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Spionage in Berlin: Agentenjäger halten Regierungsviertel für unkontrollierbar

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Dächer von Berlin: Überwachung leichtgemacht

Reichstag, Pariser Platz, Brandenburger Tor: Berlins Mitte ist das ideale Revier für Spione. Selbst mit einfachsten technischen Mitteln scheint eine lückenlose Überwachung des Regierungsviertels möglich zu sein. Deutsche Agentenjäger sind alarmiert.

Berlin - Das Herz der Hauptstadt ist ungefähr so groß wie zwei Fußballplätze. Der Pariser Platz, eingerahmt von Brandenburger Tor und dem Boulevard Unter den Linden, gilt als Pflichtdestination für jeden Besuch in Berlin. Der Reichstag und das Kanzleramt sind nicht weit, die Botschaften der USA, Großbritanniens, Frankreichs und Russlands ganz nah. Hier ballt sich Macht - und hier wird spioniert, was das Zeug hält.

Nicht nur die Missionen der USA und Großbritanniens nämlich sind mit auffälligen Dachaufbauten ausgerüstet, die nach Einschätzung von Fachleuten der illegalen Überwachung von Telefonaten dienen können. Auch auf dem Botschaftsgebäude Russlands befindet sich ein Verschlag, den die deutschen Behörden schon seit geraumer Zeit im Auge haben. In Sicherheitskreisen ist er als "russische Holzhütte" bekannt, von dort aus soll ebenfalls gelauscht werden.

"Wenn im Berliner Regierungsviertel ungeschützt telefoniert wird, hört wohl nicht nur ein ausländischer Nachrichtendienst zu", sagt ein hochrangiger Beamter. Eine Recherche des SPIEGEL hatte vor wenigen Wochen ans Licht gebracht, dass der US-Geheimdienst NSA lange Zeit das Handy der Bundeskanzlerin als Ausspähungsziel führte. Und die Amerikaner sind längst nicht die einzigen, die auf diese Weise Informationen sammeln, zu einfach ist der große Lauschangriff in Mitte.

Bereits mit einer 80 Zentimeter großen Parabolantenne sei es technisch möglich, die im Umfeld des Pariser Platzes genutzten Mobiltelefone zu überwachen, heißt es aus Sicherheitskreisen. Schon vor dem Regierungsumzug von Bonn nach Berlin hätten Fachleute vor dieser "vulnerablen Situation" im Herzen der Hauptstadt gewarnt.

Hausdurchsuchungen ausgeschlossen

Die deutschen Behörden - wie die für Spionageabwehr zuständigen Verfassungsschutzämter - sind gegen diese allgegenwärtig erscheinende Praxis weitgehend machtlos. Zum einen ist das "passive Abhören" nur zu bemerken, wenn gröbste handwerkliche Fehler gemacht werden. Hinzu kommt aber noch, dass die Botschaften exterritoriales Gebiet sind, auf dem die deutschen Dienste keinerlei Befugnisse haben. Hausdurchsuchungen sind somit ausgeschlossen.

Also schreiben die Agentenjäger freundliche Briefe an die Botschafter und bitten darum, die architektonischen Auffälligkeiten in Augenschein nehmen zu können. Mehr als höfliche Antworten darauf bekommen sie zumeist nicht. Darüber hinaus versuchen sie, die bundesdeutschen Geheimnisträger auf die Gefährdung ihrer Kommunikation hinzuweisen und ihnen für vertrauliche Gespräche immer wieder die noch immer ziemlich umständlich zu bedienenden Krypto-Handys zu empfehlen.

Von der Intensität der nachrichtendienstlichen Aktivitäten Verbündeter in der Bundesrepublik wollen die deutschen Schlapphüte gleichwohl überrascht worden sein. So wie die Bundeswehr ihre Waffen eben auch nicht gen Westen ausgerichtet habe, seien die vermeintlich befreundeten Behörden bislang ebenfalls nicht systematisch überwacht worden, heißt es in Sicherheitskreisen. Dahinter stehe eine interne Priorisierung: Man habe sich eben überlegt, woher die größte Gefahr drohe, um die beschränkten Mittel darauf zu konzentrieren. Womöglich müsse man nun über die Schwerpunkte der eigenen Arbeit noch einmal nachdenken.

"Deutschland ist im Fadenkreuz"

Dabei ist die technische Überwachung ("Sigint") überhaupt nur eine Seite dessen, was Nachrichtendienste in Deutschland so treiben. Noch immer versuchen ausländische Spione, in großer Zahl Informanten in Ämtern, Parteien und Ministerien anzuwerben, "Humint" heißt das im Jargon und steht für "Human Intelligence", also Informationsbeschaffung aus menschlichen Quellen. "Deutschland ist im Fadenkreuz der Dienste", sagt ein Spitzenbeamter. Demnach registrierten die zuständigen Behörden allein im vergangenen Jahr eine dreistellige Zahl solcher Anbahnungsgespräche, die zumeist ganz harmlos und freundlich beginnen, als Plaudereien auf dem diplomatischen Parkett.

