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Spitzenkandidaten: Who is Who bei der Europawahl?

Eine Dokumentarfilmerin, ein Buchhändler, ein Hochschullehrer, eine Japanologin und eine Unternehmensberaterin: Die Spitzenkandidaten der größeren Parteien zur Europawahl sind in Deutschland kaum bekannt. Unser Überblick schafft Abhilfe.

Die Kandidaten:

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Hans-Gert Pöttering, CDU

Fraktionsführer im EU-Parlament: CDU-Kandidat Hans-Gert Pöttering
MARCO-URBAN.DE

Fraktionsführer im EU-Parlament: CDU-Kandidat Hans-Gert Pöttering

Keiner der deutschen Spitzenkandidaten hat mehr EU-Erfahrung als Hans-Gert Pöttering: Seit der ersten Direktwahl 1979 sitzt der Hochschullehrer im Europäischen Parlament. Seit 1999 ist er zudem Vorsitzender der größten Fraktion des Hauses, des Verbundes aus christlich-demokratischer Europäischer Volkspartei (EVP) und konservativen Europäischen Demokraten (ED).

Pöttering, verheiratet, zwei Söhne, stammt aus der Kleinstadt Bad Iburg bei Osnabrück Er ist einer der einflussreichsten Parlamentarier in Brüssel. Über Fraktionsgrenzen hinweg wird ihm Verlässlichkeit, Sorgfalt und Zielstrebigkeit nachgesagt. Einiges spricht dafür, dass seine Karriere noch nicht an ihrem Ende angelangt ist; in Brüssel gilt er als ein möglicher Kandidat für das Amt des Präsidenten des EU-Parlaments, das 2006 zu besetzen sein wird.

Pöttering gilt als Wirtschaftsexperte. Die Führung der konservativen Europafraktion ist ein politisches Vabanquespiel. In Pötterings Parlamentariergruppe sitzen britische Euro-Skeptiker, deutsche Kohlianer und italienische Berlusconi-Anhänger zusammen. Dem Niedersachsen wird gelegentlich der Vorwurf politischer Unschärfe gemacht, doch seine Vorsicht ist der Rücksicht auf die widerstrebenden Flügel der konservativen Fraktion geschuldet.

Derzeit macht Pöttering zwar Wahlkampf in Deutschland, etwa 80 Auftritte werden es am Ende sein. Das Augenmerk bei den Veranstaltungen richtet sich aber meist auf seine Parteichefin Angela Merkel und weniger auf ihn. "Europawahlen emotionalisieren den Menschen nicht so wie nationale Wahlen", gesteht Pöttering ein.

Martin Schulz, SPD

Bekannt durch Disput mit Italiens Premier Berlusconi: SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz
AP

Bekannt durch Disput mit Italiens Premier Berlusconi: SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz

Der Bekanntheitsgrad von Martin Schulz stieg proportional mit seinen Attacken gegen Silvio Berlusconi. Vor knapp einem Jahr hatte der SPD-Politiker im Europaparlament seinen großen Auftritt und griff die Machenschaften des italienischen Regierungschefs direkt an. Berlusconi revanchierte sich anschließend mit dem Angebot einer Filmrolle als KZ-Scherge.

Plötzlich stand der weithin unbekannte Sozialdemokrat im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Jetzt ist Schulz Spitzenkandidat der SPD für die Europawahl - im Rampenlicht steht der 48-Jährige deshalb aber nicht. Die SPD verzichtete im Wahlkampf darauf, ihn als Person in den Vordergrund zu schieben. "Friedensmacht" und "Zukunftsgerecht" prangen auf den SPD-Wahlplakaten - ohne Schulzes Konterfei.

Die SPD setzte voll auf die Irak-Karte. Stolz sei er, dass der Kanzler keine deutsche Beteiligung am Irak-Krieg zugelassen habe, lautet eine der zentralen Botschaften von Schulz. Und: Mit der Union an der Regierung wären heute deutsche Soldaten im Irak. Ein weiteres zentrales Thema ist das Ja der SPD zu Beitrittsverhandlungen der Türkei mit der EU. Eine Ablehnung würde ein "Rekrutierungsprogramm für die Bin Ladens dieser Erde" bedeuten, behauptet Schulz.

Geboren wurde Schulz in Eschweiler am Nordhang der Eifel. 1982 gründete er seine eigene Buchhandlung in Würselen, einer Kleinstadt in der Nähe von Aachen. Dort wurde er 1984 mit 31 Jahren jüngster Bürgermeister in Nordrhein-Westfalen.

Rebecca Harms, Grüne

Sammelte bereits Erfahrungen in Brüssel: Rebecca Harms, Kandidatin der Grünen
DDP

Sammelte bereits Erfahrungen in Brüssel: Rebecca Harms, Kandidatin der Grünen

Vor allem der Protest gegen die Atomenergie brachte die heute 59-jährige Rebecca Harms zu den Grünen. Nach ihrem Abitur 1975 und einer Ausbildung als Baumschul- und Landschaftsgärtnerin wurde sie 1977 zunächst Mitbegründerin der Bürgerinitiative gegen das Atommülllager Gorleben. Das durch die Debatten über das Zwischenlager geplagte Wendland bezeichnet Harms deshalb gern als ihre "politische Heimat".

