Spionage-Prozess Der Coup des Herrn K.

Whistleblower oder Verräter? In Koblenz steht der frühere Nato-Mitarbeiter Manfred K. vor Gericht, der geheime Unterlagen stahl. Die Frage ist, warum er das tat. Seine Anwälte zeichnen das Bild eines Sonderlings, der Schwachstellen im Verteidigungsbündnis aufdecken wollte.

Ex-Nato-Mitarbeiter Manfred K.: Datendieb oder Spion?
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Ex-Nato-Mitarbeiter Manfred K.: Datendieb oder Spion?

Von , Koblenz


Wirklich schwer hat man es Manfred K. nicht gemacht. Im März 2012, so hat es die Bundesanwaltschaft rekonstruiert, schleuste der auf dem Stützpunkt Ramstein eingesetzte IT-Experte elf brisante Excel-Dateien aus dem geheimen Netzwerk der Nato hinaus. Die Dokumente waren entgegen den Vorschriften nicht mit einer Geheimhaltungsstufe versehen worden. K. konnte die brisanten Listen in seinen privaten GMX-Account hochladen.

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Heft 46/2013
Geliebt, bekämpft, verraten

Die Bundesanwaltschaft hat den 60-Jährigen deshalb wegen landesverräterischer Ausspähung vor dem Oberlandesgericht Koblenz angeklagt und will ihn für siebeneinhalb Jahre ins Gefängnis bringen. Unstrittig ist in dem bereits seit Juli laufenden Verfahren, dass K. sich Daten verschaffte, die nicht aus dem Nato-System hätten exportiert werden dürfen. Die Frage lautet: Warum tat er das? Handelte er im Auftrag eines feindlichen Nachrichtendienstes? Wollte er die Informationen verkaufen? Oder stimmt, was er selbst als Motiv angibt: Dass er ein Whistleblower sei, der sich um die Sicherheit des Bündnisses sorgte und auf Schwachstellen hinweisen wollte?

In jedem Fall hat der Prozess vor dem 2. Strafsenat gezeigt, wie sorglos die Nato mit Geheiminformationen umgeht. Ein Gutachter aus Berlin beurteilte die Praxis in nicht-öffentlicher Sitzung als "grob fahrlässig", wie sich einer von K.s Verteidigern erinnert. Demnach benutzten die Militärs handelsübliche Hardware- und Software-Produkte, griffen auf unqualifiziertes Personal zurück, schützten ihre Passwörter kaum, räumten viel zu vielen Mitarbeitern umfassende Zugriffsrechte ein.

So habe das Bündnis selbst seine "Kronjuwelen" in ein Netzwerk eingestellt, zu dem etwa 70.000 Mitarbeiter Zugang hätten, sagt ein Anwalt von Manfred K. Seine Kollegin ergänzt: "Da wird gepfuscht und vertuscht." Ihr Mandant habe mit seinem Vorgehen lediglich beweisen wollen: "Die Nato ist ein Saustall."

Manfred K. sieht sich als "Gegner der Sicherheitsschlamperei"

Tatsächlich ging der Datendieb - untypisch für einen Spion - nicht besonders klandestin vor. So schleuste Manfred K. die Dateien auf dem Dienstweg aus dem Hauptquartier in Ramstein: Dazu schickte er sie an den sogenannten Service Desk, der die Brisanz des Materials wiederholt unterschätzte und daraufhin freigab. "Sinn macht das nur", so seine Anwältin, "wenn er die Nato blamieren wollte." Weitaus ungefährlicher nämlich wäre es gewesen, die Dokumente auszudrucken und in der Aktentasche mitzunehmen. Laut Verteidigung gab es nämlich so gut wie keine physischen Kontrollen des Personals.

Zudem hatte Manfred K. im Vorfeld der Tat seine Vorgesetzten wiederholt auf die Sicherheitslücken hingewiesen, erst vorsichtig, dann immer schärfer im Ton. Der IT-Fachmann blieb hartnäckig, er sah sich im Recht. Also schrieb er Beschwerden nach Brüssel, wollte einen Beitrag in der Mitarbeiterzeitschrift veröffentlichen, schaltete den Generalsekretär ein. Doch die Nato ließ ihn auflaufen. "Man hat mir nicht zugehört", empört sich K. Also musste der ultimative Beweis für die Schlamperei der anderen her.

In ihren Plädoyers am Montag zeichnen die Anwälte daher von ihrem Mandanten das Bild eines Sonderlings, eines Mannes, dessen Gedanken "über das Normale weit hinausgehen", wie Verteidiger Michael Rosenthal sagt, und der unbedingt freizusprechen ist: K. sei ein extremer Einzelgänger, in seiner eigenen Wirklichkeit lebend. Jemand, der - obschon er bei der Nato sehr gut verdiente - in einem heruntergekommenen Haus wohnte, zugleich aber Millionen Euro im Ausland vor dem Fiskus versteckte. Jemand, der bei der NPD mitmachte, bloß weil er neugierig auf die Partei war. Jemand, der sich sodann aber wegen seiner Kontakte zu Extremisten selbst beim Verfassungsschutz anschwärzte, um zu sehen, was passieren würde. Die Antwort war: nichts.

Der Tenor der Verteidigung ist einhellig. Manfred K. mag ein Datendieb sein, ein Spion aber ist er ganz sicher nicht.

Indes widmet sich der seit 14 Monaten Inhaftierte mit großer Hingabe einem neuen Thema: K. ist mittlerweile davon überzeugt, dass sich der Verfassungsschutz mit dem Prozess für seine einstige Nähe zur NPD revanchieren will. Es handele sich ganz klar um ein "politisches Verfahren". Er jedenfalls sei nie ein Verräter gewesen, sondern lediglich ein entschiedener "Gegner der Sicherheitsschlamperei" bei der Nato, beteuert Manfred K.

Am 19. November will der Senat sein Urteil verkünden.



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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
roflem 11.11.2013
1. In dubio pro reo
Auch wenn die Vorgehensweise einen Mangel an Intelligenz vorzuweisen scheint. Whistleblowing geht anders...
jpbuxde 11.11.2013
2. na toll,
Hr.Snowden ist ein Held und Manfred ein Verbrecher....
burkel0404 11.11.2013
3. stroebele
wird ihn jetzt aufsuchen und um asyl fuer manfred k. bitten....macht man so mit mutmasslichen helden....
wibo2 11.11.2013
4. @jpbuxde
Zitat von jpbuxdeHr.Snowden ist ein Held und Manfred ein Verbrecher....
Was dem einen sin Uhl, ist dem andern sin Nachtigall. Haben wir also auch einen Whistleblower?
Ebriel 11.11.2013
5. kein Whistleblower
K. hat, soweit man hört, keine "schmutzigen Geheimnisse" oder kein Fehlverhalten der Nato in seinen Unterlagen dokumentiert. Er hat wohl einfach nur geheimzuhaltende interne Dokumente entwendet....
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