Von Philipp Wittrock
Hamburg - Es war der Abend des 10. März 1957, den Rudolf Augstein später selbst als Schlüsselerlebnis für sein Verhältnis zu Franz Josef Strauß bezeichnen sollte. Eigentlich wollte man sich nur kennenlernen, beim gemütlichen Treffen in der Hamburger Villa des SPIEGEL-Gründers und -Chefs. Doch am Ende einer Nacht mit reichlich Alkohol soll man sich unter den Redakteuren des Blattes einig gewesen sein im Urteil über den Verteidigungsminister: "der nicht".
Es war der Beginn einer öffentlich gepflegten Feindschaft, die fünf Jahre später in der SPIEGEL-Affäre gipfelte. Den 50. Jahrestag begeht das Hamburger Magazin an diesem Wochenende mit einer Konferenz, auf der namhafte Historiker und Zeitzeugen die dramatischen Tage und Wochen im Oktober und November 1962 aufarbeiten (mehr dazu auf der Themenseite hier). In diesem Rahmen saßen am Sonntag die Töchter der damaligen Protagonisten im SPIEGEL-Haus zum ersten Mal überhaupt gemeinsam auf dem Podium: die Journalistin Franziska Augstein, 48, und die CSU-Politikerin Monika Hohlmeier, 50.
Leidenschaftlich verteidigten beide das Erbe ihrer Väter, die sich über Jahre hinweg politisch bis aufs Schärfste bekämpften - aber persönlich doch auch schätzten. Und sie gaben dabei sehr persönliche Einblicke in zwei bewegte Familiengeschichten.
Strauß-Tochter Hohlmeier, die im Jahr der SPIEGEL-Affäre geboren wurde, versuchte nach Kräften das seinerzeit weit verbreitete öffentliche Bild vom aufbrausenden, kriegslüsternen "Wüstling" zu korrigieren. "Man muss manche Lebenslüge ein bisschen reduzieren", sagte sie. Ihr Vater sei ein temperamentvoller Mensch gewesen, mit Wutausbrüchen wie ein "ordentliches bayerisches Gewitter". Von einem gefährlichen Menschen aber, wie es Augstein immer wieder gesagt hatte, könne keine Rede sein, weder privat noch politisch. Im Gegenteil: Ihr Vater habe viel freiheitlicher gedacht, als es ihm der SPIEGEL je bescheinigen wollte. Und: "Er hat nie etwas ganz Entsetzliches gemacht", betonte Hohlmeier, "dieses Bild stimmt einfach nicht."
Alte Rivalitäten leben auf
Hohlmeier erzählte, wie die ständigen publizistischen Angriffe, vor allem auch lange nach der SPIEGEL-Affäre im "brutalen Wahlkampf" 1980, ihrem Vater und der Familie stark zugesetzt hätten. Sie selbst sei in der Schule oft angefeindet worden, "bis hin zu Tätlichkeiten", ihre Mutter Marianne Strauß habe unter Depressionen gelitten - und selbst der nach außen unerschütterlich erscheinende "Koloss" Franz Josef Strauß sei während seiner Kanzlerkandidatur unter dem Druck zusammengebrochen. "Mein Vater stand schlotternd und weinend vor mir", erinnerte sich Hohlmeier an eine Begegnung daheim morgens um fünf. Wenige Stunden später sei er wieder in seine Dienstlimousine gestiegen, ohne sich etwas anmerken zu lassen.
Die alten Rivalitäten blieben am Sonntag erhalten: Franziska Augstein rechtfertigte den politisch-publizistischen Kampf des SPIEGEL-Gründers. Dessen Formulierung, dass Strauß gefährlich gewesen sei, machte sie sich nicht zu eigen. Der CSU-Politiker habe aber den Rechtsstaat "ein bisschen wenig geachtet". Moderator Martin Doerry, stellvertretender SPIEGEL-Chefredakteur, erinnerte an Strauß' unrühmliche Rolle bei der Festnahme von SPIEGEL-Redakteur Conrad Ahlers, dem Autor der Titelgeschichte "Bedingt abwehrbereit", in der Strauß und auch der damalige Bundeskanzler Konrad Adenauer seinerzeit Landesverrat witterten - ein Vorwurf, der später vollends widerlegt wurde. Strauß selbst machte damals Druck, Ahlers während seines Urlaubs in Spanien festsetzen zu lassen.
Dass ihr Vater, der am Ende der Affäre sein Amt als Verteidigungsminister verlor, in diesem Zusammenhang später das Parlament belog - diese Bewertung wollte Hohlmeier lieber den Historikern überlassen. Sie sprach allgemein von Fehlern, die ihr Vater in der Rückschau der SPIEGEL-Affäre auch sich selbst eingestanden habe. "Natürlich war das eine Überreaktion des Staates", sagte die CSU-Europaabgeordnete. Aber hatte Strauß jemals ein schlechtes Gewissen, weil Augstein und etliche SPIEGEL-Mitarbeiter auch wegen ihm ins Gefängnis mussten? Hohlmeier wich aus - natürlich hätten alle Beteiligten damals schlecht geschlafen.
Franziska Augstein wollte nicht von einer "privaten Fehde" der beiden Väter sprechen. Die Publizistin räumte aber ein, dass sie Rudolf Augsteins Absicht, einen "beleidigenden" Artikel gegen Strauß zu schreiben, aus heutiger Sicht "doof" finde. Immer wieder wurden in der Diskussion auch ähnliche Charakterzüge der Kontrahenten offenbar. So bezeichneten Augstein und Hohlmeier ihre Väter als "Machos", beide getrieben durch die furchtbaren Erlebnisse an der Ostfront des Zweiten Weltkriegs. Der eine agierte publizistisch, der andere politisch.
Und bei aller Schärfe der Auseinandersetzung - der SPIEGEL-Chef schätzte an Strauß dessen Humor und "analytische Intelligenz", wie Franziska Augstein betonte. Überhaupt müsse ihr Vater Strauß ja dankbar sein, weil er Einfluss und Auflage des Magazins erheblich steigerte. Strauß seinerseits verweigerte sich selbst nach der Affäre nie - wie später etwa Helmut Kohl - dem Gespräch mit dem SPIEGEL. Er habe ihn als "Sparringspartner" betrachtet.
Zum Beleg für die Ambivalenz des Verhältnisses zitierte Hohlmeier aus einem Briefwechsel zwischen Augstein und Strauß aus dem Sommer 1969. Damals hatte sich der CSU-Mann die Hand gebrochen, Augstein schrieb daraufhin an den "alten Mitarbeiter", auf dass seine "brachiale und auch sonstigen physischen Kräfte" bald wiederhergestellt wären. Strauß bedankte sich artig - und versicherte "bald wieder Stoff" für Augsteins Magazin zu liefern. "Gelangweilt haben die beiden uns nie", stellten Franziska Augstein und Monika Hohlmeier am Sonntag übereinstimmend fest.
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