Hamburg - SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück weiß, wovon er redet. Zweimal ist er sitzengeblieben, in der achten und neunten Klasse - wegen Altgriechisch und Mathematik. Trotzdem ist er dafür, dass das Sitzenbleiben weiterhin bleibt, obwohl die neue rot-grüne Landesregierung unter Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) es abschaffen will.
Dies mache nur Sinn, wenn es eine "grundlegende Bildungsreform" des schulpolitischen Flickenteppichs in Deutschland gebe. Das sagte Steinbrück, der zu Gast der Gesprächsreihe des SPIEGEL und der Körber-Stiftung "Der Montag an der Spitze" in Hamburg war. Steinbrück verwies auf das finnische Schulsystem, wo Schüler trotz schlechter Leistungen keine Ehrenrunde drehen müssen. Stattdessen werden sie versetzt und bekommen Förderkurse in ihren Problemfächern.
"Da es das nicht gibt, bleibt nichts anderes, als die Praxis so in Deutschland fortzuführen", sagte Steinbrück. "Ich glaube, dass einer, der das Klassenziel nicht erreicht hat, sitzenbleiben muss." Die niedersächsische Regierung plant, "Sitzenbleiben und Abschulung durch individuelle Förderung" überflüssig zu machen. Der Kanzlerkandidat kündigte an, im Falle eines Wahlerfolgs im September, das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildung im Grundgesetz abzuschaffen und einen neuen Ansatz in der Schul- und Hochschulpolitik zu versuchen. Dabei solle der Bund mit am Tisch sitzen.
"Der hätte bedachtsamer formulieren müssen"
Steinbrück zeigte sich im Gespräch mit SPIEGEL-Chefredakteur Georg Mascolo launig, als es um seinen verpatzten Start als Kanzlerkandidat ging. Der 66-Jährige gab Fehler zu, etwa beim Thema Kanzlergehalt. Die Aussage, es sei im Vergleich zu den Gehältern in der Wirtschaft zu gering, sei nicht neu. "Sie wurde abgebildet auf der Folie des Kanzlerkandidaten, der hätte bedachtsamer formulieren müssen."
Gleichzeitig sprach er von einer überaufgeregten Medienlandschaft. Die Berichterstattung ziele auf seine Integrität, so sein Vorwurf. "Es geht nicht alles schief, einiges machen sie (die Medien - d. Red.) schiefgehend", so Steinbrück.
CDU versucht gesellschaftlichpolitische Themen zu neutralisieren
Eine Wechselstimmung spüre er noch nicht, es sei ja auch noch etwas Zeit bis zur Wahl. Aber es gebe eine gefühlte Ungerechtigkeit, das Bedürfnis nach einer sozialen Marktwirtschaft und "nach Maß und Mitte". "Ich will die Popularität von Frau Merkel nicht in Frage stellen", sagte Steinbrück. "Ich weiß nur nicht, wo wir mit ihr landen."
Die CDU versuche sich zu "immunisieren" für den Wahlkampf und gesellschaftlichpolitische Themen vorher zu neutralisieren. Als Beispiele nannte Steinbrück den flächendeckenden Mindestlohn, den die SPD fordert, oder die Gleichbehandlung der Homo-Ehe. Christdemokraten diskutieren derzeit über eine Gleichstellung der eingetragenen Lebenspartnerschaften und eine Lohnuntergrenze in bestimmten Branchen.
Feste Frauenquote in Aufsichtsräten und Vorständen
Der Sozialdemokrat, lange Zeit ein Gegner von einer Frauenquote, sprach sich erneut für die Einführung einer festen Quote in Aufsichtsräten und Vorständen aus. Jahrelang sei nichts passiert, die von der CDU befürwortete sogenannte Flexi-Quote, nach der Unternehmen sich freiwillig zu einer Quote verpflichten sollen, sei deshalb nicht der richtige Weg. "Zumal Frauen bessere schulische und akademische Abschlüsse machen", sagte Steinbrück. "Der Satz fällt mir schwer", fügte er unter Gelächter des Publikums hinzu. Seine beiden Töchter und seine Frau seien aber gegen die feste Quote.
Die Debatte über Rot-Rot-Grün nannte er "hochgejazzt" unter dem Motto, da komme die "kalte, haarige Hand des Sozialismus". Am Wochenende hatte es Berichte gegeben, wonach führende Linkspolitiker sich unter Umständen die Wahl Steinbrücks zum Kanzler vorstellen könnten. Steinbrück spricht sich für ein Bündnis mit den Grünen aus.
Das Anforderungsprofil eines Politikers beschrieb er so: "Er muss hochintelligent, strategisch orientiert, unterhaltsam und volkstümlich sein. Meistens patzt man bei einem oder zwei davon."
Steinbrück äußerte sich am Montag auch zum Thema Zypern - und unter welchen Bedingungen das Land Hilfe bekommen kann. Lesen Sie dazu hier auch den Artikel.
Die Gesprächsreihe wird am Montag, 25. März, fortgesetzt. Zu Gast wird dann im Atrium des SPIEGEL-Hauses die Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, sein.
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