Formales Mitglied der Grünen wurde Harms zwar erst 1994; doch bereits von 1984 bis 1989 arbeitete sie für die damalige grüne Europa-Abgeordneten Undine von Blottnitz in Brüssel und konnte erste Erfahrungen im EU-Dschungel sammeln. Auch einen Ruf als Atomkraft-Expertin erarbeitet sie sich in dieser Zeit, insbesondere mit einer Studie über die Folgen der Katastrophe von Tschernobyl.

1994 gelang ihr der Einzug in den niedersächsischen Landtag. Vier Jahre später übernahm sie den Fraktionsvorsitz. Auch in dieser Funktion machte sie im Kampf gegen die Atomkraft bundesweit immer wieder von sich reden. Dabei scheute Harms - beispielsweise 2001 im Streit wegen der neuen Castor-Transporte - den Konflikt mit der Bundesspitze der Partei nicht.

Als Mitglied des Parteirates gehört sie selbst seit sechs Jahren zur erweiterten Grünen-Führung. "Man kann nicht alle Probleme mit Europa besser lösen", sagte Harms kürzlich in einem Interview. Dennoch bekennt sie sich zur Europäischen Union: "Wir leben im friedlichsten, sichersten und stabilsten Kontinent, den man sich vorstellen kann."

Silvana Koch-Mehrin, FDP

Leitet ihre eigene Unternehmensberatung: FDP-Kandidatin Silvana Koch-Mehrin
DDP

Leitet ihre eigene Unternehmensberatung: FDP-Kandidatin Silvana Koch-Mehrin

Wenn es um Europa und die EU geht, weiß die 33-jährige FDP-Spitzenkandidatin, wovon sie spricht. Ihre Unternehmensberatung, die Silvana Koch-Mehrin selbst führt, ist spezialisiert auf die Beratung über die Folgen der EU-Gesetzgebung.

Und auch frühere Abschnitte ihres Lebenslaufes standen ganz im Zeichen der europäischen Einigung: Koch-Mehrin promovierte in Paris und arbeitete später als Referentin bei der FDP-nahen Naumann-Stiftung in Brüssel. Dort führte sie auch den FDP-Kreisverband der Auslandsgruppe Europa.

Ihre Positionen sind deutlich wirtschaftsliberal. Im Wahlkampf hat sie sich zum Beispiel stets gegen Werbeverbote für Tabak und Alkohol ausgesprochen. "Ich glaube an die Leistungselite", sagt die studierte Volkswirtin, die Mutter einer kleinen Tochter ist. "Wir wollen was schaffen und uns dabei nicht reinreden lassen."

Koch-Mehrin, die besonders von FDP-Chef GuidoWesterwelle gefördert worden war, wurde eine Zeit lang sogar als Generalsekretärin gehandelt. Die FDP hofft nun, mit ihrer Hilfe den Wiedereinzug in das Europaparlament zu schaffen. Schützenhilfe für "Westerwelles schöne Hoffnung" kam jetzt von der "Financial Times Deutschland": Das Wirtschaftsblatt rief zur Wahl der FDP auf.

Sylvia-Yvonne Kaufmann, PDS

War zeitweise im EU-Verfassungskonvent: Sylvia-Yvonne Kaufmann: Erst gegen Uno-Politik, jetzt dafür
DPA

War zeitweise im EU-Verfassungskonvent: Sylvia-Yvonne Kaufmann: Erst gegen Uno-Politik, jetzt dafür

Die studierte Japanologin Yvonne Kaufmann will sich vorrangig um die Integration der neuen EU-Mitglieder aus Osteuropa bemühen. Es müsse alles vermieden werden, wodurch der Eindruck entstehen könnte, diesen Ländern "wurde ein Beitritt zweiter Klasse angedient".

Die Erweiterung der EU bringt Europa nach ihren Überzeugungen "politische Sicherheit, kulturelle Bereicherung und wirtschaftliche Vorteile". Besonders wichtig sei ihr die "sozial verträgliche Gestaltung" der Erweiterung.

1990 war die Berlinerin Volkskammer- und Bundestagsabgeordnete. Ab 1993 bis 2000 war sie als stellvertretende PDS-Bundesvorsitzende für die "Friedens- und Europapolitik" ihrer Partei zuständig. Von 2000 bis 2002 gehörte sie dem Parteivorstand der PDS an. Die EU dürfe nicht "mit eigenen Eingreiftruppen in künftige Schlachten ziehen", fordert sie immer wieder. Die Europäische Union müsse sich vielmehr als "ziviles Gegenprojekt" zur "imperialen Vormachtpolitik der USA" profilieren. Auf Plakaten wirbt die PDS jetzt mit dem Slogan: "Europa an der Seite der Uno, nicht im Schatten der USA."

Im April 2000 hatte Kaufmann auf einem PDS-Parteitag allerdings noch eine flammende Rede gegen einen Antrag des PDS-Bundesvorstandes gehalten, der eine Zustimmung zu Uno-Militäreinsätzen in bestimmten Fällen, zum Beispiel bei drohendem Völkermord, offen lassen wollte. Kaufmanns Linie, die intern anschließend als "Denkverbot" gescholten wurde, setzte sich durch. Die PDS-Spitzenpolitiker Bisky und Gysi unterlagen in ihrem vorsichtigen Versuch, die PDS politikfähig zu machen.

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