Lindner-Comeback in der FDP: Röslers Fluch, Röslers Segen

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Christian Lindner ist zurück: Eines der größten liberalen Politiktalente soll die FDP in Nordrhein-Westfalen vor dem Absturz bewahren. Gelingt ihm das Kunststück, rettet er auch Philipp Rösler den Posten. Doch zuletzt hatte er sich mit dem Parteichef überworfen.

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Christian Lindner und Philipp Rösler: "Er hat an den Beratungen teilgenommen"

Berlin - Mitte Dezember 2011 stand Christian Lindner in der Bundeszentrale der FDP und verkündete, wenige Tage vor dem Euro-Mitgliederentscheid, seinen Rücktritt als Generalsekretär. Niemand hatte damit gerechnet. Am Ende seiner kurzen Ansprache machte er eine Kunstpause und schloss mit dem vieldeutigen Satz: "Auf Wiedersehen."

Drei Monate später ist er wieder im Rampenlicht. Nicht im Bund, aber im größten Landesverband der Liberalen, als Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen. Und als künftiger Landeschef. Ausgerechnet Lindner also, der am Ende mit Parteichef Philipp Rösler nicht mehr konnte, der sich in seinen Wirkungsmöglichkeiten als Generalsekretär eingeschränkt fühlte, soll mit einem Wiedereinzug in den Landtag das Überleben der Liberalen und damit auch des Bundesvorsitzenden sichern. Mit einem Schlag hat sich die FDP ins Gespräch gebracht. Und eine Wahl getroffen, die ihr zumindest fürs Erste große Aufmerksamkeit beschert.

Die Partei steckt in einer tiefen Krise; wenn überhaupt einer die Wende schaffen kann, dann der 33-jährige Lindner. Er ist bekannt, eloquent, auch anerkannt über die Parteigrenze hinweg, er kann Debatten führen und die Attacke auf den politischen Gegner reiten. Wenn Lindner die Liberalen, derzeit in einer Umfrage bei zwei Prozent, bei den Landtagswahlen am 13. Mai über die Fünfprozenthürde bringt, wird ihm der Dank der Bundespartei automatisch zufliegen. Auch von jenen, die ihm das Leben zuletzt als Generalsekretär schwermachten, die ihn für zu intellektuell hielten, ihm "mangelnde Kampagnenfähigkeit" vorhielten, hinter den Kulissen schlecht über ihn redeten, den Niedergang der Liberalen zu einem Teil bei ihm festmachen wollten.

Nun wird Lindner, der seinen Lebensmittelpunkt im Prenzlauer Berg Berlins hat und mit einer Journalistin der "Zeit" verheiratet ist, in seiner Heimat den Angreifer spielen müssen. Er macht sich keine Illusionen, wie schwer die Aufgabe ist. Diesmal geht es um alles oder nichts, die liberalen Anhänger müssen aufgerüttelt und zu den Urnen getrieben werden, auch dann, wenn sie zuletzt mit der Bundespartei gehadert haben. "Ob man jetzt im Einzelnen immer das teilt, was die FDP sagt, eine solche Partei braucht es als Gegengewicht zu den anderen", sagt Lindner in einem ersten Interview mit dem "Deutschlandfunk".

"Lass d ich nicht verheizen"

Intern war er schon am Mittwoch, als in Nordrhein-Westfalen Neuwahlen beschlossen wurden, im Gespräch, heißt es. Der dortige FDP-Fraktionschef Gerhard Papke und Landeschef Daniel Bahr ermunterten Lindner zu kandidieren. Der erbat sich Bedenkzeit, erhielt SMS von der Basis, beriet sich mit Weggefährten. Die warnten: "Lass dich nicht verheizen." Sollte er sich als Spitzenkandidat mit Gaststatus für die anderen aufreiben? Lindner ist zwar tief verwurzelt im Landesverband, er war dort Generalsekretär, er saß im Landtag, er kennt vor Ort viele Leute. Doch er zierte sich, was ihm, dem Nur-Noch-Bundestagsabgeordneten, fehlte, war ein Posten, mit dem er auf Augenhöhe gegen die Spitzenkandidaten der anderen Parteien antreten konnte.

Am Ende hat Lindner bei Pokern mit den eigenen Leuten das Maximale für sich herausgeholt - den Landesvorsitz, den Bundesgesundheitsminister Bahr an ihn abgeben wird. Vor der entscheidenden Sitzung des FDP-Landesvorstands am Donnerstagsabend saßen Papke, Bahr und Lindner in Düsseldorf zusammen und vereinbarten: Lindner wird Spitzenkandidat, auch Landeschef. "Das ist für mich eine Bedingung gewesen, weil ich nicht ein Verlegenheitskandidat bin", sagt Lindner am Freitag im Interview mit dem "Deutschlandfunk".

Damit war auch ein Dilemma gelöst, vor dem Bahr stand: Wäre er Spitzenkandidat geworden, wäre unweigerlich die Diskussion aufgekommen, ob er nicht sein Amt als Bundesgesundheitsminister aufgeben müsste. Eine Debatte, die Bundesumweltminister Norbert Röttgen als CDU-Spitzenkandidat in Nordrhein-Westfalen gerade erlebt.

Röslers Schicksal hängt an Lindners Erfolg

Mit dem Landesvorsitz hat Lindner zudem ein Pfund für die Zukunft in der Hand. Selbst wenn es am 13. Mai nicht reichen sollte für den Wiedereinzug, wird er weitermachen können, am Wiederaufstieg der Liberalen in Nordrhein-Westfalen arbeiten. Für Rösler, den 38-Jährigen aus Niedersachsen, ist die Rückkehr Lindners Fluch und Segen zugleich. Gehen alle kommenden drei Landtagswahlen - Saarland, Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen - verloren, ist der Bundesvorsitzende wohl nicht mehr zu halten. Gelingt außer einem Erfolg im hohen Norden auch an Rhein und Ruhr der Wiedereinzug, dann ist er vorerst gesichert.

