Deutsch-türkische Spionageaffäre Geheimdossier belastet ehemaligen Erdogan-Berater

Drei mutmaßliche Spione der Türkei stehen in Koblenz vor Gericht. Sie sollen in Deutschland Jesiden und Kurden ausgespäht haben. Anders als seine Zuträger könnte der Kopf des Trios eine wichtige Rolle im türkischen Geheimdienst eingenommen haben.

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Türkischer Präsident Erdogan: Mutmaßliche Spione in Deutschland vor Gericht
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Türkischer Präsident Erdogan: Mutmaßliche Spione in Deutschland vor Gericht


"Streng geheim" stand über dem Schriftstück mit der Nummer 2012/387. In dem Dokument warnte eine türkische Sicherheitsbehörde Istanbuls Polizei und Verwaltung vor Attentaten auf Führungsfiguren der tschetschenischen Exilantenszene. Das war im Juli 2012. Und obschon die befürchteten Anschläge offenbar ausblieben, könnte das Schreiben jetzt eine zentrale Rolle in dem Spionageprozess vor dem Oberlandesgericht Koblenz spielen.

Von diesem Mittwoch an müssen sich dort drei Männer wegen geheimdienstlicher Agententätigkeit verantworten: Die Bundesanwaltschaft wirft Muhammed Taha Gergerlioglu, 59, sowie Ahmet Y., 59, und Göksel G., 34, vor, als Mitarbeiter des türkischen Nachrichtendienstes MIT über Jahre Oppositionelle in Deutschland ausgeforscht zu haben. Gergerlioglu, ein früherer Berater des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan, soll Kopf der Spionagezelle gewesen sein. Die Ermittler halten ihn für einen reisenden Führungsoffizier des MIT.

Gleichwohl gehen sie davon aus, dass Gergerlioglu nicht in die offiziellen Strukturen des Geheimdienstes eingebettet war. So hat Ankara auch stets bestritten, dass Gergerlioglu und seine mutmaßlichen Komplizen in den Diensten des MIT gestanden hätten. Allerdings gibt es zahlreiche Indizien, aus denen sich für die Bundesanwaltschaft das Bild eines umherziehenden Spions ergibt.

Politische Gegner ausgespäht

Dazu zählt unter anderen das Geheimdokument aus dem Sommer 2012. Ein Foto davon fanden Techniker des rheinland-pfälzischen Landeskriminalamts auf dem iPhone 5 von Gergerlioglu. Hinzu kamen 34 weitere Bilder von Schriftstücken, die nach Auffassung der Bundesanwaltschaft mit Sicherheitsbehörden oder Ermittlungsverfahren zu tun hatten. 112 Fotos wiederum zeigten Ausweise und Pässe von Türken, Kasachen, Briten, Syrern und Libyern. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sich um politische Gegner Erdogans handelt, die von Gergerlioglu und seiner Truppe ausgespäht werden sollten.

Als belastend werten die Ankläger auch ein abgehörtes Gespräch, in dem Gergerlioglu vor Vertrauten über den Zustand des türkischen Sicherheitsapparats dozierte: Es werde "ein Dreier-System" angewendet, Erdogan bediene sich "einer sichtbaren und einer unsichtbaren Einheit und einer weiteren unsichtbaren Einheit, die sich untereinander nicht kennen", so Gergerlioglu. Dieser Umstand untermauere den Verdacht, dass die Gruppe um Gergerlioglu Erdogan diene und für ihn ein Spitzelsystem in Deutschland errichtet habe, heißt es in einem Schriftstück der Ermittler.

Hinzu kommt die ausgeprägte Reisetätigkeit, die den mutmaßlichen Spion aus Istanbul nicht nur immer wieder nach Deutschland, sondern auch nach Katar, Rumänien, Iran und in die Vereinigten Arabischen Emirate führte. Zur selben Zeit hielt sich nach Erkenntnissen der Ermittler auch der Angeklagte G. am Golf auf - eine Reise, die sich nur schwer mit seiner wirtschaftlich ziemlich erfolglosen Tätigkeit als Dachdecker und vormaliger Getränkehändler erklären lässt.

Hoher Besuch

In Erstaunen versetzte die Bundesanwaltschaft außerdem der hohe Besuch, den Gergerlioglu nach seiner Festnahme erhielt: Zur Eröffnung des Haftbefehls erschien in Karlsruhe der türkische Generalkonsul höchstpersönlich, was eher selten vorkommt. Zuvor hatte sich schon ein Anwalt telefonisch bei der Bundesanwaltschaft gemeldet und mitgeteilt, dass der mutmaßliche Spion "zum Beraterstab von Präsident Erdogan" zähle. Bei den Ermittlern machte das gleichwohl wenig Eindruck.

Der mutmaßliche Agentenführer Gergerlioglu versammelte trotzdem eine merkwürdige Amateurtruppe in Deutschland um sich: Neben dem insolventen Dachdecker G., dessen Familie im Wesentlichen mit dem Einkommen der als Altenpflegerin arbeitenden Ehefrau auskommen musste, war das noch der in Wuppertal lebende Ahmet Y. Der Betreiber eines Reisebüros spricht auch nach mehr als 40 Jahren in der Bundesrepublik kaum Deutsch und geriet schon mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Vorbestraft ist er wegen Handels mit Falschgeld und Drogen.

Die Verteidiger der Angeklagten - die Rechtsanwälte Hannes Linke aus Karlsruhe, Mutlu Günal aus Bonn und Ricarda Lang aus München - wollten sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht zu den Vorwürfen des Generalbundesanwalts äußern.

Generell scheint der nachrichtendienstliche Ertrag des Trios allerdings überschaubar gewesen zu sein. Die Ermittler haben herausgearbeitet, dass die Truppe zwar Demonstrationen von Jesiden und Kurden in Deutschland ausspähte und Fotos von Teilnehmern machte. Immer wieder aber meldeten sie ihrem Großbruder genannten Chef Gergerlioglu auch, dass sich Landsleute abfällig über Erdogan geäußert hätten. Diese könne man "sofort fertigmachen", befand Gergerlioglu.

Angesichts dieser Erkenntnisse fühlten sich die Fahnder kaum an James Bond erinnert, wie einer von ihnen sagte. Er verstand den Ring "eher als einen Zusammenschluss von Gesinnungswächtern und Blockwarten".

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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