Sprachfeldzug des Verkehrsministers Ramsauer jagt Schlagzeilen

Peter Ramsauer spricht deutsch: Mitten im Schnee-Chaos der Deutschen Bahn will der Verkehrsminister plötzlich unsere Sprache retten und sagt Anglizismen den Kampf an. Das Anliegen ist berechtigt - bei dem CSU-Mann aber vor allem Populismus.

Verkehrsminister Ramsauer: Mal ordentlich hinlangen?
dpa

Verkehrsminister Ramsauer: Mal ordentlich hinlangen?

Ein Kommentar von


Ach, was haben die Leute da draußen doch für Probleme! Nichts geht mehr. Das Land im Griff von Eis und Schnee. Und die Bahn sowieso. Mal angenommen, dass den Managern im Berliner Bahn-Tower die kalendarische Gewissheit bewusst war, dass auf den November stets der Dezember folgt, dann haben sie sich doch recht schlecht vorbereitet.

Und der zuständige Minister? Was macht eigentlich Peter Ramsauer? Der fordert einerseits "Demut vor der Natur" - und langt andererseits in den ruhigen Tagen vor dem Jahreswechsel noch mal ordentlich hin.

Allerdings nicht in Sachen Pannen-Bahn.

Viel besser: Der Bundesverkehrsminister nimmt sich der deutschen Sprache und ihrer Verhunzung an. Flipcharts sollen in seinem Ministerium künftig Tafelschreibblöcke heißen, aus dem Beamer wird der Datenprojektor, die E-Mail wandelt sich zur elektronischen Nachricht, das Galadinner zum festlichen Abendessen, Know-how zum Wissen, das Travel Management zur Reisestelle, die keynote speech zur Grundsatzrede, das Team zur Gruppe.

Oha. Ramsauer hat seine Beamten insgesamt 111 englisch anmutende Ausdrücke für seine "Deutschinitiative" zusammentragen lassen. Es gehe ihm allein um "unnötige Anglizismen, nicht um gängige Eigennamen, sondern um Kauderwelsch". Bei ICE oder Laptop etwa will der Minister eine Ausnahme machen: "Hier lässt sich das Rad nicht mehr zurückdrehen".

"Dem Volk aufs Maul geschaut!"

Neu ist das alles nicht. Ramsauer hat schon bei Amtsübernahme angekündigt, den Benchmarks und Hotlines und Inputs in seinem Haus den Garaus zu machen. Nur kann man das jetzt ja noch mal sagen. Zwischen den Jahren, wo jeder zuhört. Ramsauer macht das gewohnt saftig, mit vielen Ausrufezeichen, damit es auch der letzte Stammtischbruder kapiert: "Dem Volk aufs Maul geschaut! Und schon weiß ich, was die Nöte, Sorgen und Probleme der Menschen sind. Und vor allen Dingen, was ich zu tun habe, um Abhilfe zu schaffen."

Tatsächlich? Eine Reise mit dem Staatsunternehmen Deutsche Bahn von - sagen wir - Berlin Hauptbahnhof heim nach Traunwalchen an den Chiemsee hätte den Oberbayern so viele Nöte gelehrt, dass er gar nicht mehr aus dem Tun herausgekommen wäre. Stattdessen die kleine Sprachreform.

Was soll das bringen?

Ein paar hundert zustimmende Briefe ins Ministerium, ein kollektives Jawoll! in den Leserbriefspalten. Ramsauer war lange genug CSU-Landesgruppenchef im Bundestag, um zu wissen, wie man Stimmung macht und Zustimmung generiert. Dabei liegt er im Kampf gegen Anglizismen in seinem Bereich keineswegs total daneben. Denn dass die Bahn etwa ihre zentralen Schalter "Service Points" nennt, ist tatsächlich eine Sprachverirrung.

