Spitzentreffen Merkel fordert familienfreundliche Arbeitszeiten

Kanzlerin Merkel macht sich für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie stark. Beim Familiengipfel forderte sie von der Wirtschaft eine größere Offenheit für flexible Arbeitszeiten. Gewerkschafter kritisierten das Treffen als Schaufensterpolitik im Wahljahr.

Kanzlerin Merkel: künftig jährlicher Bericht über Familie und Beruf
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Kanzlerin Merkel: künftig jährlicher Bericht über Familie und Beruf


Berlin - Kanzlerin Angela Merkel hat in Berlin zum Familiengipfel geladen. Vor Vertretern der Wirtschaft und der Gewerkschaften warb sie dabei für ein familienfreundlicheres Arbeitsleben. Künftig werde die Bundesregierung einmal im Jahr darüber berichten, wie Familie und Beruf in Einklang zu bringen seien. Zudem werde es darum gehen, wie sich Arbeitszeiten und Teilzeitangebote entwickelten und wie es um die Kinderbetreuung bestellt sei, kündigte die Kanzlerin am Dienstag an.

Familienministerin Kristina Schröder (CDU) plädierte dabei erneut für einen Rechtsanspruch auf Rückkehr zur einer Vollzeitstelle, wenn wegen einer Familienphase zuvor in Teilzeit gearbeitet wurde. Der Koalitionspartner FDP ist jedoch strikt gegen einen Rechtsanspruch.

Merkel ging auf die Forderung nicht ein, betonte aber, Eltern müsse jederzeit die Rückkehr in den Beruf ermöglicht werden. Die Kanzlerin plädierte zudem dafür, Familien die steuerliche Abrechnung haushaltsnaher Dienstleistungen bei der Kinderbetreuung und Pflege kranker oder älterer Angehöriger zu erleichtern. "Der Dienstleistungsstandort Deutschland kann noch ausgebaut werden", sagte Merkel.

Schröder bezeichnete die vor zwei Jahren von Regierung und Wirtschaft unterzeichnete "Charta für familienbewusste Arbeitszeiten" als Erfolg: "Diese Entwicklung wollen wir fortsetzen und verstetigen." Vor den Wirtschaftsvertretern kritisierte sie die noch immer in vielen Unternehmen gepflegten "Präsenzrituale", von denen man sich verabschieden müsse.

Gewerkschaft rügt "Schaufensterpolitik"

Ähnlich äußerte sich SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles im rbb-Inforadio: "Es gibt immer noch eine große Präsenzkultur, das heißt, diejenigen zählen viel, die lange im Büro bleiben und Überstunden schieben. Diejenigen, die vielleicht 30 Stunden sehr produktiv arbeiten, werden dagegen karrieretechnisch zurückgestellt."

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) beklagte, dass die Rückkehr von Müttern in die Erwerbstätigkeit "nur selten reibungslos" funktioniere. Die Möglichkeiten zur Anpassung der Arbeitszeit seien begrenzt, bedauerte die Vizevorsitzende Ingrid Sehrbrock in der "Passauer Neuen Presse". Erforderlich seien aber an die Bedürfnisse der Familien angepasste Arbeitsarrangements, "die die Existenz sichern und die im Alter nicht zur Armut führen". Auch ein gesetzlicher Anspruch auf Rückkehr zur Vollzeit sei "überfällig".

Die IG Metall stellte das als "Familiengipfel" bezeichnete Treffen mit der Wirtschaft infrage: "Diese Schaufensterpolitik im Wahljahr bringt keiner Frau auch nur einen Zentimeter mehr Wahlfreiheit, und das ist es, was wir brauchen", monierte das geschäftsführende Vorstandsmitglied der IG Metall in Frankfurt, Christiane Benner.

Die Arbeitsgemeinschaft der deutschen Familienorganisationen sprach von fehlender Rücksicht auf die Lebenswirklichkeit von Familien. Ihr Vorsitzender Klaus Zeh erläuterte: "Was Familien vor allem brauchen, ist eine veränderte Unternehmenskultur, die familiäre Verantwortung nicht als Störfaktor, sondern als Bereicherung betrachtet." Der Deutsche Familienverband bescheinigte der Regierung, sie habe das Thema in Angriff genommen. "Aber die Umsetzung hakt und vieles ist in Symbolismus und Aktionismus stecken geblieben."

ler/dpa/Reuters



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