Großorganisationen. Angesichts der Bedeutung von KMU bei Ausbildung und Anteil der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten geradezu grotesk. Und nun höre ich, dass es eine Fehleranalyse gibt. Aber auch dort von schlicht fehlender Wirtschaftskompetenz kein Wort.
Safiye 11.06.2018
5. Und die Moral von der Geschicht`
... die sehe ich leider nicht. 4 Mio. darbenden Dienstleistern zu sagen, wir sind für Euch da, reicht längst nicht mehr. Wer sich zum 3. Mal zum Gehilfen von Angela Merkel macht, kann nicht gewinnen. Radikal umdenken und weg von der Mentalität "Geiz is geil" wäre die Devise. Bei wem kommen denn die 300 Mrd. Euro Exportüberschuss an ? Jedenfalls nicht bei denen, die sie wirklich erwirtschaften. Arbeitsnehmer werden seit 15 Jahren hingehalten mit der Angst, man würde bei höheren Lohnforderungen seinen Arbeitsplatz verlieren ... und dabei werden gleichzeitig Firmeninhaber und Investoren von Jahr zu Jah reicher und reicher ohne mehr was abgeben zu müssen. Die viertgrösste Volkswirtschaft der Welt kann sich ordentliche Renten nicht mehr leisten, wird dabei aber jedes Jahr produktiver ? Ja, aber ohne Menschen ... nur ohne Menschen kauft auch niemand mehr. Macht nichts, Deutschland exportiert seinen Wohnstand halt, Binnennachfrage braucht da doch keiner ... Wie blöd ist die SPD, dass sie auf die ewig gestrige CDU reinfällt ? Keine Ideen, keine Visionen mehr
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