Sportwetten Grabenkampf um die Zocker-Millionen

Im Kampf gegen private Sportwetten pochen die Bundesländer auf ihr Wettmonopol und greifen hart durch. Bayern knöpft sich insbesondere den Anbieter Betandwin vor, der einen heimischen Fußballclub sponsert. Für beide Seiten geht es um viel Geld.

Von , München


München - Am 1. Juli sollte es losgehen. Eigentlich. Die Fußballer des TSV 1860 München wollten fortan das Logo des privaten Sportwettanbieters Betandwin auf der Brust tragen. Doch im Trainingslager in der österreichischen Steiermark joggen, spielen und schießen derzeit die Münchner Zweitligisten in klassischen blau-weißen Trikots - ohne Sponsorenaufdruck.

Reklame für Oddset: Die in den WM-Stadien reservierte Bandenwerbung ging kostenlos an die SOS-Kinderdörfer
DPA

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Hintergrund ist eine höchstrichterliche Entscheidung - und deren Interpretation durch die Politik. Das Bundesverfassungsgericht stellte die 16 deutschen Länder im März vor die Wahl: entweder private Wettunternehmen zuzulassen oder das in Deutschland geltende staatliche Wettmonopol zu überarbeiten. In letzterem Fall müsse aber die Wettleidenschaft begrenzt werden, urteilten die Karlsruher Richter.

Die Politik entschied sich schnell für das staatliche Wettmonopol. Das sei schließlich "geeignet und zielführend", um die Wettsucht zu bekämpfen, so ein Beschluss der Innenminister der Länder. Gleichzeitig verabredeten sie ein "einheitliches und konsequentes Vorgehen gegen illegale Sportwettanbieter". Die Ministerpräsidentenkonferenz am 22. Juni beschloss dann eine Neuregelung bis spätestens Ende nächsten Jahres. Bayern-Chef Edmund Stoiber (CSU) tat sich hier besonders hervor. "Das war eine sehr klare Ansage", erinnert sich ein Teilnehmer, "Stoiber hat klargemacht, dass er Trikots mit Werbung für Betandwin in keinem Fall tolerieren werde."

TSV 1860 München - "Ein Fall für den Staatsanwalt"

Die fünf in Deutschland aktiven privaten Sportwettanbieter berufen sich auf Lizenzen aus den letzten Tagen der DDR. So hat das von Gibraltar aus gesteuerte Unternehmen Betandwin seinen deutschen Sitz im sächsischen Neugersdorf, direkt an der Grenze zu Tschechien.

Weil aber München im Westen und insbesondere in Bayern liegt, hat der heimische TSV 1860 jetzt ein Trikot- und Sponsorenproblem. Die bayerische Staatsregierung gibt sich demonstrativ hart: "Was 1860 München da macht, das ist strafbar, das ist ein Fall für den Staatsanwalt", sagt Michael Ziegler, Sprecher des bayerischen Innenministeriums zu SPIEGEL ONLINE. Der Traditionsclub habe doch sicher wenig Interesse "an einer Bekanntschaft mit dem Staatsanwalt", droht Ziegler.

Die Bayern machen ernst: Über 50 private Wettbüros sind in den vergangenen Wochen geschlossen worden, rund 400 Verfahren sind noch anhängig. Ziegler: "Das geht jetzt mit Riesenschritten voran." Im gesamten Bundesgebiet erreichten etwa 3500 solcher Büros die Aufforderung zum Abbruch der Geschäfte. In Nordrhein-Westfalen lässt Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) mit eiserner Hand durchgreifen, nachdem das Oberverwaltungsgericht Münster in der vergangenen Woche das Ende aller privaten Sportwetten im Land verfügt hat.

Kampf ums Geld

Nur vordergründig geht es um die Bekämpfung der Wettsucht. Es tobt ein Verteilungskampf ums Geld zwischen der staatlichen Sportwette Oddset und Konkurrenten wie Betandwin. Das Problem: Die Privaten, die in den meisten Bundesländern noch werben dürfen, verderben dem staatlichen Anbieter die Umsätze, ihre Quoten sind meist besser. So liegt die staatliche Sportwette Oddset derzeit rund 20 Prozent unter ihrem Vorjahresergebnis. Zur WM verzeichnen vor allem die Privaten rasant steigende Einnahmen.

