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14. Januar 2013, 16:54 Uhr

Prozess gegen Agentenpaar

Was "Alpenkuh1" nach Moskau funkte

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Unauffällig, bieder, bürgerlich: Mehr als 20 Jahre lang leben Andreas Anschlag und seine Frau in der Bundesrepublik. Dann kommt heraus, dass die beiden wohl russische Agenten sind. Der Geheimdienst-Thriller aus der deutschen Provinz wird ab Dienstag vor Gericht verhandelt.

Stuttgart - Es gibt ein Bild von dem Mann, der ein Agent gewesen sein soll. Darauf zu sehen ist ein harmlos wirkender Mittvierziger in braunem Anzug, braunem Hemd und mit brauner Krawatte. Sein Gesicht ist weich und voll, er hat Geheimratsecken und sein schmaler Mund deutet ein zurückhaltendes Lächeln an: Andreas Anschlag nennt er sich, doch vielleicht heißt er auch Sascha Rost?

23 Jahre lang lebte Sascha alias Andreas Anschlag zusammen mit seiner etwas jüngeren Frau Olga alias Heidrun in Deutschland. Nach außen gaben sie das gutbürgerliche Paar: Er arbeitete als Ingenieur bei verschiedenen Automobilzulieferbetrieben im Westen und Süden des Landes, sie war Hausfrau und kümmerte sich um die gemeinsame Tochter. Doch das war wohl bloß eine Legende, ersonnen in Moskau, gedacht zur Tarnung.

Denn die Anschlags, davon gehen die deutschen Sicherheitsbehörden inzwischen aus, waren Kundschafter des russischen Auslandsgeheimdienstes SWR. Von Dienstag an werden sich die Eheleute daher in einem Aufsehen erregenden Prozess vor dem Oberlandesgericht Stuttgart verantworten müssen, die Bundesanwaltschaft wirft ihnen geheimdienstliche Agententätigkeit und mittelbare Falschbeurkundung vor. Es ist einer der spektakulärsten Fälle seit dem Ende des Kalten Krieges.

Verteidigt wird das Paar von dem Münchner Rechtsanwalt Horst-Dieter Pötschke, den die "Welt" einmal den "Anwalt der Spione" nannte. Er hat viele Agenten aus dem Osten vertreten, Späher der Stasi und des KGB, Männer und Frauen. Sein bekanntester Mandant war der Kanzlerspitzel Günter Guillaume, dessen Auffliegen einstmals den Rücktritt Willy Brandts nach sich zog.

Herausragende Stellung in Deutschland eingenommen

In dem aktuellen Fall kündigt der Jurist auf Anfrage an, dass die Eheleute Anschlag vor Gericht nicht aussagen werden. Auch Angaben zur Person machten sie nicht, um ihre wahren Namen zu schützen. Pötschke bezweifelt, dass sich der Vorwurf der schweren Spionage, auf den bis zu zehn Jahre Gefängnis stehen, tatsächlich werde beweisen lassen. Immerhin habe das Paar doch weder eine herausragende Stellung in Deutschland eingenommen, noch scheine der Bundesrepublik ein schwerer Schaden entstanden zu sein. Eine wichtige Frage des Verfahrens wird daher tatsächlich die nach den Quellen der mutmaßlichen Agenten sein.

Den Anklägern zufolge hatten die Anschlags "die Aufgabe, Informationen über die politische und militärpolitische Strategie der EU und der Nato zu gewinnen". Von Oktober 2008 bis kurz vor ihrer Festnahme im Herbst 2011 hätten die beiden den niederländischen Diplomaten Raymond P. geführt, der bis zu seiner Verhaftung im März 2012 im Den Haager Außenministerium arbeitete. Er soll dem Duo gegen Geld regelmäßig vertrauliche Dokumente aus Brüssel geliefert haben, die Andreas Anschlag dann über "tote Briefkästen" an den SWR weitergeleitet habe. Bei Vorträgen und politischen Veranstaltungen suchte der mutmaßliche Spitzel zudem Kontakt zu weiteren potentiellen Informanten aus Wirtschaft und Verwaltung.