Doch sein Verbleib hinge auch an Lindner, der dann der neue, starke Mann des stärksten Landesverbandes wäre. Röslers Autorität ist schon jetzt angeknackst, sein Coup, Joachim Gauck der Kanzlerin als Kandidaten für das Bundespräsidentenamt aufzunötigen, verpuffte; im Umfeld der Entscheidungen in Nordrhein-Westfalen war er kein Hauptakteur. "Er hat an den Beratungen teilgenommen und war ein willkommener Gast", sagt Lindner spitz zur Rolle Röslers.

Doch die Vergangenheit soll jetzt ruhen. Das einstige Führungstrio Rösler, Bahr und Lindner, das spätestens seit dem Herbst nicht mehr existierte, hat sich für einen Augenblick wiedergefunden, am Riemen gerissen, zur Rettung der schlingernden FDP. Manche psychologische Vorarbeit mag da wohl geholfen haben. Erst vor wenigen Wochen hatten sich Rösler und Lindner zum Mittagessen in Berlin getroffen. Es war ein Vier-Augen-Treffen. Die beiden, heißt es, hätten sich da ausgesprochen.

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insgesamt 62 Beiträge
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1. .
c++ 16.03.2012
Zitat von sysopChristian Lindner ist zurück: Eines der größten liberalen Politiktalente soll die FDP in Nordrhein-Westfalen vor dem Absturz bewahren. Gelingt ihm das Kunststück, rettet er auch Philipp Rösler den Posten. Doch zuletzt hatte er sich mit dem Parteichef überworfen. Lindner-Comeback in der FDP: Röslers Fluch, Röslers Segen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821731,00.html)
Noch ein Lindner Artikel. Erstaunlich, wie viel Aufmerksamkeit diese Splitterpartei in den Medien findet. Da machen sich scheinbar langjährige Kontakte bezahlt
2. Bambi als "Politiktalent" zu bezeichnen..
Baikal 16.03.2012
Zitat von sysopChristian Lindner ist zurück: Eines der größten liberalen Politiktalente soll die FDP in Nordrhein-Westfalen vor dem Absturz bewahren. Gelingt ihm das Kunststück, rettet er auch Philipp Rösler den Posten. Doch zuletzt hatte er sich mit dem Parteichef überworfen. Lindner-Comeback in der FDP: Röslers Fluch, Röslers Segen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821731,00.html)
.. zeigt allein, wie schlecht es um die politische Kaste in diesem Land bestellt ist: einer, der seit seinem 21. Lebensjahr allein davon lebt sich in Hinterzimmerkungeleien mit Staatsknete in Form von Diäten versorgen zu lassen, hat längst jeden Bezug zum normalen Erwerbsleben verloren und wird wohl auch künftig darauf angewiesen sein als politisches Mietmaul in Parteien und /oder Verbänden zu leben. Sonst hat er ja schließlich nichts Verwertbares gelernt.
3. Ich hab Wetten am laufen,
inqui 16.03.2012
Zitat von sysopChristian Lindner ist zurück: Eines der größten liberalen Politiktalente soll die FDP in Nordrhein-Westfalen vor dem Absturz bewahren. Gelingt ihm das Kunststück, rettet er auch Philipp Rösler den Posten. Doch zuletzt hatte er sich mit dem Parteichef überworfen. Lindner-Comeback in der FDP: Röslers Fluch, Röslers Segen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821731,00.html)
dass die FDP die 5%Hürde nimmt. Wenn der Michel in der Wahlkabine mit dem Stift vor dem Wahlzettel sein Kreuzchen macht, überkommt ihn die Gewohnheit wo das Kreuzchen immer hingehört.
4. Wählt keine etablierten Parteien mehr!
unixv 16.03.2012
Wie sagte Westerwelle so richtig, Leistungsloser Wohlstand und Dekadenz .... also Bundespolitik! Egal wie sie sich nennen ob, SPDCDUFDPCSUGRÜNE, es geht den Personen nicht darum etwas zu bewegen, es geht um Posten die später mächtige Pensionen bringen! Wir sollten gerade die Pensionen unserer Politiker mal wieder an das Bürger- Niveau "Arbeiter und Angestellte!" anpassen, damit dieser Haufen von Postenschiebern und üblen "FDP!" Lobbyisten mal wieder auf den Boden kommt! Wählt Links, Rechts oder Piraten, aber auf keinen Fall unterstützt diesen Selbstbedienungsladen für Politiker der sich SPDCDUFDPCSUGRÜNE nennt!
5. Lindners Himmelfahrtskommando
Pandora0611 16.03.2012
Zitat von sysopChristian Lindner ist zurück: Eines der größten liberalen Politiktalente soll die FDP in Nordrhein-Westfalen vor dem Absturz bewahren. Gelingt ihm das Kunststück, rettet er auch Philipp Rösler den Posten. Doch zuletzt hatte er sich mit dem Parteichef überworfen. Lindner-Comeback in der FDP: Röslers Fluch, Röslers Segen - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Politik (http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,821731,00.html)
Da wird Lindner als Kanonenfutter verwendet. Der Frosch (Rösler) hat Angst vor ihm. Aber auch Lindner wird die Splitterpartei nicht über die magische 5% hieven. Lindner hat schon viel in seinem Leben geschafft. Quelle: Wikipedia Da wird er doch auch noch die FDP zerlegen können, ist sie doch schon tot. De mortuis nil nisi bene.
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