Training der Kampfschwimmer: Die Schattenkrieger der Bundeswehr

Von , Lehnin

Sie befreien Geiseln, kämpfen hinter den feindlichen Linien: In Zeiten des Guerilla-Kriegs werden Spezialtruppen wie die Kampfschwimmer der Marine für die Bundeswehr immer wichtiger. Auswahl und Training fordern von den Soldaten alles. Besuch bei der Elitetruppe.

Kampfschwimmer: Häuserkampf in Lehnin Fotos
MARCO-URBAN.DE

Das Ziel ist das Hochhaus im Norden der Stadt. "Gebäude klären und Feind neutralisieren" lautet der Auftrag. Hauptbootsmann Lauf* hat sich einen kleinen Zweig abgebrochen und zeigt damit auf das Satellitenfoto zu seinen Füßen. "Die Region hier im Süden: unsafe. Da hat es lange keine Bewegung gegeben, wir gehen davon aus, dass alles vermint ist." Der Zweig fährt die Hauptstraßen des Orts entlang. "Den Weg könnt ihr frei wählen, der Hubschrauber kann hier im Osten runter. Der Wald im Norden: Insurgents, wir wissen nicht, wie viele."

Insurgents, das sind die Feinde, mit denen die Bundeswehr heute kämpft. Die Strategen sprechen vom asymmetrischen Krieg. Ein militärisch unterlegener Gegner stellt sich nicht dem offenen Gefecht, er attackiert aus dem Hinterhalt, zieht sich sofort wieder zurück. Die Taliban agieren so, Milizen in Afrika, auch die Piraten vor der somalischen Küste. Massive Feuerkraft nützt in diesen Fällen kaum; das Risiko ist für die Bevölkerung viel zu groß - und der Gegner so nicht greifbar.

Die Bundeswehr trainiert Spezialeinheiten für diesen neuen Krieg - das Kommando Spezialkräfte (KSK) des Heeres und die Kampfschwimmer der Marine. Wie die Navy Seals der Amerikaner sollen diese Einheiten den Feind mit den eigenen Waffen bekämpfen - unentdeckt anrücken, schnell und präzise zuschlagen und sich sofort wieder zurückziehen. Hauptbootsmann Lauf und seine Leute gehören zu den Kampfschwimmern.

Im Kalten Krieg sah ihr Einsatzszenario noch so aus: Eine Bedrohung unmittelbar an der Grenze, Kampfschwimmer werden über oder unter Wasser auf der anderen Seite eingeschleust, um Ziele auszuspähen, Hafenanlagen oder Schiffe zu sprengen, gezielt Gegner auszuschalten. Dienst war Vorbereitung auf den Ernstfall.

Heute sind die Kampfschwimmer im Prinzip permanent im Einsatz - oder auf Stand-by. Sie müssen jederzeit mit dem nächsten Marschbefehl rechnen.

Einsatzgebiet der in Eckernförde stationierten Spezialkräfte der Marine ist dabei längst nicht mehr nur die See. Die Kampfschwimmer werden heute triphibisch ausgebildet und eingesetzt, wie es die Bundeswehr nennt. Sie operieren von See aus, an Land oder springen per Fallschirm über ihrem Einsatzgebiet ab. Ihre Aufgaben:

  • asymmetrische Kriegsführung
  • Evakuierungs- und Rettungseinsätze
  • Aufklärung
  • Kampf hinter den feindlichen Linien

Häuserkampf in Brandenburg

Jetzt üben sie Häuserkampf auf dem Truppenübungsplatz Lehnin bei Potsdam. Die Ortskampfanlage 1 heißt im Übungsszenario Rauhberg. Zwei Hauptstraßen, rund 70 Häuser, darunter auch das Gerichtsgebäude, in dem sich die Gegner verschanzt haben. "Häuser" ist geprahlt, es gibt nur nackten Beton, Dächer und Türen. Hinter den Fensterhöhlen lauert der Feind: per Fernsteuerung ausklappbare Scheiben, die Heckenschützen simulieren und bekämpft werden müssen.

Abmarsch aus dem Camp. 16 Mann, schwer beladen mit Waffen und Ausrüstung, an die 30 Kilogramm schultert jeder im Schnitt. Die Männer operieren in Viererteams, jeder übernimmt im Einsatz Spezialaufgaben, als Scharfschütze, Funker, Sanitäter oder Breacher, der am Zielort die Türen knackt. Das Gewehr "low ready" - Finger vor dem Abzug, Mündung auf den Boden gerichtet - geht es los.

