Stadtarchiv-Einsturz Schramma sieht sich als Opfer einer Kampagne

Es gab immer wieder Vorwürfe, und in Umfragen büßte er Sympathien ein: Kölns Oberbürgermeister Fritz Schramma wird deshalb nicht mehr zur Wiederwahl kandidieren. Der CDU-Politiker zog damit knapp einen Monat nach dem Einsturz des Stadtarchivs die Konsequenzen.


Köln - Abgang mit Verbitterung: Oberbürgermeister Fritz Schramma (CDU) hat die Konsequenzen aus dem Einsturz des Kölner Stadtarchivs gezogen. Wegen immer heftigerer Kritik an seinem Krisenmanagement wird er bei der Oberbürgermeister-Wahl am 30. August nicht mehr antreten. Der Einsturz werde zunehmend zum Wahlkampfthema, und das wolle er verhindern, sagte der seit neun Jahren amtierende OB am Sonntag in Köln. "Offensichtlich ist vielen der Wahlausgang wichtiger als das langfristige Wohl unserer Stadt. Offensichtlich gibt es viele, die keine Tabus kennen." Die nordrhein-westfälische SPD-Chefin Hannelore Kraft sprach dagegen von einem "überfälligen Schritt".

Schramma: Verbittert über "Hetzkampagne"
DPA

Schramma: Verbittert über "Hetzkampagne"

Er scheue sich, die politische Verantwortung für das Unglück zu übernehmen, war Schramma, 61, vorgeworfen worden. Bei der Katastrophe am 3. März kamen zwei Menschen ums Leben. Die Ursache waren möglicherweise Grundwasserprobleme in einer benachbarten U-Bahn-Baustelle. In den Wochen nach dem Unglück gab es viele Schuldzuweisungen. Schramma hatte die Verkehrsbetriebe und Baudezernent Bernd Streitberger (CDU) kritisiert und disziplinarrechtliche Prüfungen gegen alle eingeleitet, die eventuell etwas von Problemen gewusst aber nichts gesagt haben.

Schramma selbst musste sich einen "Schlingerkurs" in der Frage vorhalten lassen, ob die U-Bahn nun noch weitergebaut werden soll. Am Donnerstag leitete die Staatsanwaltschaft zudem Ermittlungen gegen ihn ein. Er soll vertrauliche Sitzungen zum Archiv-Einsturz illegal mitgeschnitten haben. Im Stadtrat sprach er von einer "Hetzkampagne" gegen ihn und nannte die Kritik "hinterhältig".

Der SPD-Fraktionsvorsitzende im Stadtrat, Martin Börschel, sagte am Sonntag, bei Schrammas Entscheidung habe wohl auch die bundesweite Kritik an den Kölner Verhältnissen im Zusammenhang mit dem Unglück eine Rolle gespielt. Er verwies auch auf eine repräsentative Umfrage der Zeitungen "Kölner Stadt-Anzeiger" und "Express", wonach Schrammas SPD-Herausforderer Jürgen Roters bei der Wahl zurzeit 50 Prozent erwarten könnte, während Schramma mit 37,6 Prozent weit abgeschlagen wäre. "Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich das Amt nach der Wahl führen werde", sagte Roters, der auch von den Grünen unterstützt wird, am Sonntag der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Bis zur Übergabe der Amtsgeschäfte an seinen Nachfolger voraussichtlich am 20. Oktober will Schramma noch weitermachen. Die Entscheidung, nicht mehr anzutreten, gebe ihm nun gerade die Möglichkeit, sich voll auf das Krisenmanagement zu konzentrieren. "In diesem Sinne wünsche ich mir einen Neuanfang für die politische Kultur in unserer Stadt", sagte er.

Nach einem Bericht der "Rheinischen Post" drängt die Kölner CDU-Spitze den Bundestagsabgeordneten Wolfgang Bosbach, als Kandidat der Christdemokraten für die OB-Wahl anzutreten. Wie das Blatt unter Berufung auf Parteikreise weiter schreibt, wollte der geschäftsführende Vorstand am Abend zusammenkommen, um Bosbach offiziell die Kandidatur anzutragen. Bosbach selbst zeigte sich geehrt, zögerte aber: "Das ist ein Traumjob und ein unglaubliches Angebot", wurde der stellvertretende Vorsitzende der Unionsfraktion von dem Blatt zitiert. Aber er könne nicht gleichzeitig für den Posten des Kölner Oberbürgermeisters und den Bundestag kandidieren. Deshalb neige er dazu, das Angebot abzulehnen.

Historisches Archiv der Stadt Köln
Geschichte
Die Anfänge des Archivs reichen in das frühe 12. Jahrhundert zurück. Die für die Stadt wichtigen Schriftstücke hatten 1322 noch Platz in einer Kiste im Hause eines Patriziers , wuchsen aber zeitgleich mit Kölns Entwicklung zur freien Reichsstadt rasch an. Als der Rat 1406 den Bau des Rathausturms beschloss, gehörte zum Bauprogramm auch ein Archivgewölbe. Damals wurde das erste, noch heute erhaltene Archivinventar angelegt.
Den Zweiten Weltkrieg hatten die ausgelagerten Archivbestände ohne Verluste überstanden. Dagegen sind die damals noch in den städtischen Dienstgebäuden lagernden Akten aus der Zeit der Weimarer Republik seit etwa 1927 und der NS-Zeit während des Krieges weitgehend vernichtet worden.
Das Haus beherbergt zahlreiche Schätze der Kultur-, Kirchen- und Verwaltungsgeschichte. Zum Bestand gehören Herrscherurkunden und zahlreiche kostbare Handschriften . Köln ist nach Angaben von Historikern auch eines der wichtigsten Archive der deutschen Hanse , weil 1593/94 auf Beschluss des Hansetages die Urkunden und Akten des seinerzeit größten Kontors , das in Antwerpen lag, in die sicheren Mauern Kölns gebracht wurden.
dpa
Bestände
Das Archiv umfasst Dokumente aus über tausend Jahren Kölner, rheinischer und preußischer Geschichte . Mit der Ernennung Leonard Ennens zum ersten Kölner Stadtarchivar 1857 wurde der Ausbau des Archivs wesentlich auf den Weg gebracht. Mehr als 65.000 Urkunden aus dem Raum Köln ab dem Jahr 922, 104.000 Karten und Pläne, 50.000 Plakate und rund eine halbe Million Fotos. Zudem sind dort 780 Nachlässe und Sammlungen, unter anderem von Literaturnobelpreisträger Heinrich Böll gelagert worden.
dpa

als/dpa/AP

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