Ehemalige SS-Offiziere beim frühen SPIEGEL "Sehr intelligent, sehr gut vernetzt"

Wie lässt sich der SPIEGEL in der Nachkriegszeit charakterisieren? Bei einer Debatte zum 50. Jahrestag der SPIEGEL-Affäre gingen Historiker und Journalisten dieser Frage nach. Beim Hamburger Magazin kamen einzelne ehemalige SS-Offiziere unter - doch nachhaltig geprägt haben sie es wohl nicht.

Jeannette Corbeau

Hamburg - Es ist inzwischen beinahe ein feststehender Begriff: "Sturmgeschütz der Demokratie", so nannte Rudolf Augstein seinen SPIEGEL, wenn auch mit einer gewissen Ironie. Doch traf das immer zu, gerade in der Anfangszeit? Oder gab es beim frühen SPIEGEL tatsächlich NS-Netzwerke, wie der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister nahelegt? Und welche Rolle spielte der SPIEGEL in der Presselandschaft der jungen Bundesrepublik?

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Heft 38/2012
Als die Deutschen lernten, ihre Demokratie zu lieben

Das Hamburger Magazin begeht an diesem Wochenende den 50. Jahrestag der SPIEGEL-Affäre. Dazu gibt es keinen Festakt, keine große Feier - sondern eine Konferenz, besetzt mit namhaften Historikern und Zeitzeugen. Es geht dabei aber nicht nur um die Affäre und deren Folgen (mehr dazu auf der Themenseite hier), sondern auch um die Vorgeschichte des Magazins. "Wir wollen zuhören und lernen", sagte SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo, "und wir werden uns auch unangenehmen Tatsachen stellen."

Diese "unangenehmen Tatsachen" sind, dass unter den Mitarbeitern des frühen SPIEGEL auch eine Handvoll SS-Offiziere waren. Bekannt ist das zwar seit rund 20 Jahren, auch das Magazin selbst hat darüber bereits geschrieben, unter anderem in den Jahren 1997 und 2007. "Nicht allen war das ausreichend und umfassend genug", sagte Mascolo. "Aus heutiger Sicht - und das ist leicht einzuräumen - war es gewiss ein Fehler, sich dieser Leute mit brauner Vergangenheit zu bedienen." Auch in der aktuellen Ausgabe befasst sich der SPIEGEL mit der Thematik.

Unstreitig ist, dass Kultur, Politik, Wirtschaft, Justiz und auch die deutsche Presse der Adenauer-Ära das nationalsozialistische Erbe mehr verdrängten, als dass sie es aufarbeiteten. "Da war der SPIEGEL nicht besser als der Rest der Republik", räumt Mascolo ein.

Zwei der SS-Offiziere, von denen in der Debatte immer wieder die Rede war, sind Horst Mahnke (1913 - 1985) und Georg Wolff (1914 - 1996). Sie kannten sich aus dem Studium, beide waren vor 1945 beim SD, dem Nachrichtendienst in Heinrich Himmlers Reichssicherheitshauptamt, jeweils im Rang eines SS-Hauptsturmführers. Nach dem Krieg wurden beide Ressortleiter beim SPIEGEL, Wolff brachte es sogar zum stellvertretenden Chefredakteur. Mahnke schied 1959 beim SPIEGEL aus, Wolff 1979.

Doch welchen Einfluss hatten die alten Verbindungen aus der NS-Zeit auf den SPIEGEL? "Die beiden waren SS-Offiziere der mittleren Ebene, aber sehr intelligent, sehr gut vernetzt", sagt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, einer der Referenten auf der Konferenz, der die Karrieren von Mahnke und Wolff schon 1998 in seiner Habilitation nachzeichnete. "Das waren beileibe keine alten Nazis, das waren junge Nazis, sie hatten gute Kontakte und machten schnell Karriere." Es habe bei den beiden nach 1945 "keine Sehnsucht nach dem Führer" gegeben, "aber sie behielten den SS-Jargon bei", behauptet Hachmeister. Gleichzeitig sei eine "scharfe Abgrenzung gegen rechtsradikale Tendenzen" zu beobachten gewesen.

"Der SPIEGEL der späten vierziger und der fünfziger Jahre ist meilenweit entfernt vom aufklärerischen Anspruch späterer Jahre", sagte der Jenaer Zeithistoriker Norbert Frei in seinem Vortrag. Es sei Kritik an den Aufklärungsbemühungen der Alliierten geübt worden, man habe Vorurteile geschürt und Personen aus der NS-Zeit glorifiziert. Auch die Art zu schreiben, sei heute so nicht mehr denkbar. "Landserton" nennt Hachmeister das.

NS-Leute in den Redaktionen, womöglich alte Seilschaften in neuen Funktionen, aus heutiger Sicht anstößiges Vokabular - "dieser hässliche Befund ist alles andere als ungewöhnlich", urteilt Frei. Bei anderen deutschen Magazinen und Zeitungen sehe es ähnlich aus, "wenn man mal genau hinschaut", sagte er. Der SPIEGEL habe sich, da sind sich Frei und Hachmeister einig, gegen Ende der fünfziger Jahre deutlich gewandelt, zu dieser Zeit habe sich das heutige aufklärerische Selbstbild des Magazins herausgebildet. Womöglich habe sich der ein oder andere, vermutet Frei, "mit der Zeit aus seiner eigenen Vergangenheit herausgeschrieben".

Franziska Augstein, Tochter des 2002 verstorbenen Herausgebers, sieht das anders. Die frühere SPIEGEL-Redaktion sei "jung, frech, gegen Autoritäten" eingestellt gewesen. "Sie haben erst gegen die Alliierten gestänkert, dann gegen die eigene Regierung, und da musste man nicht mehr so national auftreten."

Welche Spuren haben Wolff und Mahnke nun wirklich hinterlassen? Laut Hachmeister profitierte der SPIEGEL vor allem von den guten Verbindungen der beiden, etwa zum späteren Bundesnachrichtendienst (BND), wo ehemalige SD-Kameraden untergekommen waren. Doch dass solche Kontakte bewusst eine Rolle gespielt hätten bei der Einstellung der beiden Redakteure, wie Hachmeister es nahelegt, lässt sich anhand der Unterlagen im SPIEGEL-Archiv nicht belegen. Chefredakteur Mascolo jedenfalls ist überzeugt, "dass eine Handvoll Nazis zu keiner Zeit das von Rudolf Augstein ins Leben gerufene Projekt Aufklärung hätte gefährden können".

ffr

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