Doch dass weitaus mehr hinter diesen Kontakten stecken kann, zeigt auch die Fülle der offiziell in Deutschland registrierten Späher aus Russland. Sie hat sich seit Ende des Kalten Krieges nicht wesentlich verringert. Nach Einschätzung eines Fachmanns arbeitet mindestens jeder dritte russische Diplomat in Deutschland für einen Nachrichtendienst. Hinzu kommt nach SPIEGEL-Informationen eine zweistellige Zahl sogenannter Illegaler, also Agenten, die unter einer Legende scheinbar ein bürgerlich-unauffälliges Leben in der Bundesrepublik führen. Darauf deutet vor allem der nach Westeuropa ausgerichtete russische Agentenfunk hin.

Heidrun, 47, und Andreas Anschlag, 53, waren so ein Paar. Mehr als 20 Jahre lebten sie in Deutschland, sie Hausfrau, er Ingenieur. Zugleich aber spitzelten sie für den Moskauer Auslandsgeheimdienst SWR. Dabei führten die Anschlags von Oktober 2008 bis kurz vor ihrer Festnahme im Herbst 2011 den niederländischen Diplomaten Raymond P. als Quelle. Der Beamte des Den Haager Außenministeriums, Deckname "BR", lieferte in dieser Zeit Hunderte vertrauliche Dokumente und erhielt dafür mindestens 72.200 Euro. Die Übergabe der Papiere erfolgte zumeist in den Niederlanden, danach deponierte Andreas Anschlag die Akten in "toten Briefkästen" im Raum Bonn, wo sie anschließend von Mitarbeitern der russischen Botschaft abgeholt wurden.

Im Unterschied zu Spionen, die als Diplomaten in ihre Einsatzgebiete reisen, arbeiten Agenten wie Heidrun und Andreas Anschlag nicht im Schutz der Botschaften. Diplomaten droht im schlimmsten Fall die Ausweisung - allen anderen eine langjährige Haftstrafe. Wegen des hohen Risikos werden sie in russischen Geheimdienstkreisen als "Wunderkinder" verehrt. Die Anschlags sind jetzt Stars ihrer Branche, verurteilt zwar zu mehreren Jahren Gefängnis, doch voller Hoffnung auf einen baldigen Austausch, die Rückkehr in ihre Heimat und den dortigen Ruhm.

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1. Botschaften sind nicht extraterritoriales Gelände
dt59258402 20.11.2013
Nichtsdestotrotz, ändert das nichts an den eingeschränkten / nicht vorhandenen Befugnissen dt. Behörden.
2. Dr.
braintainment 20.11.2013
"Also schreiben die Agentenjäger freundliche Briefe an die Botschafter und bitten darum, die architektonischen Auffälligkeiten in Augenschein nehmen zu können." Warum wird da nicht einfach mal ein kleiner Störsender per Richtfunkantenne auf die "architektonischen Auffälligkeiten" gerichtet? Dann ist schnell Schluss mit derartiger Überwachung.
3. dann ...
Hilfskraft 20.11.2013
Zitat von sysopGetty ImagesReichstag, Pariser Platz, Brandenburger Tor: Berlins Mitte ist das ideale Revier für Spione. Selbst mit einfachsten technischen Mitteln scheint eine lückenlose Überwachung des Regierungsviertels möglich zu sein. Deutsche Agentenjäger sind alarmiert. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/spionage-in-berlin-wie-leicht-sich-in-mitte-spitzeln-laesst-a-934663.html
... weiß also jedes Land besser über unsere Regierungs-Mißgriffe Bescheid, als wir selber. Wir sind wie immer die Blöden. Danke!
4. Abhören
spiegelforum1 20.11.2013
Es gibt z.B ein einfaches Mittel einen Raum von außerhalb abzuhören. Stimmen erzeugen Schall und dieser lässt die Scheiben vibrieren. Mit einem Abtastlaser lassen sich diese Schallwellen an der Fensterscheibe abtasten und in Töne umwandeln. Doch mir persönlich stinkt die elektronische Überwachung mehr. Smart TVs funken seit neuestem z.B auch nach Hause.
5. Tja . . .
Johann Ludwig 20.11.2013
. . . auch in diesem Punkt hat der Einheitskanzler schlecht geplant. Protzbauten imperialer Größe - und Scheußlichkeit - zum größeren Ruhme des Herrn der Einheit waren ihm wichtiger, als Sicherheit. Im bescheidenen Bonn, wo man sich in Zeiten des Kalten Krieges auch auf "Sigint" eingestellt hatte, wäre das nicht passiert.
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Fotostrecke
Überwachte Regierungschefs: Spionage beim Freund

Fläche: 9.833.517 km²

Bevölkerung: 318,857 Mio.

Hauptstadt: Washington, D.C.

Staats- und Regierungschef: Barack Obama

Vizepräsident: Joseph R. Biden

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