Streit um Ehrung für Ilse Stöbe: Die Deutsche, die für Stalin spionierte
Bis heute ist die Agentin Ilse Stöbe höchst umstritten. Unter dem Decknamen "Alta" forschte sie Hitler-Deutschland aus - für Stalins Sowjetunion. Darf diese Spionin im Auswärtigen Amt geehrt werden? Ein Gutachten urteilt: ja.
Hamburg - Wenn der amerikanische Außenminister John Kerry, sein britischer Kollege William Hague oder die Chefdiplomaten anderer Länder ihr deutsches Pendant in Berlin besuchen wollen, fahren sie im Auswärtigen Amt (AA) mit dem Fahrstuhl in den ersten Stock. Fällt ihr Blick beim Aussteigen nach links, sehen sie hinter einer Glastür eine große weiße Wand, auf der zwölf Namen zu lesen sind: Es handelt sich um von den Nazis ermordete Angehörige des AA, die als "aktive Widerstandskämpfer" geehrt werden. Bald wird voraussichtlich ein weiterer Name hinzukommen: Ilse Stöbe.
Sie ist die wohl umstrittenste deutsche Hitler-Gegnerin. Zumindest das Münchner Institut für Zeitgeschichte (IfZ) plädiert in einem internen Gutachten für Noch-Außenminister Guido Westerwelle dafür, dass das AA der Berlinerin gedenkt. Seit über einem halben Jahrhundert prallen in dieser Frage die Meinungen aufeinander.
1940 hatte Ilse Stöbe einige Monate in der Informationsabteilung des Ministeriums gearbeitet, 1942 wurde sie in Plötzensee geköpft. Die gebildete, attraktive und mutige Journalistin zählte zu den wichtigsten deutschen Spionen des sowjetischen Diktators Josef Stalin. Mehrfach hatte sie dessen Militärgeheimdienst GRU vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion gewarnt. Selbst Beobachter, die Stöbe wohlgesinnt sind, räumen deshalb ein: Der Kern ihrer Widerstandstätigkeit bestand im Verrat von Informationen. Soll die Bundesregierung eine solche Person ehren?
Noch in dieser Legislaturperiode stritten die Bundestagsfraktionen über die Antwort. Vor allem die Partei Die Linke wirbt für Stöbe und kann sich nun auf das Gutachten der IfZ-Historikerin Elke Scherstjanoi berufen. Danach sind die "Voraussetzungen für eine öffentliche Würdigung Ilse Stöbes in Deutschland gegeben". Scherstjanoi stellt die Agentin sogar "in eine Reihe" mit den Geschwistern Hans und Sophie Scholl.
Das Problem des Gutachtens: Auch Scherstjanoi hatte keinen Zugang zum Archiv des Verteidigungsministeriums in Moskau, wo wichtige GRU-Unterlagen liegen.
Spionage gegen die "Wurstmacher"
Zentrale Fragen bleiben daher offen, etwa wie es zu bewerten ist, dass sich Stöbe schon 1931 von ihrem Freund, dem Journalisten und Kommunisten Rudolf Herrnstadt, für die GRU anwerben lässt. In der Sowjetunion sind zu diesem Zeitpunkt bereits Hunderttausende Stalins Terror zum Opfer gefallen; Deutschland ist noch eine Republik, die von den Nazis, aber eben auch von der Moskau-hörigen KPD bekämpft wird.
Ilse Stöbe arbeitet als Sekretärin für Theodor Wolff, den großen liberalen Publizisten und Chefredakteur des "Berliner Tageblatts", der vernarrt ist in seine charmante, 19-jährige Mitarbeiterin und ihr später in einem Roman ein literarisches Denkmal setzt. Bei den wöchentlichen Treffen mit einem GRU-Residenten scheint Stöbe vor allem Redaktionsinterna weiterzugeben. Ehrenwert ist das nicht. Als Wolff nach Hitlers sogenannter Machtergreifung flieht, verlässt auch Stöbe das "Tageblatt". Sie reist durch Europa, vermutlich als Kurierin für die GRU, und schreibt nun Artikel, die in der "Neuen Zürcher Zeitung" und anderen Blättern erscheinen.
Schließlich zieht sie nach Warschau. Freund Herrnstadt schöpft dort den Diplomaten Rudolf von Scheliha ab, der glaubt, er spioniere für die Briten. Mit Hitlers Angriff auf Polen 1939 kehrt Scheliha nach Berlin zurück, und nun beginnt Stöbes große Agentenzeit, denn sie folgt ihm und übernimmt unter dem Decknamen "Alta" die Führung des weiterhin ahnungslosen Diplomaten. Moskau stellt präzise Fragen, etwa nach der Italienpolitik der "Wurstmacher", ein Synonym für die Deutschen, oder nach Aufmarschräumen. Schelihas Informationen sind so wertvoll, dass die Berliner GRU-Residentur ihre Agentin als "ganz und gar unentbehrlich" lobt.
Sowjetunion verlieh postum "Rotbannerorden"
Aber kann man diese Spionage als Widerstand werten? Schließlich sind Hitler und Stalin zwischen 1939 und 1941 Verbündete, die Osteuropa unter sich aufteilen. Ist einem polnischen Außenminister heute zuzumuten, bei einem Besuch im AA auf eine Tafel mit Stöbes Namen zu blicken, die in Polens dunkler Zeit formal für Hitler und de facto für Stalin arbeitete?
Andererseits sind lupenreine Demokraten unter Deutschlands Widerstandskämpfern selten. Viele der geehrten Verschwörer des 20. Juli waren zeitweise von Hitler begeistert, selbst Attentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Und andere Spione hat das AA schließlich auch geehrt, etwa Fritz Kolbe, der für die Amerikaner arbeitete. Joschka Fischer benannte nach ihm sogar einen Saal; die Kooperation mit den Feinden Hitlers war einer der Wege, um diesen zu stürzen.
Das Problem am Fall Stöbe: Stalin wurde zum Feind Hitlers erst wieder nach dessen Überfall 1941, und laut IfZ-Gutachten brach Stöbes "geheimdienstliche Tätigkeit" damit ab. Mit der Schließung der sowjetischen Botschaft in Berlin verlor Agentin "Alta" ihre Ansprechpartner. Beim Versuch der Kontaktaufnahme ging die GRU so dilettantisch vor, dass Stöbe aufflog und verhaftet wurde.
Die Sowjetunion hat ihrer Agentin 1969 postum den "Rotbannerorden" verliehen. Das Auswärtige Amt muss nun entscheiden, ob es Stöbe ebenfalls würdigen will. Es täte sich leichter, wenn die Berichte der Spionin an die GRU vollständig vorlägen.
Manche Historiker im AA favorisieren deshalb schon seit längerem, den Text auf der Gedenkwand zu modifizieren. "Wir sollten aller Angehörigen des Auswärtigen Amtes gedenken, die den Nazis zum Opfer fielen, nicht nur der angeblichen oder tatsächlichen Widerständler", empfiehlt Martin Kröger, NS-Experte im Politischen Archiv des Amtes.
Auf so einer Gedenkwand müsste dann zwangsläufig auch Ilse Stöbe genannt werden.
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