SPIEGEL TV Magazin zum Essverhalten "Ich bin Flexaner, ...Flexiganer, ...Flexitarier"

Glutenfrei, fleischfrei, laktosefrei: Viele Verbraucher haben ein gestörtes Verhältnis zur Ernährung. Eine SPIEGEL-TV-Sendung zeigt, wie hysterische Politiker die Angst vor falschem Essen schüren.

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Berlin - In der Leipziger Nikolaistraße hat ein Supermarkt eröffnet, der damit wirbt, was es hier alles nicht gibt: kein Fleisch, kein Fisch, keine Butter, keinen Käse, keinen Joghurt, keine Eier. Die Produkte aus dem Kühlregal werden als "laktosefrei" angepriesen, die bescheidene Auswahl an Teigwaren als "glutenfrei" oder "fructosearm".

Der Supermarkt richtet sich an Konsumenten, für die Ernährung zu einer Art Ersatzreligion geworden ist. Man trifft auf überzeugte Besseresser, die in Schuldgefühlen versinken, wenn sie versehentlich in ein Stück Pizza gebissen haben. Weißmehl und Zucker betrachten sie als Sünde am Körper, Milch und Honig als Diebstahl am Tier.

Die SPIEGEL-TV-Sendung "Das große Fasten" (Sonntag, ab 22.10 Uhr bei RTL) geht der Frage nach, warum immer mehr Verbraucher ein kompliziertes Verhältnis zum Essen entwickeln - und welche Rolle die Politik dabei spielt.

Die SPIEGEL-Redakteure Bernd Jacobs und Alexander Neubacher begeben sich auf eine Reise durch eine essgestörte Republik. Sie besuchen Selbstversorger, Rohköstler und Veganer, die sich ein Nahrungsergänzungspräparat aufs Essen sprühen, um Mangelerscheinungen vorzubeugen.

Sie treffen Menschen, die besessen davon sind, nichts Falsches zu sich zu nehmen, etwa den SPD-Gesundheitspolitiker und Salz-Vermeider Karl Lauterbach. Dieser erklärt, warum sogar Orangensaft und Vollkornbrot eine potenziell tödliche Bedrohung für den Menschen darstellen.

Auf ein Chlorhuhn in Belgien

In Brüssel verabredet sich Neubacher auf ein Chlorhühnchen mit der grünen Europa-Politikerin Rebecca Harms. In ihrer Kampagne gegen das Handelsabkommen TTIP behauptet sie, dass den europäischen Verbrauchern demnächst chloriertes Geflügel aufgetischt werde, sollte der Vertrag zwischen der Europäischen Union und den USA in Kraft treten. Dabei ist die Geschichte von der Chlorhuhn-Gefahr eine Mär. Das Chloren von Hühnchen stellt kein Risiko für die Gesundheit dar, so die europäische Lebensmittelsicherheitsbehörde und das Bundesinstitut für Risikobewertung.

Wie also kommt die grüne Fraktionschefin Rebecca Harms auf die Idee, den Bürgern einzureden, Chlorhühnchen stellten eine Bedrohung für die Verbraucher dar? Es fällt ja schwer zu glauben, dass sie die Untersuchung der europäischen und der deutschen Kontrollbehörde nicht kannte. Und selbst wenn: Man sollte doch annehmen, irgendjemand habe ihr bei einer der vielen Chlorhühnchen-Debatten davon erzählt.

Tatsächlich ist es nicht leicht, mit Harms über diese Fragen zu sprechen. Sie bestreitet, sich an der Anti-Chlorhühnchen-Kampagne beteiligt zu haben. Das seien "die Grünen" gewesen. Doch wie kommt der Kampagnenaufruf "Kein Bock auf Chlor" auf ihre Facebook-Seite? Nun, statt einer Antwort bricht Harms das Interview lieber ab.

Der Autor musste erfahren: Er ist fettleibig

Im Interview mit Bundesernährungsminister Christian Schmidt (CSU) versucht Neubacher herauszufinden, was hinter dessen Kampagne gegen Übergewicht steckt. Beim Selbsttest auf einer Informationsseite der Bundesregierung hat Neubacher nämlich erfahren: Er ist fettleibig. Mit einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 müsse er dringend seine Ernährungsgewohnheiten umstellen. Aber was ist von einem Messverfahren zu halten, das mehr als die Hälfte aller Deutschen zu Übergewichtigen oder Fettleibigen abstempelt? Und welchen BMI hat eigentlich der Minister?

Schmidt weicht der Frage aus. Vor einigen Wochen hat er seinen eigenen BMI ausgerechnet, Schmidt ist ja auch ein eher gemütlicher Typ. Jedenfalls fiel das Ergebnis seines Selbsttests nicht gut für ihn aus. "Die Adipositas, die ich meine, fängt bei einem BMI von 40 bis 50 an", sagt Schmidt.

Aber warum gibt ein Computerprogramm seines Ministerium dann einen Warnzettel an alle Menschen mit einem BMI von mehr als 25 heraus? Wie kommt der Ernährungsminister dazu, Millionen Menschen einzureden, sie seien zu dick? Schmidt zögert. Er muss sich jetzt entscheiden zwischen der Antwort eines Ministers und der eines Betroffenen.

"Ach", sagt er schließlich, "schmeißen Sie das einfach weg."

Vielleicht besteht die gesündeste Ernährung ja tatsächlich darin, einfach weniger darüber nachzudenken, welche Lebensmittel nun gesund sind und welche nicht.


SPIEGEL TV Magazin, "Das große Fasten: Reise durch eine essgestörte Republik", Sonntag, 8. 2., 22.10 - 23.00 Uhr, RTL. Mehr über das SPIEGEL TV Magazin erfahren Sie hier.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 54 Beiträge
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Seite 1
realdemokrat420 08.02.2015
1. Chlorhünschen Schön reden?
nur weil irgendwelche Ministerien chlorhünschen für unbedenklich halten hat das noch lange nicht zu bedeuten das dies auch wirklich so ist. Vieleicht ist es ausschlaggebend warum soviele Amerikaner Übergewichtig ist. Es gibt keine langzeitstudien die belegen das es unbedenklich ist.
peroxyacetylnitrat 08.02.2015
2. @realdemokrat
wenn sie schon keine Ahnung haben, verzichten sie bitte wenigstens darauf ihre Verschwörungstheorien zu verbreiten. was irgendein Ministerium oder die nationale oder europäische Lebensmittelsicherheitsbehorde sagen tun sie also als Unsinn ab, wissen es aber nicht besser? kürzlich in einem Interview gelesen: mit dem Wasser, das man bei einem Schwimmbadbesuch schluckt, nimmt man allein deutlich mehr Chlorid (nicht Chlor!) auf als durch ein "chlorhuhn". und das Wasser dort wird nicht erst seit gestern gechlort... also wollen sie im Schwimmbad oder beim Huhn lieber schwere Infektionen riskieren? Ich bin auch gegen ttip, aber vor allem weil es die Demokratie untergräbt. und eine gesunde Ernährung, die vor allem ausgewogen ist, schadet auch nicht. Aber es nervt langsam wenn Leute, die Null Ahnung von Wissenschaft und allgemein der Materie haben oder völlig immun gegen Fakten sind regelmäßig neue Säue durchs Dorf treiben und jeder hansel überall nur lügenpresse wittert und aus Dummheit für rationale Argumente gar nicht mehr zugänglich ist. Die grünen waren mal wählbar, aber das ist doch nur noch dogmapolitik. Mit chlordioxid desinfizierte Hühner sind zumindest meine geringste sorge bei ttip und der Ernährung. ..
borgone 08.02.2015
3.
es gibt auch keine langzeitstudien das es ungesund ist... ich esse bisher worauf ich lust habe ohne irgendwelche Skandale, Meldungen oder sonstiges zu beachten. bin dennoch gesund und nicht dick... das meiste ist eh nur panikmache. früher war Milch frisch vom Bauer auch gut, heute angeblich ungesund
klyton68 08.02.2015
4. Chlorhünchen
Ich will kein Chlorhünchen weil man im Schwimmbad davon rote Augen bekommt und wel es mal Chlorgas gab. Das Zeug hat nen schlechten Nimbus. Und bei Lauterbach darf man wohl froh sein, dass der nicht Gesundheitsministerin geworden ist. Dann hätten wir wohl jetzt nicht nur nen Veggie-Day. Kann ja jeder machen , was er will. Aber wenn's weiter als Vegetarier ist, wird's auch langsam suspekt.
barf 08.02.2015
5. Alles schön in einen Topf...
...und dann kräftig umgerührt - so werden dann z.B. Leute, die aus durchaus vernünftigen Erwägungen kein Fleisch essen (industrielle, tierquälerische Produktion, Klimaschutz usw.), auf eine Stufe mit Ernährungssektierern gestellt, die überall Gift und Mangel wittern. Das ist für mich eher Sensationsjournalismus als seriöse, differenzierte Berichterstattung.
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