Stasi Mielke ist tot, und keiner ist traurig

Vier Tage dauerte es, bis der Tod des früheren Stasi-Chefs bekannt wurde: Bereits am Montag starb Erich Mielke im Alter von 92 Jahren in einem Berliner Pflegeheim. Die Trauer jedoch hält sich in Grenzen. "Er war jahrelang tot, ehe er gestorben ist", sagt der Schriftsteller Erich Loest.


Erich Mielke
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Erich Mielke

Berlin - Mielkes Tod wurde am Donnerstagabend vom Landeseinwohneramt bestätigt. Der Vorsitzende der PDS-Bundestagsfraktion, Gregor Gysi, sprach von einem verschenkten Leben, weil Mielke nie verstanden habe, dass nur Rechtssicherheit und nicht die Fülle konspirativ gesammelter Informationen zu einer wirklichen Staatssicherheit führten.

Den Tod hatte das Boulevardblatt "Berliner Kurier" gemeldet. Gysi sagte der Zeitung zu Mielkes Beweggründen: "Obwohl er mit Sicherheit das Gegenteil wollte, hat er einen entscheidenden Beitrag zum Scheitern des sozialistischen Versuchs auf deutschem Boden geleistet." Der PDS-Vorsitzende Lothar Bisky kommentierte: "Erich Mielke - das ist die Verkörperung der Widersprüche der historischen Bewegung, der DDR, der SED. ... Er lebte im Jahrhundert der Extreme."

Der Schriftsteller Erich Loest bezeichnete Mielke zusammen mit Erich Honecker und Günter Mittag als Hauptverantwortliche, "die dieses Land DDR in den Abgrund gefahren haben". Er sagte im InfoRadio Berlin-Brandenburg, Mielke sei "ein Zyniker ohne Freude, sein Herz ohne Mitleid" gewesen. Es sei auch bezeichnend, dass sein Tod erst so spät bekannt geworden sei. Mielke habe keine Freunde gehabt, niemand habe sich mit ihm belasten wollen. "Er war jahrelang tot, ehe er gestorben ist." Loest war 1981 in die Bundesrepublik übergesiedelt, nachdem er eine siebenjährige Haftstrafe in Bautzen abgesessen hatte.

Der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Andreas Schulze aus dem Landesvorstand der Berliner Grünen sagte, Mielke habe geglaubt, nur er und seine Partei wüssten, was für die Menschen gut sei. "Diese Haltung führte in der Konsequenz zu einer verbrecherischen Überwachungs- und Drangsaliermaschinerie, der der Rechtsstaat heute mit juristischen Instrumenten offenbar nicht begegnen kann." Mielke nehme viel Schuld mit ins Grab. "Die aufwühlenden Erinnerungen an die Untaten seines Apparates bleiben untrennbar mit seinem Namen verbunden."



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