Stasi Ehemann von Gesine Lötzsch steht unter IM-Verdacht

Die designierte Linkspartei-Chefin Lötzsch sieht sich einer unangenehmen Diskussion über ihren Mann Ronald ausgesetzt: Der Sprachwissenschaftler soll bis in die achtziger Jahre hinein für die Stasi gespitzelt haben. Sie hatte ihn stets als Opfer des SED-Staates dargestellt.

Gesine Lötzsch: Die Politikerin will erste Frau an der Spitze der Linken werden
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Gesine Lötzsch: Die Politikerin will erste Frau an der Spitze der Linken werden


Berlin - Im Bundestag ist Gesine Lötzsch an diesem Dienstag nichts anzumerken. Hier debattieren die Abgeordneten über den Haushaltsentwurf 2010 - und die Oppositionspolitikerin wettert gebührend gegen die Regierung. Abseits des Plenarsaals gibt sich die 48-Jährige, die im Mai die erste Frau an der Spitze der Linkspartei werden will, am Dienstag wortkarger. Denn um sie herum ist eine unangenehme Diskussion entbrannt, die zu keinem ungünstigeren Zeitpunkt hätte kommen können: Ihr Mann Ronald Lötzsch war laut Stasi-Unterlagen über Jahre Inoffizieller Mitarbeiter (IM) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit.

In einer handschriftlichen Erklärung vom 29. März 1962 heißt es, durch seine Verpflichtung wolle er seinen Beitrag zum Aufbau des Sozialismus leisten. In dem Papier, das der Deutschen Presse-Agentur dpa vorliegt, verpflichtete er sich, über die Stasi-Zusammenarbeit "mit keiner Person auch nicht andeutungsweise" zu sprechen. Insgesamt soll er 19 Berichte verfasst haben.

Lötzsch hatte ihren Mann bisher wegen einer Haftstrafe als Opfer des SED-Regimes dargestellt. Ob sie von Stasi-Kontakten wusste, ist unklar. In der Links-Fraktion hieß es am Dienstag zu den Vorwürfen, das sei Privatsache. Partei-Vize Klaus Ernst, der sich zusammen mit Lötzsch beim Parteitag Mitte Mai in Rostock für die Doppelspitze zur Wahl stellen wird, nahm sie in Schutz. Er betonte in der "Leipziger Volkszeitung", Lötzsch und nicht ihr Mann kandidiere für das Amt.

Die 48-jährige Lötzsch hatte am Montagabend mitgeteilt, "jedem Versuch, das Schicksal meines Mannes für durchsichtige Kampagnen zu missbrauchen, werde ich entgegentreten". Sie erklärte: "Ich habe nichts, was ich bisher über meinen Ehemann gesagt habe, zurückzunehmen." Sie ging aber nicht direkt auf die Vorwürfe ein, über die zuerst die "Welt" berichtete.

Drei Jahre Bautzen

Gesine Lötzsch hatte ihren heute 78-jährigen Mann Ende der achtziger Jahre geheiratet. Sie verwies darauf, dass ihr Mann 1957 wegen Beihilfe zum Staatsverrat verurteilt worden sei und drei Jahre im berüchtigten DDR-Gefängnis in Bautzen saß. Sie kenne die genannten Akten nicht, teilte sie mit. Lötzsch sagte der "Leipziger Volkszeitung": "Ich werde mich dazu nicht äußern. Ich bin die Politikerin. Mein Mann ist Privatmann."

In den Unterlagen über den Ehemann heißt es, er sei bereits nach zwei Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen worden. Nach den vorliegenden Stasi-Papieren wurde er am 23. Dezember 1958 vom Bezirksgericht Halle verurteilt und am 8. November 1960 entlassen. Er gehörte der "staatverräterischen Gruppierung Schröder-Lucht" an. Unklar ist, ob und wie lange er vor der Verurteilung in Untersuchungshaft saß.

Nach der Haftentlassung hat die Stasi Kontakt zu ihm aufgenommen, geht aus dem "Vorschlag zur Werbung eines inoffiziellen Mitarbeiters" hervor. Aus den Unterlagen wird deutlich, dass der Stasi-Informant mit dem Decknamen "Heinz" als Sprachwissenschaftler an der Berliner Akademie der Wissenschaften der Stasi bis Mitte der achtziger Jahre von Treffen mit in- und ausländischen Kollegen berichtete.

