Stasi und Medien Wie zähmte die DDR Journalisten?

Zu den willigen Helfern der DDR-Staatssicherheit gehörten West-Journalisten. Mit ihrer Hilfe beeinflusste die Stasi westdeutsche Politik, auch die 68er-Bewegung. Enthüllungen sollte eine Buchpremiere in Leipzig liefern, aber die Stasi-Unterlagenbehörde stoppte den Autor.

Von Holger Kulick


Leipzig/Berlin - "Nicht der Protest, sondern die Konspiration, die Geheimbündelei und der versuchte Umsturz durch Anwendung von Gewalt sind und bleiben das Übel von 1968", triumphierte am vergangenen Freitag Ex-Regierungssprecher Peter Boenisch in der Springer-Zeitung "Die Welt". Und "Bild" meldete in großen Lettern: "Enthüllt! Wie die Stasi die Hetze gegen Springer steuerte." Beide Blätter berufen sich dabei auf einen Artikel in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" und ein Buch von Hubertus Knabe, Mitarbeiter der Gauck-Behörde und wissenschaftlicher Direktor der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen.

Novum zur Leipziger Buchmesse: Buchpremiere ohne Buch

Sieht seine Arbeit blockiert: Stasiforscher Hubertus Knabe
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Sieht seine Arbeit blockiert: Stasiforscher Hubertus Knabe

Am Vorabend sollte Knabe sein Werk mit dem Titel "Der diskrete Charme der DDR - Stasi und Westmedien" in Leipzigs voll besetzter "Runder Ecke" vorstellen. Das ist das Stasi-Museum des Leipziger Bürgerkomitees aus der Wendezeit. Doch die Stasi-Unterlagenbehörde funkte dazwischen - aus gutem Grund. Denn ihr Mitarbeiter Knabe hatte Regeln des Hauses im Umgang mit dem Stasi-Akten verletzt und damit den Zorn gegen die Behörde weiter angefacht: Etliche Politiker empören sich derzeit über die Nachlassverwalter, weil sie den sorglosen Umgang mit Akten über Westprominente fürchten.

Es gab also eine "Buchpremiere ohne Buch", wie Knabe und sein Verleger stichelten, das sei wohl "dem diskreten Charme der Stasi-Unterlagenbehörde" zu verdanken. Schließlich würde "massiv auf die Bremse getreten", seitdem auch die Westarbeit der Stasi ins Visier der Forschung gerät.

"Wir sind keine Repressionsbehörde" - Marianne Birthlers Pressesprecher Christian Booß
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"Wir sind keine Repressionsbehörde" - Marianne Birthlers Pressesprecher Christian Booß

Denkste, konterte der "privat" anwesende Sprecher der Stasi-Unterlagenbehörde, Christian Booß. Niemand kämpfe derzeit "couragierter" als Behördenchefin Marianne Birthler für mehr Westaufklärung des Stasitreibens, aber Knabe gefährde dies. Denn als Forscher der Behörde hätte Knabe freien Zugang zu ungeschwärzten Akten gehabt, anders als "externe" Forscher und Journalisten. Deren Auflagen beim Zitieren gälten aber auch für ihn und zudem wäre schon arbeitsrechtlich die Zustimmung seiner Dienstherrin für ein aushäusiges Buch-Projekt nötig.

Ausgangsfrage: Wie zähmte die DDR Journalisten?

Knabe beschränkte sich somit sicherheitshalber auf Zitate aus seinem Buchmanuskript, die bereits anderswo nachzulesen waren. Zu seinem Werk getrieben hatte ihn vor allem eines: Wie war es der DDR gelungen, sich im Bild der westdeutschen Medien vom verabscheuten "rotlackierten Faschismus" in den fünfziger Jahren zum anerkannten "zehntstärksten Industriestaat der Welt" in den Achtzigern zu wandeln?

Verantwortlich dafür machte er vor allem die Schwäche westdeutscher Journalisten: Es sei ein "journalistischer Tabubruch" des "Stern" gewesen, schon 1963 wohlwollend Walter Ulbricht Raum für ein Propaganda-Interview zu geben, zwei Jahre nach dem vom DDR-Lenker befohlenen Mauerbau. Auf diese Weise hätte sich Westpresse zum Multiplikator der DDR-Ideologen gemacht, um sich peinlich "zahme" Reportagereisen durch die DDR zu sichern. So hätte 1984/85 ein einschmeichelndes Honecker-Porträt des "Zeit"-Herausgebers Theo Sommer, die brave Reportagereise seiner Redaktion "in ein fernes Land" ermöglicht. Derlei sei vor allem der gezielten Kontaktarbeit der Staatssicherheit zu verdanken gewesen, für die "vor allem linksorientierte Journalisten empfänglich waren", analysierte Knabe.