Im Schutz der Häuserzeilen pirschen sich die Kampfschwimmer an das Zielgebäude heran. Die Gegner bemerken nicht, wie unten an der Tür eine Sprengladung angebracht wird. Ein Knall, das erste Team geht rein, es fallen Schüsse. Die Kampfschwimmer verwenden PT-Munition. P wie Plastik, T wie Training, der Geschosskopf fliegt nicht so weit wie bei Gefechtsmunition. Auf kurze Distanz ist er trotzdem tödlich.

Fotostrecke

7  Bilder
Kampfschwimmer: Guerilla-Krieg zur See
Hartes Training, geheime Einsätze

Rund 200.000 aktive Soldaten hat die Bundeswehr zurzeit, zu den Kampfschwimmern zählen gerade einmal drei Einsatzteams à 16 Mann, und das liegt nicht an einem Mangel an Bewerbern. Die Anforderungen an diese Spezialisten sind hart, ein extremes Auswahlverfahren soll dafür sorgen, dass nur Leute dabei sind, die auch außergewöhnliche Strapazen aushalten - physisch wie psychisch.

Die meisten Kandidaten scheitern bei den Apnoe-Übungen im Hallenbad, also dem Tauchen ohne Gerät. 50 Meter Streckentauchen sind nur der Anfang, drei Minuten Luftanhalten muss jeder schaffen. Brutal sind dann Mutproben wie das Tauchen mit gefesselten Armen und Beinen oder das simulierte Ausschleusen aus einem Torpedorohr, bei dem die Soldaten - ohne Atemgerät - in einem engen Rohr stecken, das langsam geflutet wird. Abschluss der Freiwasserausbildung: 30 Kilometer Schwimmen in der Eckernförder Bucht - mit kompletter Ausrüstung. Es folgen die Ausbildung zum Einzelkämpfer und Fallschirmspringer, der Überlebenslehrgang, Sprengstoffkunde.

Im Ausbildungsjahr 2011 traten 48 Kandidaten an, sechs wechselten später zu den Minentauchern. Der Rest gab auf oder wurde nach Hause geschickt. Motto: besser keine neuen - als Soldaten, die dem extremen Druck nicht gewachsen sind.

Zwei Drittel von Laufs Leuten haben ihn schon im Einsatz erlebt. Kfor? Isaf? Atalanta? Das sagen sie nicht. Einsätze der Spezialkräfte "sind geheimhaltungswürdig und -bedürftig", heißt es lapidar in der Antwort der Regierung auf eine Anfrage im Bundestag. Die Bundeswehr macht keine Angaben zu aktuellen Operationen. Bestätigt wird einzig die Information, dass Spezialkräfte der Marine seit Frühjahr dabei sind, wenn vor Somalia Schiffe kontrolliert werden. Opposed Boarding, also der Besuch ohne Einladung, ist ein Fall für Kampfschwimmer. Auch die Befreiung von Geiseln haben sie trainiert und angeblich Sabotage-Aktionen gegen die Mutterschiffe der Piraten.

Parlamentarische Kontrolle? Schwierig

Weil ein Fotograf die Übung verfolgt, tragen die Soldaten Sturmmasken, zu sehen sind nur ihre Augen. Auf den Kampfanzügen fehlt das übliche Namensschild. Selbst untereinander reden sie sich mit dem Spitznamen an. Der ranghöchste Offizier, Kapitänleutnant Schnitt*, heißt bei allen nur "Mary". Statt der üblichen Abzeichen ihrer Einheit tragen die Soldaten Phantasieabzeichen: "Santa Claus Protection Team", "Door Kicking Champion". Nur zwei Angaben auf den Klettflächen sind echt - Blutgruppe und Rhesusfaktor.

Wenn die Spezialkräfte der Marine gebraucht werden, geht es mit der "Einsatzweisung" für die Soldaten sehr schnell: Müssen etwa deutsche Staatsbürger im Ausland evakuiert oder aus Geiselhaft befreit werden, kann der Krisenstab im Auswärtigen Amt die Truppe anfordern. Dann muss nur noch der Verteidigungsminister sein Okay geben und die Fraktionschefs im Bundestag informiert werden - und die Kampfschwimmer sind unterwegs.

Mit dem Ideal einer Parlamentsarmee, die ihren Marschbefehl erst durch die Volksvertreter erhält, lässt sich das nicht immer vereinbaren. "Der Informationsanspruch des Parlaments findet dort eine Grenze", formuliert es die Bundeswehr, "wo das Bekanntwerden geheimhaltungsbedürftiger Informationen das Wohl des Bundes ... sowie die Sicherheit der bei einer Operation eingesetzten Soldaten oder deren Angehörigen gefährden kann."

Formal findet sich diese Einschränkung im Parlamentsbeteiligungsgesetz aus dem Jahr 2008 wieder: Über Einsätze der Spezialkräfte werden nur die Fraktionsvorsitzenden und ihre Stellvertreter sowie ihre Obleute im Verteidigungsausschuss und im Auswärtigen Ausschuss unterrichtet - in vertraulicher Sitzung.

