Chronologie: Die SPIEGEL-Affäre

Es war der massivste Angriff auf die Pressefreiheit in der Geschichte der Bundesrepublik. Wegen "Landesverrats" wurden 1962 sieben SPIEGEL-Redakteure verhaftet, auch Rudolf Augstein. Die Anschuldigungen erwiesen sich als haltlos, Verteidigungsminister Strauß verlor sein Amt. Eine Chronologie.

8. Oktober 1962 Der SPIEGEL-Titel "Bedingt abwehrbereit" über das Herbstmanöver der Nato "Fallex 62" und die umstrittene Atombombenstrategie ausgeliefert. Bei der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe entsteht der Verdacht, der SPIEGEL habe Staatsgeheimnisse publiziert und damit Landesverrat begangen.

10. Oktober In Bonn erarbeitet Oberregierungsrat Heinrich Wunder aus dem Verteidigungsministerium ein als geheim eingestuftes Gutachten. Im SPIEGEL-Titel entdeckt er 41 Staatsgeheimnisse. Deren Publikation bedeutet nach dieser Einschätzung Landesverrat.

15. Oktober Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß, frisch aus dem Urlaub zurück, forciert die Strafverfolgung. Dabei ist er nicht zuständig.

18. Oktober Kanzler Konrad Adenauer versichert Strauß seine volle Zustimmung.

23./24. Oktober In Hamburg quartieren sich Staatsanwalt Siegfried Buback, die Kriminalpolizisten der Sicherungsgruppe Bonn sowie MAD-Leute konspirativ ein. Telefonleitungen des SPIEGEL werden abgehört.

Polizisten bewachen im Oktober 1962 den Eingang zur Dokumentation des SPIEGEL Zur Großansicht
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Polizisten bewachen im Oktober 1962 den Eingang zur Dokumentation des SPIEGEL

26. Oktober, 21 Uhr Im Handstreich besetzen Beamten der Sicherungsgruppe Bonn die SPIEGEL-Räume im Hamburger Pressehaus. Sie wollen Dokumente beschlagnahmen, das Gebäude räumen, versiegeln und Verdächtige verhaften. Doch der Zugriff misslingt. Einsatzleiter Buback holt drei Überfallkommandos und 20 Kripobeamte der Hamburger Polizei zur Verstärkung.

In der selben Nacht werden die Wohnungen von fünf SPIEGEL-Redakteuren in Hamburg und Bonn durchsucht. Die beiden Chefredakteure Johannes K. Engel und Claus Jacobi werden festgenommen. Auch das Bonner SPIEGEL-Büro wird durchsucht, der Büroleiter festgenommen. Die Fahndung nach Herausgeber Rudolf Augstein bleibt ohne Erfolg, obwohl dieser in seiner Zweitwohnung in Hamburg sitzt. Auf Betreiben von Strauß werden in der Nacht auch Titelautor Conrad Ahlers und dessen Frau verhaftet - während ihres Spanienurlaubs.

Augstein auf dem Weg ins Hamburger Polizei-Hochhaus (27. Oktober 1962) Zur Großansicht
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Augstein auf dem Weg ins Hamburger Polizei-Hochhaus (27. Oktober 1962)

27. Oktober Rudolf Augstein stellt sich, er wird verhaftet. Die SPIEGEL-Redaktion ist besetzt.

28. Oktober Es kommt zu ersten Protesten, Strauß und die SPIEGEL-Besetzung stehen in der Kritik.

29. Oktober Hamburger Verlage stellen der SPIEGEL-Redaktion Räume und Arbeitsgerät zur Verfügung. Das Bundeskabinett berät in einer Sondersitzung über die SPIEGEL-Besetzung.

Sitzdemo vor der Frankfurter Hauptwache am 30. Oktober 1962 Zur Großansicht
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Sitzdemo vor der Frankfurter Hauptwache am 30. Oktober 1962

31. Oktober In Berlin, Hamburg, Hannover, Braunschweig kommt es zu Protestkundgebungen.

2. November Strauß erklärt öffentlich: "Ich habe mit der Sache nichts zu tun. Im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu tun." In Bonn droht die FDP mit dem Rücktritt ihrer Minister.

6. November Hamburgs Innensenator Helmut Schmidt bezeichnet die SPIEGEL-Aktion als "zweifelhafte Angelegenheit". Gegen ihn wird später wegen Beihilfe zum Landesverrat ermittelt.

7. November Im Bundestag findet die erste Fragestunde zur SPIEGEL-Affäre statt. Doch die Regierung mauert, ebenso Strauß.

Minister Strauß, Kanzler Adenauer während der SPIEGEL-Debatte im Bundestag Zur Großansicht
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Minister Strauß, Kanzler Adenauer während der SPIEGEL-Debatte im Bundestag

9. November Strauß muss in der Bundestagsdebatte schließlich zugeben, dass er doch an der Verhaftung von Titelautor Ahlers mitgewirkt hat. Das Parlament sieht sich belogen.

12. November Adenauer will den BND-Chef General Gehlen verhaften lassen, wegen des vermuteten Verrats der Aktion.

Augstein wird von Polizisten aus dem Bundesgerichtshof geführt (8. Januar 1963) Zur Großansicht
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Augstein wird von Polizisten aus dem Bundesgerichtshof geführt (8. Januar 1963)

19. November Regierungskrise in Bonn: Alle fünf FDP-Minister treten zurück. Strauß will Verteidigungsminister bleiben.

26. November Auch die letzten SPIEGEL-Redaktionsräume wieder freigegeben. Doch Tausende Dokumente bleiben konfisziert; Augstein, Ahlers und drei weitere Mitarbeiter sitzen noch immer ein.

14. Dezember Adenauer bildet ein neues Kabinett, ohne Strauß. Der Kanzler hat zuvor versprochen, im Herbst 1963 selbst zurückzutreten.

19. Dezember Großer Zapfenstreich für Strauß. Adenauer sagt: "Bittere Stunden formen den Mann."

Augstein (l.) nach der Freilassung, Ahlers (Februar 1963) Zur Großansicht
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Augstein (l.) nach der Freilassung, Ahlers (Februar 1963)

7. Februar 1963 Nach 103 Tagen Haft wird Augstein als letzter SPIEGEL-Mann aus dem Gefängnis entlassen.

13. Mai 1965 Der 3. Strafsenat des Bundesgerichtshofs lehnt die Eröffnung des Hauptverfahrens gegen Augstein und Ahlers ab.

2. Juni Die Bonner Staatsanwaltschaft stellt fest, dass Strauß sich während der SPIEGEL-Affäre der Amtsanmaßung und der Freiheitsberaubung schuldig gemacht hat. Er habe sich jedoch in einem "Verbotsirrtum" befunden. Deshalb geht er straffrei aus.

23. Dezember Ein drittes, unabhängiges Militärgutachten stellt fest: Die umstrittene Titelgeschichte habe keine Staatsgeheimnisse enthalten, Landesverrat liege nicht vor.

Alles was Sie zur Affäre wissen müssen, finden Sie im aktuellen SPIEGEL .

DER SPIEGEL 43/2002

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