Journalisten als verlängerter Stasi-Arm

Gezielt hätte die Stasi gefällige Journalisten zum Lancieren getürkter Enthüllungen benutzt, sei es, um Politiker wie Altbundespräsident Heinrich Lübke als vermeintlichen KZ-Baracken-Konstrukteur zu diskreditieren oder den redlichen CDU-Mann Eugen Gerstenmaier als Nazi zu denunzieren. Listig hätte der DDR-Geheimdienst ganze Redaktionen in Bedrängnis gebracht, zum Beispiel die "Süddeutsche Zeitung". Der wären einmal Stasi-Telefonabhörprotokolle zugespielt worden - als BND-Material getürkt, um anzuprangern, der Bundesnachrichtendienst höre ab. Gegen die "Quick" wurde bei der Konkurrenz in Umlauf gesetzt, einen Geheimdienstler als Chefredakteur zu haben, um die stramme Position des Blattes gegen Willy Brandts Ostverträge in den siebziger Jahren zu unterminieren.

Eigene IMs in Redaktionen gepflanzt

Noch immer ein Dauerbrenner: Stasidebatten in Leipzigs "Runder Ecke"
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Noch immer ein Dauerbrenner: Stasidebatten in Leipzigs "Runder Ecke"

Geltungs- und geldsüchtige Journalisten fanden sich überall, berichtet Knabe, sogar an der Spitze der Kölner Journalistenschule platzierte die Stasi "ihren" Mann. Der betraute potenzielle Anwerbekandidaten mit DDR-Themen für ihre Abschlussarbeit und schickte sie Richtung Osten zur Recherche.

IMs wurden zum Teil als Übersiedler in Redaktionen eingeschleust und machten dort Karriere, zum Beispiel Diethelm Schröder im SPIEGEL oder Günter Guillaume, der als gelernter DDR-Journalist bis an die Seite Willy Brandts aufstieg. Sogar den langjährigen Vorsitzenden der Berliner Pressekonferenz Karl-Heinz Maier stellte die Stasi. Der "IM Komet" war bis zu seinem Tod 1996 ein wichtiger Gesprächspartner aller Berliner Regierenden Bürgermeister von Brandt bis Diepgen. Der Letztere lobte sogar, wie geschickt Maier "den Regierenden Geheimnisse entlocken konnte", zitiert Buchautor Knabe.

Harte Vorwürfe Richtung SPD

Als ehrgeizige Unterhändler hätten Journalisten auch Geheimdiplomatie betrieben, wirft der Forscher besonders Sozialdemokraten vor. Sie hätten schon in den sechziger Jahren inoffiziell vortasten lassen, ob durch innerdeutsche Erleichterungen der SPD zum Wahlsieg verholfen werden könnte und die DDR als Dankeschön SPD-Anerkennung erhält.

Die APO 1968 - ein Stasiwerk?

Die "Anti-Springer Kampagne" von 1968 - neu belebt in der 'Welt'
Foto: SPIEGEL ONLINE

Die "Anti-Springer Kampagne" von 1968 - neu belebt in der 'Welt'

Direkten Einfluss auf die politische Entwicklung habe die Stasi 1967/68 ausgeübt. So wäre das Organ der Westberliner APO, das "Berliner Extrablatt" eine reine "Postille der Stasi" gewesen. Sowohl ihren langjährigen Chefredakteur Carl Guggomos hätte das MfS als "IM Gustav" geführt, ebenfalls den Geschäftsführer Walter Barthel als "IM Kurt".

Auch die linke Zeitschrift "Extrablatt" und den "Republikanischen Club" der Westberliner APO hätte die Stasi unterwandert und instrumentalisiert - für eine langangelegte Kampagne "Enteignet Axel Caesar Springer!". Noch bis zur Wende wären IMs aus dieser Szene tätig gewesen, deren Identität bis heute niemand kenne. Die Tarn-Namen "IM Heinemann", "Horst", "Dr. Zeitz", "Anita", "Alfons", "Chor", "Elias", "Rolf", "Herbert" und "Malter" zählt der Stasiforscher auf.

Dass Springer-Zeitungen wie "Bild" aber ohne Stasihilfe ihre einschlägigen Artikel und Schlagzeilen fabrizierten, die viele Studenten gegen den Springer Verlag aufbrachten, thematisiert Hubertus Knabe nicht. Auch, ob er sich nur auf Akten beruft oder auch auf Zeitzeugengespräche, ließ der Autor offen. Ihm schien bei seiner verhinderten Buchvorstellung zunächst generelle Kritik an der Gauck-Behörde wichtiger - schließlich hätte er "zwei Kilogramm Körpergewicht" während der Auseinandersetzung mit Marianne Birthler verloren.

Buch darf jetzt erst im Mai erscheinen

Doch Knabe sucht offensichtlich Publicity mittels Konflikt. Aus Sicht der bedrängten Stasi-Unterlagenbehörde ist dies das falsche Vorgehen zur falschen Zeit. Erst das Berliner Landesarbeitsgericht drängte beide Seiten nur Stunden vor der "Premiere" zu einem glimpflichen Vergleich.

Jetzt soll Knabe sein Manuskript mit Quellen zunächst auf den Tisch von Behördenchefin Birthler legen, die vier Wochen prüfen darf, ob tatsächlich gegen ihre Hausordnung verstoßen wurde. Zensieren darf sie das Buch allerdings nicht. In strittigen Punkten muss der Autor dann alleine die Verantwortung für seine Veröffentlichung tragen und wird nicht durch seine Arbeitgeberin gedeckt. Doch keineswegs will sie den brisanten Stoff verhindern.



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