In einer Stasi-Einschätzung hieß es über den späteren Ehemann von Gesine Lötzsch, obwohl der IM eine staatsfeindliche Gruppe begünstigt habe, stehe er jetzt auf dem Boden der DDR und habe seine Fehler ehrlich erkannt. In einem anderen Papier hieß es: "Er erschien regelmäßig und stets pünktlich zu den vereinbarten Treffs und berichtete ehrlich und gewissenhaft."

Akteneinsicht bei der Stasi-Unterlagenbehörde können nicht nur Betroffene und berechtigte öffentliche Stellen beantragen, sondern auch Wissenschaftler und Journalisten. Bei den Stasi-Akten muss immer berücksichtigt werden, dass ein Teil von Beschäftigten des Spitzelapparates selbst verfasst wurde und auch falsche Informationen enthalten seín können. Oft kamen Passagen von Inoffiziellen Mitarbeitern auch unter Druck zustande.

ler/dpa



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Seite 1
yogiakarta 16.03.2010
1. Was sonst
Ich habe schon darauf gewartet, dass auf Lötzsch eine Stasi-Runde eröffnet wird. Es wäre einfach zu komisch, wenn einem aus Ostdeutschland stammenden PolitikerIn mal keine bewiesenen oder unbewiesenen Spitzelvorwürfe angehangen würden. Der Spiegel (bzw. Springer) offenbart damit, dass er ein extremes Interesse am warmhalten dieses abgelutschten Themas hat. Vielleicht könnten die Autoren mal erklären, warum sagenhafte 20 Jahre nach der Wende immer und immer wieder solche "Erkenntnisse" hoch ploppen, sobald ein Ost-Politiker eine exponierte Stellung einnimmt? Hättet Ihr Euch damals nur genauso um die Aufklärung der Naziverbrechen bemüht, Eure Glaubwürdigkeit wäre größer. Und überhaupt: Seit wann gilt in dem Land die Sippenhaft ohne Unschuldsprinzip?
rochush 16.03.2010
2. Überraschung?
Hat man irgendetwas anderes von der Partei der Stasispitzel und Mauermörder erwartet?
stesoell 16.03.2010
3. Oh
Ich habe nicht gewusst, dass der Ehemann von Frau Lötzsch 30 Jahre älter ist. Interessant. Habe ich wieder was zu erzählen. Das mit der IM Geschichte ist jetzt nicht sooooooo kurzweilig und "Kollegen" - kompatibel ...
skepti 16.03.2010
4. Freiheit gegen Spitzelberichte
Zitat von sysopDie designierte Linkspartei-Chefin Lötzsch sieht sich einer unangenehmen Diskussion über ihren Mann Ronald ausgesetzt: Der Sprachwissenschaftler soll bis in die achtziger Jahre hinein für die Stasi gespitzelt haben. Sie hatte ihn stets als Opfer des SED-Staates dargestellt. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,683965,00.html
Der Mann von Frau Lötzsch wurde als "Systemfeind" zu einer Haft von drei jahren verurteilt und nach "nur" zwei Jahren entlassen. Anscheinend hat man ihm ein Geschäft - Spitzeln gegen Entlassung - angeboten und er ist darauf eingegangen. Ich weiß nicht, was ich nach zwei Jahren Gefängnis alles unterschrieben hätte. Neunzehn Berichte in zwanzig Jahren hört sich auch nicht gerade nach großen Eifer an. Wer den Film "Das Leben der Anderen" gesehen hat, wird auch einsehen, dass viele IMs selbst mit dem Regime in Konflikt waren und von der Stasi erpresst wurden.
Spinatwachtel 16.03.2010
5. Ich kann mir gut vorstellen,
dass ein Mensch, der im Stasi Gefängnis saß, mürbe gemacht durch die Bedingungen solcher Haft zu allem bereit war, nur um nicht wieder reinzukommen! Wer will es ihm verdenken? Ich jedenfalls nicht!
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