Inoffizielle Mitarbeiter im Westen Mindestens 42 Stasi-Spitzel unter Neonazis

Die Stasi hatte die rechtsextreme Szene in der Bundesrepublik stärker unterwandert als bisher bekannt. Mindestens 42 Inoffizielle Mitarbeiter spitzelten laut einem Zeitungsbericht unter westdeutschen Neonazis.

Zerrissene Stasi-Akten im Stasi-Archiv in Berlin: Informanten in der westdeutschen Neonazi-Szene
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Zerrissene Stasi-Akten im Stasi-Archiv in Berlin: Informanten in der westdeutschen Neonazi-Szene


Nach Erkenntnissen der Stasi-Unterlagenbehörde führte die DDR-Staatssicherheit mindestens 42 Inoffizielle Mitarbeiter (IM) unter westdeutschen Neonazis und in deren unmittelbarem Umfeld. Weitere fast 30 Rechtsextremisten seien als sogenannte IM-Vorläufe registriert, berichtet die "Berliner Zeitung". Das bedeutet, dass in diesen Fällen die Anwerbung als Spitzel vom Ministerium für Staatssicherheit (MfS) vorbereitet wurde. Hinzu seien noch vier weitere Informanten gekommen, die einen loseren Kontakt zum MfS unterhielten, berichtet das Blatt weiter.

Die Zahl der Stasi-Informanten in der westdeutschen Neonazi-Szene lässt sich nach Angaben der Zeitung anhand von sogenannten IM-Bestandsübersichten nachvollziehen, die in der Stasi-Hauptabteilung XXII/1 angelegt wurden. Diese Hauptabteilung war zuständig für die Terrorabwehr. Die Unterabteilung 1 analysierte das rechtsextreme und -terroristische Milieu in Westdeutschland.

Die Registriernummern der IM-Vorgänge weisen der "Berliner Zeitung" zufolge daraufhin, dass der Großteil der Stasi-Spitzel in den Achtzigerjahren angeworben wurde.

Spurensicherung nach dem Bombenanschlag auf das Oktoberfest
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Spurensicherung nach dem Bombenanschlag auf das Oktoberfest

Stasi-Akten belegen auch, dass der mutmaßliche Bombenleger des Oktoberfestattentats von 1980, Gundolf Köhler, in dem Milieu der Neonazis tief verwurzelt war. (Mehr dazu lesen Sie hier im SPIEGEL-Bericht) Damals waren bei dem Anschlag in München 13 Menschen getötet und weitere 211 Personen zum Teil lebensgefährlich verletzt worden.

Seit Jahren gibt es Zweifel an der Theorie von Köhler als Einzeltäter, die genauen Hintergründe des schwersten Terroranschlag in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg sind bis heute nicht klar. Im Dezember 2014 hatten die Behörden die Ermittlungen wieder aufgenommen, nachdem eine zuvor nicht bekannte Zeugin auf einen möglichen Mitwisser des Anschlags verwiesen hatte. Die Ermittler suchen nun nach Zeugen, die sich zur Tatzeit auf der Münchner Theresienwiese aufhielten.

Ziel der Stasi-Aktivitäten in der westdeutschen Nazi-Szene war es, Anschläge gegen die innerdeutsche Grenze zu verhindern. Entsprechende Pläne waren in rechtsextremen Gruppen diskutiert und teilweise auch umgesetzt worden. So zeigen Stasi-Akten, dass der Dutschke-Attentäter Josef Bachmann nicht nur Kontakte zur radikalen Neonazi-Szene hatte, sondern auch Anschläge auf die innerdeutsche Grenze geplant und ausgeführt hat.

So riss Bachmann einmal mit einem Abschleppseil den Stacheldrahtzaun an der Grenze ein, um dann mit Steinwürfen Minen zur Explosion zu bringen. Ähnliche Anschläge hatten andere Neonazis aus Peine jahrelang organisiert. Deshalb hatte sich die Stasi um Zugang zur dortigen Szene bemüht (Mehr zu dem Thema lesen Sie hier in den SPIEGEL-Artikeln "Er sollte sterben" und "Schwarze Todeslisten").

heb

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