Es kann peinlich werden

Nur hat Ramsauers Kampf eine entscheidende Schwachstelle: Man kann ihn nicht ernst nehmen. Denn dass er eingebürgerte Begriffe wie Team oder Galadinner mit einem Schwung gleich mit verbannt, ist ein bisschen zu populistisch. Für deutsche Worte englische Gegenstücke zu (er-)finden, kann peinlich werden, wie die Bahn mit Ticketcountern und Call-a-bikes bewiesen hat. Sich umgekehrt aber auf Biegen und Brechen für feststehende, international gebräuchliche Begriffe deutsche auszudenken, ist nicht weniger peinlich. Der Bauer draußen auf dem Land wird im Zweifel schon wissen, was er unter einem Team zu verstehen hat.

Schade, mag nun mancher Purist stöhnen. Aber so ist es nun einmal. Sprache entwickelt sich. Würde sie sich nicht mehr verändern, wäre sie tot. Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen hat im 17. Jahrhundert den wunderbaren "Simplicissimus" geschrieben - "überauß lustig und männiglich nutzlich zu lesen" - aber wer wollte heute noch derart sprechen? Ja, in Frankreich heißt der Computer "ordinateur", und fürs Radio gibt es eine staatlich festgesetzte Quote für französischsprachige Lieder. Aber hierzulande läuft seit einiger Zeit wieder viel neue deutsche Musik - ganz ohne Quote.

Und trotz Ramsauers vermehrten Sprachvorstößen heißt der Service-Point im Dezember 2010 noch immer: Service-Point.