Ein besonders heikler Punkt für Agenten im Auslandseinsatz ist die Frage der Kommunikation. Zweimal in der Woche, davon gehen die deutschen Behörden inzwischen aus, erhielt Heidrun Anschlag in ihrem unauffälligen, weißgetünchten Haus im hessischen Marburg geheime Direktiven aus Moskau. Dazu nutzte sie einen Kurzwellenempfänger, der mit einem Decoder und einem Computer verbunden war.

"Alpenkuh1" auf YouTube

Während das Pärchen seine Anweisungen über Funk empfangen habe, seien die Rückmeldungen via Satellit erfolgt, heißt es in der Anklageschrift. Auch mittels YouTube tauschte sich Heidrun Anschlag demnach als "Alpenkuh1" mit ihrem Führungsoffizier aus. Dazu nutzten die Geheimdienstler offenbar codierte Kommentare.

Im Oktober 2011, als ein Kommando der GSG 9 das Haus der Familie stürmte, saß Heidrun Anschlag gerade an ihrem Kurzwellenempfänger. Die mutmaßliche Agentin war so erschrocken, dass sie vom Stuhl fiel und das Verbindungskabel zum Computer herausriss. Zeitgleich nahmen Ermittler ihren Mann im baden-württembergischen Balingen fest, wo er eine kleine Wohnung angemietet hatte. Das Paar befand sich zu diesem Zeitpunkt offenbar bereits auf dem Absprung: Andreas Anschlag hatte seinen Job bei einem Autozulieferer gekündigt und den Wagen verkauft. Ein Teil des Hausstands war schon verpackt. Auf die Spur der Undercover-Agenten brachten die deutschen Dienste wohl Hinweise der amerikanischen Polizeibehörde FBI.

Die Ermittler nehmen an, dass die Anschlags russischer Herkunft sind. Das Paar bestritt dies lange Zeit, obwohl sie mit einem deutlichen Akzent Deutsch sprachen. 1988 und 1990, so rekonstruierten es die Fahnder, waren sie mit gefälschten österreichischen Papieren in die Bundesrepublik eingereist. Als Geburtsort nannte Heidrun Anschlag Lima in Peru, aufgewachsen sei sie in Österreich. Die Legende ihres Mannes, den sie 1990 heiratete, war ähnlich: geboren in Argentinien, aufgewachsen in Österreich. Andreas Anschlag studierte Maschinenbau und Kunststofftechnik in Aachen. Spätestens als Heidrun eine Tochter zur Welt brachte, schien die Tarnung des Pärchens perfekt.

Im Unterschied zu Spionen, die als Diplomaten in ihre Einsatzgebiete reisen, arbeiten mutmaßliche Agenten wie Heidrun und Andreas Anschlag nicht im Schutz der Botschaften. Diplomaten droht im schlimmsten Fall die Ausweisung - allen anderen eine langjährige Haftstrafe. Aufgrund des hohen Risikos werden sie in russischen Geheimdienstkreisen als "Wunderkinder" verehrt. Einem Staatsschützer zufolge ist mit weiteren Spähern in Deutschland zu rechnen.

Verhandlungen der Bundesregierung mit Moskau über einen Austausch der Anschlags gegen einen in Russland inhaftierten Agenten verliefen im Sande. Vielleicht war der Preis zu hoch, vielleicht aber erhofft sich die russische Seite aus dem Prozess wertvolle Erkenntnisse über den Stand der deutschen Spionageabwehr? Sein Mandant wünsche sich jedenfalls, so Anwalt Pötschke in der "Welt", in die eigentliche Heimat zurückkehren zu können.

Die Tochter der Eheleute, die offenbar nichts von der gigantischen Scharade ahnte, will hingegen hierbleiben. In dem Land, das ihre Eltern ausspionierten, studiert die junge Frau inzwischen Medizin.

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