In der neuen Ausgabe des SPIEGEL wird ein Ranking über die "moralischen Autoritäten" innerhalb der deutschen Prominenz präsentiert. Die Liste ist Ergebnis einer Erhebung, die das Institut TNS Forschung Mitte Juni für das Hamburger Magazin durchgeführt hat. Die Frage der repräsentativen Erkundung lautete: "Wer ist eine moralische Instanz für Deutschland?"
Fast muss man ein bisschen schmunzeln, dass die Tag für Tag heftig gescholtene aktive "Politikerkaste", allen unentwegt festgestellten Verdrossenheiten im Volk zum Trotze, an der Spitze der Hierarchie "moralischer Instanzen" steht.
Demgegenüber kommt die stets als Alternative ausgelobte Zivilgesellschaft von Repräsentanten der Kirchen, Medien oder Wirtschaft keineswegs auf das moralische Renommee der Politik. Und ganz abgeschlagen liegen die klassischen Künder und Wächter des gesellschaftlichen Gewissens: die Intellektuellen. Damit musste man nicht unbedingt rechnen.
Jedenfalls scheint das am Bemerkenswertesten: Die traditionellen Autoritäten in der Begründung und Pflege von Ethik und Moral haben ihre einst unzweifelhaft innegehaltene Führungsposition gänzlich verloren. Dass Papst Benedikt XVI. als "moralische Instanz" in etwa die Werte von Günther Jauch erlangt, zeigt dann doch an, dass eine über Jahrhunderte tief verwurzelte Sakralität mediengesellschaftlich unter- und weggespült wird. Die tausenden Missbrauchsfälle und die mangelnde Aufklärung des Skandals haben das Vertrauen in die katholische Kirche nachhaltig erschüttert.
Heute tummeln sich Zehntausende von notorischen Widerspruchsgeistern in Internetforen; die Schar der Blogger klagt stündlich irgendeine Ungerechtigkeit irgendwo in der Republik an. An die Kraft und Möglichkeit realistischen wie visionären Vordenkens glaubt in heterogenen Gesellschaften kaum noch jemand; zumindest überweist man eine solche Rolle nicht mehr an Verfasser literarischer Prosa oder schwer verständlicher Sozialwissenschaft.
Es ist vielmehr so: Regnet es 14 Tage hintereinander, dann fragt ein ARD-"Brennpunkt" bei einem Klimaexperten an, ob das etwas zu bedeuten hat. Im Gefolge von Pisa-Umfragen holt man sich einen Bildungsforscher ins Studio. Bei Kursstürzen des Euro steht ein Währungsexperte parat, um die Ängste der Fernsehzuschauer zu dämpfen. Nach Kraftwerksunfällen erklärt ein Physiker vor der Kamera, wie es passieren konnte. Kurz: Der Experte hat die Denker ersetzt. Der Typus des "Gesamtintellektuellen" ist nicht mehr gefragt.
Die moralische Instanz Helmut Schmidt
Dafür hat die Nation Helmut Schmidt. Ihn bezeichneten die meisten der Befragten, nämlich 83 Prozent, als moralische Autorität. Das stand nun in der Tat zu erwarten, dass er die moralische Instanz in Deutschland verkörpert, auch generelle Bedeutung im überragenden Maße zugesprochen bekommt. Seit Jahren hat er die Aura eines letzten Bundeskanzlers der Bundesrepublik kreiert, der bei allen Widrigkeiten im Amt und auch danach stetig und beharrlich die politischen Linien gezogen hat, ohne dabei populistisch nach Beifall zu heischen, überhaupt die internationale Dimension politischer Vorgänge durchweg im Auge hatte.
Mittlerweile hat sich das Schmidt-Bild verblüffend stabil im kollektiven Gedächtnis der Deutschen festgesetzt. Kaum jemand scheint sich merkwürdigerweise daran zu erinnern, wie düster und depressiv die gesellschaftliche Befindlichkeit in den Jahren 1980 bis 1982, in den letzten Jahren der Kanzlerschaft Schmidt, wirklich war. Alle Probleme - von der Staatsverschuldung, der Massenarbeitslosigkeit, der Rentenfinanzierung, den neuerlichen Bildungsungleichheiten - nahmen hier, in der Schmidt-Ära, ihren betrüblichen Anfang.
Schon 1976 schrieb ein wirklich guter und treuer Freund Helmut Schmidts, der "Zeit"-Chefredakteur Theo Sommer: "Die zweite Regierung Schmidt/Genscher ist schon in den Startlöchern elend ins Stolpern geraten. Ein Wunder ist es nicht, dass die Bürger sich verschaukelt fühlen. Zynismus, Missmut, Verdrossenheit macht sich breit im Land." Und so ging das weiter, insbesondere in den frühen achtziger Jahren. Zumeist herrschte ein Hauen und Stechen zwischen den Koalitionspartnern, zwischen Schmidt und Genscher; mühselig ausgehandelte Kompromisse zwischen SPD und FDP hielten meist nur wenige Wochen, mitunter gar lediglich einige Tage.
So gesehen: Wer weiß, wie man in dreißig Jahren den Herrn Schröder oder Herrn Fischer bewerten wird. Auszuschließen jedenfalls ist nicht, dass selbst diese derzeit wenig geschätzten Raufbolde von Rot-Grün im Jahr 2040 dann als vorzügliche moralische Instanzen durchgehen mögen. Die Zeit heilt auch in dieser Hinsicht so manche Wunden.
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