insgesamt 151 Beiträge
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Seite 1
fleischwurstfachvorleger 29.12.2010
1. Flat-pipe!!
Zitat von sysopPeter Ramsauer spricht deutsch: Mitten im Schnee-Chaos der Deutschen Bahn will der Verkehrsminister plötzlich*unsere Sprache retten und sagt Anglizismen den Kampf an. Das ist berechtigt - bei dem CSU-Mann aber vor allem Populismus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736969,00.html
Flachpfeife Ramsauer. Der gute Mann soll lieber seinen Job auf Schiene und Straße machen und zwar nicht zum Wohle der Wirtschaft, sondern zum Wohl der Gesellschaft. Winterreifenpflicht und Schneeketten für die LKW's. Invest in die Infrastruktur bei der Bahn. Es macht sich zwar gut, wenn sich ein Manager (Vorgesetzter) vor seine versagenden Truppen stellt, aber nur, wenn im gleichen Atemzug der Pfusch beseitigt wird. Aber das ist wahrscheinlich zu hoch für diesen Berufspolitiker
Michael Giertz, 29.12.2010
2. Mal ernsthaft gefragt
Zitat von sysopPeter Ramsauer spricht deutsch: Mitten im Schnee-Chaos der Deutschen Bahn will der Verkehrsminister plötzlich*unsere Sprache retten und sagt Anglizismen den Kampf an. Das ist berechtigt - bei dem CSU-Mann aber vor allem Populismus. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,736969,00.html
Wer ist in unserer Politikertruppe eigentlich kein Populist? Von Kanzlerin Merkel mal abgesehen, die ja so gut wie nie laut auftritt, sondern "die da machen lässt", sind das doch alles Leute, die mit schöner Regelmäßigkeit in irgendeine Kamera grinsen und einen mehr oder weniger intelligenten Wortschwall absondern. Gibt es nicht einmal einen Politiker, der sich nicht andauernd profillieren will, sondern Sachpolitik betreibt? Gibt es nicht einen Politiker, der sich auf seine Arbeit konzentriert und nur genau diese Arbeit ausführt, für die er da ist? Gibt es nicht einen Politiker, der mal der Versuchung widerstehen kann, sich nicht ständig in den Medien präsentieren zu müssen? Vom omnipräsenten Guttenbergpaar jedenfalls habe ich mich mehr als satt gesehen: ob die Gattin nun grad Kinderschänder jagt oder irgendeine Wohltätigkeitsorganisation stützt, mag ja die ersten Wochen interessant sein, aber inzwischen ... man kriegt den Eindruck, unsere Politikerlandschaft besteht nur noch aus den Guttenbergs mit einem Schuss v.d.Leyen. Schlusswort noch schnell geschrieben - es gibt da die Regel: "Gute Populisten sind schlechte Politiker und gute Politiker sind schlechte Populisten." In Deutschland wird die Regel überreichlich mit Ausnahmen gesegnet: bei uns sind schlechte Politiker noch schlechtere Populisten (einem guten Populist merkt man nicht an, wenn er sich profillieren will, einem schlechten dagegen dauernd) und gute Politiker sucht man vergebens.
Subtuppel 29.12.2010
3. re
Wie sagte schon Herr Rether sehr treffend: "Einem Politiker Populismus vorzuwerfen, ist wie einem Sportler vorzuwerfen, dass er schwitzt." Braucht man kaum mehr zu zu sagen ;)
srz-ak 29.12.2010
4. Die Sprache ist (hoffentlich) im Fluss
Liebe LeserInnen, wo liegt das Problem, Herr Ramsauer (und auch wenn er aus der gleichen Stadt kommt wie ich, ich mag ihn nicht) hat durchaus Recht. Viele Ausdrücke haben es ins Deutsche geschafft - Flugzeug (statt Aeroplan), Hubschrauber (statt Helikopter), Bürgersteig (statt Trottoir) und andere - wieder andere nicht (Steineppich statt Petersilie, Dachschnauber statt Kamin, Gesichtserker statt Nase -- nachzulesen z.B. bei Kishon oder Ph. von Zesen u.a.). Warum sollte ich auch für einen tragbaren Rechner nicht Klapprechner sagen oder für einen Beamer nicht Bildwerfer? In meinem Studium hatte ich ein Fach namens 'Programm-Entwicklunsmethodik' - der Dozent wollte damals (1986) 'Software-Engineering' aber die Verwaltung ander Uni nicht. Der Inhalt war derselbe und der Ausdruck genauso aussagekräftig und genauso wenig sperrig. Ich glaube, wir sollten den Anglizismen offen aber auch argwöhnisch gegenübertreten - in Frankreich gibt es wohl kein Notebook wie ich selbst erfahren habe als ich einer Studentin erklären musste, was ein 'Notebook' ist (ordinateur transportable). Aus den Gegensätzen ergeben sich die guten und sinnvollen Ausdrücke, wir müssen der Sprache und uns nur Zeit lassen. In diesem Sinne Allen ein Gutes Neues Jahr
larsjörge 29.12.2010
5. Selbstinszenierung auf bayerisch :-)
Die medial begleitete postmaterialistische Spaßgesellschaft hat viele Dinge selbstverständlich werden lassen, die in anderen Zeiten, die dem Aufbau und/oder den materialistischen Bedürfnissen dienten, zu starker Aufmerksamkeit oder Nachdenklichkeit geführt hätten. Um heutzutage die Gesellschaft noch beeindrucken zu können, muss sich der Geltungsbedürftige schon wirklich etwas einfallen lassen. Dennoch gelingt es neben Herrn Wowereit, Herrn Gabriel, Frau Roth etc. auch Herrn Ramsauer hin und wieder… Nun also mit der deutschen Sprachkultur, statt mit Auflösung des Bahnchaos und Schneetheaters auf den Straßen und Flughäfen! Wozu ist auch ein Verkehrsminister da?! Genau diese Art von Verhalten verärgert die Bürger und Wähler aller Parteien und sozialen Schichten, wenn sie protestieren und/oder aktionistisch auf die Straße gehen. Diese Art von Selbstgefälligkeit und medialer Inszenierung ohne Gemeinsinn für eigentlich anstehende Aufgaben sind Gründe für die Gesellschaft, außerparlamentarische Opposition zu spielen (und auf Bahnhöfen, Flughäfen und Autobahnen über Verkehrsinfrastrukturpolitik zu fluchen). Welche Mittel hätten sie auch sonst, politische Eliten an Werte zu erinnern sowie gesellschaftliche Gestaltung einzufordern? In der Literatur gibt es diesbezüglich ausreichend Hinweise (Glotz(Süssmuth/Seitz „Planlose Eliten“, Wickerts „Ehrliche als Dumme“ sowie „Richtungswechsel“ http://www.richtungswechsel.info und viele mehr).
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