Rückzugsgefecht in der Ruinenstadt

Das Gerichtsgebäude ist gesichert, doch der Regisseur der Übung bestellt über Funk noch eine Attacke der Insurgents aus dem Wald. Laufs Trupp geht in Deckung und wirft Nebelgranaten. Ein Teil schlägt sich südlich des Straßenzugs durch, ein zweites Kontingent hält sich hinter den Häusern auf der nördlichen Seite. Die Funker fordern Luftunterstützung an - zwei Helikopter fegen über die Dächer der Ruinenstadt. In den geöffneten Türen, die Füße auf den Kufen, sitzen Scharfschützen und schießen den Weg für den Rückzug frei. Ende der Übung.

Einen Moment lang herrscht Stille, dann erwacht der Wald aus der Schockstarre, die Vögel zwitschern wieder.

Im Camp folgt die Manöverkritik. Hauptbootsmann Lauf war das alles noch nicht schnell genug. "Steht da nicht mit sechs, acht Mann auf einem Haufen rum, so gebt ihr ein Super-Ziel ab", blafft er. Dasselbe beim Eindringen ins Haus: "Macht da nicht so lange rum." Drinnen war "zu viel Lärm", findet Lauf. "Werdet wieder ruhiger."

Lauf hat ein Auge für Details, wie man es nur in der Praxis bekommt. Bei welchem Einsatz er sie gewonnen hat, bleibt sein Geheimnis.

*Name von der Redaktion geändert

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Oh, oh...
auweia 06.08.2012
Zitat von sysopSie befreien Geiseln, kämpfen hinter den feindlichen Linien: In Zeiten des Guerilla-Kriegs werden Spezialtruppen wie die Kampfschwimmer der Marine für die Bundeswehr immer wichtiger. Auswahl und Training fordern von den Soldaten alles. Besuch bei der Elitetruppe. Spezialkräfte der Bundeswehr: Kampfschwimmer trainieren Häuserkampf - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,846400,00.html)
...ist das denn politisch korrekt, nicht zunächst gemeinsam im Stuhlkreis die schwere Kindheit der Geiselnehmer zu erörtern und dann, statt die kleinen Racker auf die stille Treppe zu setzen, auch noch etwas anderes als Watteprojektile zu verwenden? Das ganze ohne vollständige parlamentarische Veröffentlichung und Kontrolle? Bloß gut, dass die Jungs (Gender!) so wenig verdienen, es könnte sich ja sonst jemand bewerben.
2. Meinen Respekt!
on-the-move 06.08.2012
Dies sind junge Menschen, die fuer sehr wenig Sold jeden Tag alles geben und hohe Risiken eingehen, damit wir als Buerger wenn es dann wirklich notwendig ist jemanden haben, die die "Drecksarbeit" leisten. Meinen ausdruecklichen Respekt haben diese Jungs!!
3.
Ameisenbauer 06.08.2012
Zitat von auweiaBloß gut, dass die Jungs (Gender!) so wenig verdienen, es könnte sich ja sonst jemand bewerben.
Genau deswegen müssen ja ab und zu mal so ein paar kleine Propagandaartikel geschrieben und mit tollen Poser-Fotos ergänzt werden. Aber ich glaube, eine Fernsehserie à la Navy CIS oder J.A.G. oder so wäre effektiver ... O_ô
4. Wie viel Prozent von denen gehören entlassen?
MrStoneStupid 06.08.2012
Selbstverständlich braucht die Bundeswehr Spezialkräfte aber ebenso selbstverständlich müssen die (auch moralisch, ideologisch) supergut sein und da habe ich derzeit erhebliche Bedenken. Wie viel Prozent von denen gehören entlassen, z.B. weil sie (noch nicht verurteilte) Straftäter oder gar de facto Staatsfeinde (z.B. Mitglieder negativer Netzwerke) sind? Denkbar, dass es über die Jahrzehnte geradezu eine Negativauslese gab (man denke an die Nazi-Vorgeschichte und den Einfluß der USA). Ist klar, dass da jetzt Aufräumen angesagt ist. (imho)
5. Verdienst
bolonch 06.08.2012
Zitat von auweiaBloß gut, dass die Jungs (Gender!) so wenig verdienen, es könnte sich ja sonst jemand bewerben.
Das finde ich in der Tat problematisch, die Bezahlung für KSK und Kampfschwimmer ist wirklich miserabel. Nun gut, dafür leistet sich die Bundeswehr aber ein wahres Heer von Generälen und Admiralen. Viele Häuptlinge, wenige Indianer.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Politik
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Deutschland
RSS
alles zum Thema Bundeswehr
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 54 Kommentare