Bis vor einem halben Jahr sah das anders aus, da durfte die Staatswette noch munter werben, von Wettsucht wollten auch Politiker nichts hören. Allein der Staat kassiert über die landeseigenen Lotto-Toto-Gesellschaften und Glücksspiele jedes Jahr rund fünf Milliarden Euro. Dieser Strom wird schmaler.

Der Kampf der Politik gegen die Privaten bedeutet für Oddset also: Offensive Werbung und Methoden sind tabu: "Keine TV-Werbung, keine SMS-Wetten, keine Live-Wetten und die Angleichung aller Werbeauftritte an die Vorgaben des Verfassungsgerichts", nennt Oddset-Chef Erwin Horak gegenüber SPIEGEL ONLINE einige erste Maßnahmen des Monopolisten. So ging zum Beispiel die in den WM-Stadien reservierte Bandenwerbung kostenlos an die SOS-Kinderdörfer.

Horak steckt in der Zwickmühle: Einerseits muss Oddset seine Werbung einschränken. Auf der anderen Seite werden die Privaten zwar in die Illegalität abgedrängt, trotzdem aber werben sie munter weiter. Am Freitag erst hat die Bayerische Landeszentrale für neue Medien (BLM) eine Weisung des Freistaats Bayern ignoriert: Die BLM als Kontrollinstanz des Privatfernsehens sollte den aus Bayern funkenden Sendern die Werbung für private Sportwetten untersagen, forderte Wissenschaftsminister Thomas Goppel (CSU). Die BLM lehnte ab, ein solches Verbot sei unzulässig.

Auch hier geht es wiederum um viel Geld. Das Deutsche Sportfernsehen (DSF) etwa, das seinen Sitz nahe München hat, profitiert vom Sportwettenboom: Rund 15 Prozent des Werbevolumens entstamme dem Werbesegment Wetten und Spiele, so ein Unternehmenssprecher. Das entspreche "einem hohen einstelligen Millionenbetrag".

Strategie zur Umgehung des Werbeverbots

Damit werden die Privat-Wetten immer bekannter, Oddset dagegen verschwindet wegen mangelnder Werbung aus dem Bewusstsein der Spielwilligen. Das ist die Strategie von Betandwin und Co.: Solange es noch irgend geht, pumpen sie so viel wie möglich ins Marketing. So hat Betandwin seinen Werbeetat in diesem Jahr auf 56 Millionen Euro aufgestockt - das ist mehr als der doppelte Betrag des Vorjahres.

Am Ende sollen die Leute den Anbieter an seinen Farben und am Logo erkennen - ohne dass ein Schriftzug noch nötig wäre, berichten Insider. Der Motorsport macht es vor: In Ländern mit Tabakwerbeverbot rasen die Formel-1-Boliden ohne den Schriftzug des jeweiligen Zigarettenherstellers über den Asphalt. Trotzdem erkennt jeder Zuschauer die beworbene Marke an der Farbkombination.

Betandwin will sich in Bezug auf die Trikotwerbung für TSV 1860 München nicht äußern. Nur so viel: Man werde "eine Form zu finden wissen, die rechtlich nicht zu beanstanden ist", so ein Sprecher zu SPIEGEL ONLINE.

Bei den Ballsportlern hört sich das ganz ähnlich an: "Am 14. Juli werden wir einen Aufdruck präsentieren, der unanfechtbar sein wird", sagt 1860-Geschäftsführer Stefan Ziffzer SPIEGEL ONLINE. Im bayerischen Innenministerium sind sie derweil entschlossen, die harte Linie durchzuhalten. Sollte die Mannschaft mit den inkriminierten Trikots in München auflaufen, "könnten einzelne Spieler oder die Vereinsvorstände belangt werden", so Ministeriumssprecher Michael Ziegler. Es sei ärgerlich, dass diese Werbung von manchen noch immer als Kavaliersdelikt betrachtet werde: "Von der strafrechtlichen Einordnung her ist das eher wie Werbung für Drogenhandel als Falschparken."



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