SS-Massaker in Italien: Historiker wirft Strafverfolgern schwere Fehler vor

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Sant'Anna di Stazzema beim Gauck-Besuch im März: Gerechtigkeitsempfinden verletzt Zur Großansicht
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Sant'Anna di Stazzema beim Gauck-Besuch im März: Gerechtigkeitsempfinden verletzt

SS-Schergen ermordeten 1944 im italienischen Dorf Sant'Anna di Stazzema Hunderte Zivilisten. Acht Beschuldigte leben noch, doch die Staatsanwaltschaft Stuttgart stellte die Ermittlungen gegen sie ein. Nun könnte ein Historiker die Wiederaufnahme des Verfahrens bewirken.

Die mordende Horde kam im Morgengrauen nach Sant'Anna di Stazzema. Und sie wütete den ganzen Vormittag. Am Ende hatten die SS-Schergen 560 Zivilisten ermordet - darunter mehr als hundert Kinder. Es war der 12. August 1944.

Als die Staatsanwaltschaft Stuttgart im Oktober 2012 die Ermittlungen gegen acht noch lebende Beschuldigte des grausamen Massakers einstellte, war der Aufschrei in Italien groß. Der italienische Staatspräsident Napolitano kritisierte öffentlich, dass das NS-Verfahren zu den Akten gelegt wurde.

Auch deshalb war Bundespräsident Joachim Gauck vor wenigen Wochen in das kleine toskanische Bergdorf gereist und hatte an der Gedenkstätte des Verbrechens gesagt, es verletze "unser Empfinden für Gerechtigkeit tief, wenn Täter nicht überführt werden können, weil die Instrumente des Rechtsstaates das nicht zulassen".

Doch nun äußert ein offizielles Gutachten, das der Kölner Historiker Carlo Gentile im Auftrag des Verbandes der Opfer von Sant'Anna di Stazzema verfasst hat, große Zweifel an der Entscheidung der Stuttgarter Staatsanwaltschaft - und könnte die Wiederaufnahme der Ermittlungen bewirken.

Wichtige Dokumente und Zeugenaussagen, so Gentile, seien den Ermittlern entweder "überhaupt nicht bekannt" gewesen oder nicht hinzugezogen worden. Der Historiker bemängelt zudem, dass die Staatsanwaltschaft seinen zweckdienlichen Hinweisen nicht nachgegangen sei. Die Staatsanwaltschaft habe "deutliche Fehler hinsichtlich der historischen Daten" gemacht und keine "Rücksicht auf die Topografie und auf den zeitlichen Ablauf" des Massakers genommen.

Nach der Einstellung des Verfahrens hatte der baden-württembergische Justizminister Rainer Stickelberger in einer Pressemitteilung noch betont, von den Stuttgarter Beamten seien alle Möglichkeiten "umfassend ausgeschöpft" worden. Er bedaure, dass es den Strafverfolgern "trotz des großen Ermittlungsaufwands nicht gelungen" sei, "die Täter zur Rechenschaft zu ziehen". Der individuelle Schuldnachweis sei nicht gelungen. Dabei hatte ein italienisches Gericht einzelne Beschuldigte schon 2005 in Abwesenheit zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

Historiker Gentile betont in seinem Gutachten, dass es sich bei den meisten der noch acht lebenden Beschuldigten um SS-Führungspersonal gehandelt habe. Unter den Tätern von Sant'Anna di Stazzema seien zudem SS-Angehörige gewesen, "die einschlägige Erfahrungen mit dem Dienst in Konzentrationslagern und bei bekanntermaßen verbrecherischen Truppenteilen hatten".

Der Wissenschaftler bemängelt, dass von den Stuttgarter Ermittlern nicht "alle Hinweise auf die Beteiligung von SS- und Wehrmachtseinheiten" verfolgt worden seien. Laut der deutschen Anwältin des Verbandes der Opfer von Sant'Anna wurde Gentiles Gutachten inzwischen der Staatsanwaltschaft Stuttgart zugestellt.

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