Gedenkstätte Hohenschönhausen Anklägerinnen verwahren sich gegen Vorwürfe

Wegen mutmaßlicher sexueller Belästigungen musste der Vizedirektor der Gedenkstätte Hohenschönhausen gehen, kurz danach auch der Leiter. Nun wehren sich die Frauen gegen den Vorwurf, Teil einer Kampagne zu sein.

Wachturm auf der Außenmauer der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen
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Wachturm auf der Außenmauer der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen

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In der Debatte um sexuelle Belästigungen in der Berliner Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen melden sich erneut die Frauen zu Wort, die im Juni die Vorwürfe gegen ihre Vorgesetzten erstmals bekannt gemacht haben. "Die öffentliche Diskussion der letzten Wochen ist in eine bedenkliche Schieflage geraten: Es geht kaum noch um die Erfahrungen der betroffenen Frauen und die Frage nach dem Umgang mit Machtverhältnissen", schreiben die Frauen in einem Brief an den Beirat und den Stiftungsrat der Gedenkstätte, der dem SPIEGEL vorliegt. "Vielmehr äußern sich Irritation und Ungläubigkeit über unsere Darstellungen in Abwehrreflexen und Leugnungsstrategien."

Die Verfasserinnen verwahren sich gegen Vorwürfe, sie seien Teil einer politischen Kampagne und würden die Aufarbeitung der DDR-Diktatur beschädigen wollen. Dies lenke von der eigentlichen Diskussion ab und befördere "eine Kultur des Wegschauens", heißt es in dem Schreiben.

Am 8. Juni hatten sich sechs Frauen, die von 2011 bis 2018 als Mitarbeiterinnen, Volontärinnen und Freiwillige im Sozialen Jahr an der Gedenkstätte gearbeitet haben, in einem Brief an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters (CDU), und den Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) gewandt. Darin warfen sie der Leitung der Gedenkstätte eine "gering strukturierte Arbeitsorganisation", aber auch sexuelle Belästigung vor.

Gegenüber dem RBB belasteten sie vor wenigen Wochen vor allem den stellvertretenden Direktor der Gedenkstätte, Helmuth Frauendorfer. Er soll jungen Frauen nachts SMS geschrieben, ihnen körperlich nahe gekommen und ihnen von Besuchen im Bordell erzählt haben. Frauendorfer räumte über seinen Anwalt einen Mangel an Sensibilität ein. Sein Verhalten habe er aber geändert, nachdem ihn 2016 der Direktor der Gedenkstätte, Hubertus Knabe, angesprochen hatte.

Hubertus Knabe (August 2016)
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Hubertus Knabe (August 2016)

Knabe selbst verurteilte das Verhalten seines Vizes, musste aber nach einem einstimmigen Beschluss des Stiftungsrats der Gedenkstätte ebenfalls gehen: Es gebe kein Vertrauen mehr, dass Knabe "den dringend notwendigen Kulturwandel in der Stiftung einleiten wird, geschweige denn einen solchen glaubhaft vertreten kann", hieß es zur Begründung. In ihrem Brief kritisieren die Frauen, dass es bis 2018 keinen Ansprechpartner bei Diskriminierungsfällen in der Gedenkstätte gegeben habe. "Eine Anlaufstelle hätte schon nach den Berichten ehemaliger Auszubildender im Jahr 2016 eingerichtet werden müssen."

Haupttor der Stasiopfer-Gedenkstätte
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Haupttor der Stasiopfer-Gedenkstätte

Mitglieder des Beirats der Gedenkstätte allerdings verurteilten die rasche Entlassung des Leiters der Gedenkstätte: In einem offenen Brief an Klaus Lederer äußerten die frühere DDR-Oppositionelle Heidi Bohley, die Schriftstellerin Freya Klier, die in der DDR politisch inhaftierte Edda Schönherz und die Politikwissenschaftlerin Barbara Zehnpfennig den Verdacht, es handele sich dabei um eine Strafaktion für Hubertus Knabes "politische Unangepasstheit". Andere kritisierten, dass die Frauen ihre schweren Vorwürfe aus der Anonymität heraus formulierten.

Auch dagegen verwahren sich die Frauen in ihrem aktuellen Brief: "Unser Anliegen herabzusetzen, weil wir unsere Namen in der Öffentlichkeit nicht nennen, verkennt die Situation der Betroffenen. Diese Anonymität dient unserem persönlichen Schutz."

akm/klw/kno

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