Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

SPIEGEL-ONLINE-Interview mit Mzoudi: "Atta war so weich"

Abdelghani Mzoudi, 28, kannte sämtliche mutmaßlichen Terroristen aus Deutschland persönlich. Der Hamburger geriet selbst ins Visier der Fahnder, weil er eine Wohnung von Mohammed Atta übernahm. SPIEGEL ONLINE sprach im Oktober 2001 mit dem Elektronikstudenten.

Mutmaßlicher Attentäter: Mohammed Atta
AP

Mutmaßlicher Attentäter: Mohammed Atta

SPIEGEL ONLINE:

Herr Mzoudi, Sie haben Attas Testament unterschrieben, haben Sie nie etwas von dessen Terrorplänen geahnt?

Mzoudi: Nein. Das Testament wurde als Vordruck in der Hamburger al-Kuds-Moschee verteilt, in die eigentlich alle muslimischen Studenten gingen. Etwa eine Woche danach hatte Atta seinen Namen eingetragen und bat mich zu unterschreiben. Das ist ganz normal unter Brüdern.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren also befreundet?

Mzoudi: Wir trafen uns in der Bibliothek der Universität. Atta hatte mich da angesprochen, weil ich auch Araber bin. Danach trafen wir uns manchmal in der Moschee beim Gebet, aber Atta war ein ruhiger Typ, fast verschlossen. Auch die anderen, die jetzt verdächtigt werden, sprachen nie über Persönliches.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen also sagen, dass Sie über die Leute, mit denen Sie jahrelang zu tun hatten, so gut wie nichts wussten?

Mzoudi: Das liegt auch an unserem Glauben. Es ist unhöflich, weiter nachzufragen. Ich denke immer, man muss Geduld haben mit den Brüdern. Untereinander waren die ja auch nicht so verschlossen. Aber wenn Ramzi Binalshibh zu Penny ging, sagte er beispielsweise nie: Ich muss einkaufen, sondern: "Ich habe noch was zu erledigen."

SPIEGEL ONLINE: Der wird jetzt weltweit gesucht. Gab es noch mehr Geheimnistuerei?

Mzoudi: Manchmal habe ich ihn wochenlang nicht gesehen. Und selbst über Marwan al-Shehhi...

SPIEGEL ONLINE: ... der vermutlich der zweite Terrorpilot war...

Mzoudi: ...weiß ich sehr wenig. Dabei war er ein lustiger Typ, der immer lachte und einen Witz nach dem anderen riss. Ich habe nur mitbekommen, dass Marwan sich sehr gut mit Mohammed Atta verstand, wohl weil sie so gegensätzlich waren. Später zog Atta dann in Marwans Wohnung, und ich übernahm die WG von Atta.

SPIEGEL ONLINE: Wie kam es denn überhaupt, dass Sie und ihre neuen Mitbewohner alle fünf mutmaßlichen Terroristen kennen lernten?

Mzoudi: Als Minderheit, vor allem wenn man betet, trifft man sich schnell. Entweder sahen wir uns in der al-Kuds-Moschee oder in der Uni. In der Mensa steuert man mit seinem Tablett automatisch die anderen muslimischen Studenten an. So habe ich auch Ziad Jarrah kennen gelernt. Der war anders, eine Mischung aus westlich und wirklich muslimisch. Manchmal konnte man ihn, im Gegensatz zu mir, nicht von einem Europäer unterscheiden, etwa wenn er keinen Bart trug.

SPIEGEL ONLINE: Waren sonst alle muslimischen Studenten in ihrem Umfeld streng gläubig?

Mzoudi: Streng, den Begriff kann ich nicht mehr hören. Es gibt nur Moslem oder Nicht-Moslem. Nichts dazwischen.

SPIEGEL ONLINE: Gab es oft Diskussionen über die Religion?

Mzoudi: Richtige Gesprächskreise gab es nicht. Wir haben nur selten diskutiert. In der Islam-AG an der Technische Universität Harburg war ich nur einmal. Das schien ein ganz normaler Gebetsraum zu sein. Allerdings sind im Winter die Pausen zwischen dem zweiten und dem dritten Gebet des Tages so kurz, dass wir gleich bei der Moschee blieben. Wir sind dann Tee trinken gegangen und haben Döner Kebab gegessen.

SPIEGEL ONLINE: Und das soll alles gewesen sein? Immerhin hat ein Einsatzkommando nach den Attentaten Ihre Wohnung gestürmt.

Mzoudi: Ich habe in der gleichen Wohnung gelebt wie Atta und die anderen. Ist das eine Sünde? Ich bin erst eingezogen, als die schon raus waren. Außerdem war er ja ganz normal. Ich war total schockiert, als ich hörte, dass Atta das gewesen sein soll mit dem Anschlag. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Moslem so was macht. Ein Moslem murkst keine Kinder, Alten und Frauen ab. Und Atta war so weich.

SPIEGEL ONLINE: Weich? Er gilt doch als Anführer.

Mzoudi: Er wirkte schwach, nicht gefährlich.

SPIEGEL ONLINE: Und Said Bahaji, der angebliche Logistiker? Den trafen Sie doch auch öfter.

Mzoudi: Er war so eine Art Vermittler zwischen uns und dem Vermieter. Obwohl er nicht mehr dort wohnte, kümmerte er sich um Gas- und Stromrechnungen. Said ist zuverlässig, wenn man einen Termin mit Said hat, dann kommt er auch. Ich hatte auch, nachdem ich im März ausgezogen bin, mit ihm Kontakt, weil es noch eine unbezahlte Rechnung gab.

SPIEGEL ONLINE: Und wie soll es jetzt mit Ihnen weitergehen?

Mzoudi: An meinem ersten Tag an der Uni fragte mich ein Deutscher: "Was planst du? Einen Anschlag?" Ich hoffe, dass das Leben wieder normal wird. Wenn ich mein Examen fertig habe, möchte ich zurück nach Marokko. VW plant in Tanger ein Werk. Vielleicht bekomme ich dort einen Job.

Das Interview führten Cordula Meyer und Dominik Cziesche

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2001
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: