SPIEGEL-Umfrage: Das Helmut-Schmidt-Phänomen

Reichlich düster waren die letzten Jahre der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt. Trotzdem ist er heute die größte moralische Instanz der Deutschen - wie eine Umfrage des SPIEGEL zeigt. Politiker führen das Ranking an, Intellektuelle sind dagegen nicht mehr gefragt. Schade eigentlich, findet Franz Walter.

Altkanzler Schmidt: Den Papst als moralische Instanz weit hinter sich gelassenZur Großansicht
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Altkanzler Schmidt: Den Papst als moralische Instanz weit hinter sich gelassen

In der neuen Ausgabe des SPIEGEL wird ein Ranking über die "moralischen Autoritäten" innerhalb der deutschen Prominenz präsentiert. Die Liste ist Ergebnis einer Erhebung, die das Institut TNS Forschung Mitte Juni für das Hamburger Magazin durchgeführt hat. Die Frage der repräsentativen Erkundung lautete: "Wer ist eine moralische Instanz für Deutschland?"

Hier lesen Sie das Ergebnis.

Fast muss man ein bisschen schmunzeln, dass die Tag für Tag heftig gescholtene aktive "Politikerkaste", allen unentwegt festgestellten Verdrossenheiten im Volk zum Trotze, an der Spitze der Hierarchie "moralischer Instanzen" steht.

Demgegenüber kommt die stets als Alternative ausgelobte Zivilgesellschaft von Repräsentanten der Kirchen, Medien oder Wirtschaft keineswegs auf das moralische Renommee der Politik. Und ganz abgeschlagen liegen die klassischen Künder und Wächter des gesellschaftlichen Gewissens: die Intellektuellen. Damit musste man nicht unbedingt rechnen.

Jedenfalls scheint das am Bemerkenswertesten: Die traditionellen Autoritäten in der Begründung und Pflege von Ethik und Moral haben ihre einst unzweifelhaft innegehaltene Führungsposition gänzlich verloren. Dass Papst Benedikt XVI. als "moralische Instanz" in etwa die Werte von Günther Jauch erlangt, zeigt dann doch an, dass eine über Jahrhunderte tief verwurzelte Sakralität mediengesellschaftlich unter- und weggespült wird. Die tausenden Missbrauchsfälle und die mangelnde Aufklärung des Skandals haben das Vertrauen in die katholische Kirche nachhaltig erschüttert.


Noch frappanter ist gewiss, wie unbedeutend die Gruppe der Intellektuellen geworden ist. Man kennt sie nicht mehr. Man vermisst sie aber auch nicht. In früheren Jahrzehnten brauchte man sie - wie es oft hieß - als mutige Stimmen des Widerspruchs, als Ankläger von Ungerechtigkeiten, überhaupt: als Vordenker einer neuen Zukunft.

Heute tummeln sich Zehntausende von notorischen Widerspruchsgeistern in Internetforen; die Schar der Blogger klagt stündlich irgendeine Ungerechtigkeit irgendwo in der Republik an. An die Kraft und Möglichkeit realistischen wie visionären Vordenkens glaubt in heterogenen Gesellschaften kaum noch jemand; zumindest überweist man eine solche Rolle nicht mehr an Verfasser literarischer Prosa oder schwer verständlicher Sozialwissenschaft.

Es ist vielmehr so: Regnet es 14 Tage hintereinander, dann fragt ein ARD-"Brennpunkt" bei einem Klimaexperten an, ob das etwas zu bedeuten hat. Im Gefolge von Pisa-Umfragen holt man sich einen Bildungsforscher ins Studio. Bei Kursstürzen des Euro steht ein Währungsexperte parat, um die Ängste der Fernsehzuschauer zu dämpfen. Nach Kraftwerksunfällen erklärt ein Physiker vor der Kamera, wie es passieren konnte. Kurz: Der Experte hat die Denker ersetzt. Der Typus des "Gesamtintellektuellen" ist nicht mehr gefragt.

Die moralische Instanz Helmut Schmidt

Dafür hat die Nation Helmut Schmidt. Ihn bezeichneten die meisten der Befragten, nämlich 83 Prozent, als moralische Autorität. Das stand nun in der Tat zu erwarten, dass er die moralische Instanz in Deutschland verkörpert, auch generelle Bedeutung im überragenden Maße zugesprochen bekommt. Seit Jahren hat er die Aura eines letzten Bundeskanzlers der Bundesrepublik kreiert, der bei allen Widrigkeiten im Amt und auch danach stetig und beharrlich die politischen Linien gezogen hat, ohne dabei populistisch nach Beifall zu heischen, überhaupt die internationale Dimension politischer Vorgänge durchweg im Auge hatte.

Mittlerweile hat sich das Schmidt-Bild verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. Kaum jemand scheint sich merkwürdigerweise daran zu erinnern, wie düster und depressiv die gesellschaftliche Befindlichkeit in den Jahren 1980 bis 1982, in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Schmidt, wirklich war. Alle Probleme - von der Staatsverschuldung, der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten - nahmen hier, in der Schmidt-Ära, ihren betrüblichen Anfang.

Schon 1976 schrieb ein wirklich guter und treuer Freund Helmut Schmidts, der "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer: "Die zweite Regierung Schmidt/Genscher ist schon in den Startlöchern elend ins Stolpern geraten. Ein Wunder ist es nicht, dass die Bürger sich verschaukelt fühlen. Zynismus, Missmut, Verdrossenheit macht sich breit im Land." Und so ging das weiter, insbesondere in den frühen achtziger Jahren. Zumeist herrschte ein Hauen und Stechen zwischen den Koalitionspartnern, zwischen Schmidt und Genscher; mühselig ausgehandelte Kompromisse zwischen SPD und FDP hielten meist nur wenige Wochen, mitunter gar lediglich einige Tage.

So gesehen: Wer weiß, wie man in dreißig Jahren den Herrn Schröder oder Herrn Fischer bewerten wird. Auszuschließen jedenfalls ist nicht, dass selbst diese derzeit wenig geschätzten Raufbolde von Rot-Grün im Jahr 2040 dann als vorzügliche moralische Instanzen durchgehen mögen. Die Zeit heilt auch in dieser Hinsicht so manche Wunden.

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insgesamt 164 Beiträge
Subtuppel 24.08.2010
Tja, liegt halt vielleicht daran, dass einem heutzutage zum Beispiel neoliberale Sozialrassisten wie Sloterdijk als Intellektuelle vorgeführt werden. Bevor ich sowas zum Vorbild nehme, nehme ich lieber Gift.
Tja, liegt halt vielleicht daran, dass einem heutzutage zum Beispiel neoliberale Sozialrassisten wie Sloterdijk als Intellektuelle vorgeführt werden. Bevor ich sowas zum Vorbild nehme, nehme ich lieber Gift.
roflem 24.08.2010
Wer hat diese Umfrage bezahlt? welche Fragen wurden gestellt? Welche Antwort-Vorlagen wurden gegeben? Selten so etwas dämliches gesehen....Bushido? Schweinsteiger? Jauch als No1? Wo kann ich meine Staatsbürgerschaft abgeben?
Zitat von sysopReichlich düster waren die letzten Jahre der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt. Trotzdem ist er heute die größte moralische Instanz der Deutschen - wie eine Umfrage des SPIEGEL zeigt. Politiker führen das Ranking an, Intellektuelle sind dagegen nicht mehr gefragt. Schade eigentlich, findet Franz Walter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713376,00.html
Wer hat diese Umfrage bezahlt? welche Fragen wurden gestellt? Welche Antwort-Vorlagen wurden gegeben? Selten so etwas dämliches gesehen....Bushido? Schweinsteiger? Jauch als No1? Wo kann ich meine Staatsbürgerschaft abgeben?
james blond 24.08.2010
Frau von der Leyen an dritter Stelle der "moralische Instanzen" in Deutschland. Die Frau, die keine Hemmungen hat, geschändete Kinder für Ihre miesen Wahlkampftricks zu missbrauchen soll uns ein moralisches Vorbild [...]
Frau von der Leyen an dritter Stelle der "moralische Instanzen" in Deutschland. Die Frau, die keine Hemmungen hat, geschändete Kinder für Ihre miesen Wahlkampftricks zu missbrauchen soll uns ein moralisches Vorbild sein ? Man müsste sich eigentlich tot lachen, wenn es nicht so furchtbar traurig wäre...
mexi42 24.08.2010
hatte Pflichtbewusstsein, Geradlinigkeit und bewältigte Probleme besser als heutige Dilettanten.
Zitat von sysopReichlich düster waren die letzten Jahre der Kanzlerschaft von Helmut Schmidt. Trotzdem ist er heute die größte moralische Instanz der Deutschen - wie eine Umfrage des SPIEGEL zeigt. Politiker führen das Ranking an, Intellektuelle sind dagegen nicht mehr gefragt. Schade eigentlich, findet Franz Walter. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,713376,00.html
hatte Pflichtbewusstsein, Geradlinigkeit und bewältigte Probleme besser als heutige Dilettanten.
davidrohde 24.08.2010
Das Ranking "Deutschland wie ich es mir wünsche" zeigt an der Spitze Persönlichkeiten, bei denen es einfach fällt, an Verantwortlichkeit, Glaubwürdigkeit und Gestaltungswillen zu glauben. Viele Politiker, die sich gerne [...]
Das Ranking "Deutschland wie ich es mir wünsche" zeigt an der Spitze Persönlichkeiten, bei denen es einfach fällt, an Verantwortlichkeit, Glaubwürdigkeit und Gestaltungswillen zu glauben. Viele Politiker, die sich gerne medial in Szene setzen, ohne nachhaltig zu wirken, findet man hier - zu Recht - nicht! (Lese-Tipp: http://s299082655.online.de/)
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  • Dienstag, 24.08.2010 – 16:17 Uhr
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Zum Autor
Uni Göttingen
Franz Walter, Jahrgang 1956, ist Parteienforscher und lehrt Politikwissenschaft an der Universität Göttingen. Seit März 2010 leitet er das Göttinger Institut für Demokratieforschung. Walter schreibt regelmäßig für SPIEGEL ONLINE.





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