Stasi-Unterlagen Mielkes Geschichte im Koffer

Erich Mielkes roter Koffer ist heimgekehrt. Am Dienstag wurde das berüchtigte Gepäckstück der Birthler-Behörde übergeben, die im einstigen Berliner Stasi-Gebäude residiert - dort, wo der Koffer einst gefunden wurde. In ihm hatte der Geheimdienstchef brisantes Material über Erich Honecker aufbewahrt. Aber wozu?

Von Christiane Wolters


Übergabe: Mielkes roter Koffer geht an die Birthler-Behörde
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Übergabe: Mielkes roter Koffer geht an die Birthler-Behörde

Berlin - "Wenn das der Honecker noch erlebt hätte", raunte jemand im Raum, als das legendäre Relikt des ehemaligen DDR-Geheimdienst-Chefs Erich Mielke am Dienstagabend an die Birthler-Behörde übergeben wurde: ein Koffer aus rotem Kunstleder, nicht besonders groß und mit abgestoßenen Ecken.

So banal das Äußere, so sagenumwoben ist der Inhalt: In dem Koffer hatte Mielke jahrelang Unterlagen über seinen Weggefährten Honecker aufbewahrt, die diesen mit Sicherheit in Erklärungsnot gebracht hätten. Ob Mielke Honecker sogar erpressen wollte, ist bis heute nicht geklärt.

Wie verhielt sich Honecker in der Gestapo-Haft?

Dabei geht es hauptsächlich um Prozessakten aus den Jahren 1935 bis 1937. Honecker war damals zusammen mit anderen Mitgliedern des Kommunistischen Jugendverbands (KJVD) verhaftet worden. Die SED-Geschichtspropaganda hatte später eifrig am Bild vom heldenhaften Widerstandskämpfer gebastelt und dabei immer wieder auf seine Zeit in Gestapo-Haft verwiesen. Honecker selbst hat diesem sorgfältig gezeichneten Bild - etwa in seiner Biografie "Mein Leben" - nie widersprochen.

Die Unterlagen, die Erich Mielke in seinem roten Koffer aufbewahrte, werfen jedoch Schatten auf den "antifaschistischen" Helden Honecker. Zwei Stasi-Einschätzungen beschäftigen sich mit den Aussagen, die Honecker in den Gestapo-Verhören machte. Unter anderem heißt es dort: "Honecker war in seinen Aussagen nicht so zurückhaltend." So sei etwa eine Kurierin aus Prag "erst durch Honeckers Aussagen in die akute Gefahr der Verurteilung" geraten.

Hatte Honecker unter dem Druck der Verhöre geredet, um seinen Kopf zu retten? Fest steht, dass es Honecker im Zuchthaus in Brandenburg-Görden bis in die gehobene Stellung eines Kalfaktors schaffte, bis er 1945 schließlich von der Roten Armee befreit wurde.

Das Verhältnis der beiden Erichs

Seit der Rote Koffer 1990 im Panzerschrank im Büro von Erich Mielke gefunden wurde, fragt man sich, mit welcher Absicht der Stasi-Chef diese Unterlagen persönlich aufbewahrte und wie das Verhältnis der "beiden Erichs" wirklich war.

Hatte der "kleine Erich" den "großen Erich" in der Hand? Wollte Mielke Honecker erpressen? Dieser Verdacht hat viel zum Mythos des roten Koffers beigetragen und beruht vor allem auf der Politbürositzung vom 17. Oktober 1989, in der es um die Absetzung Honeckers ging. Nachdem Honecker sich zunächst geweigert hatte zurückzutreten, habe Mielke ihn angeschrieen, erinnern sich Teilnehmer. Folgender Wortlaut ist überliefert: "Erich, wenn du nicht zurücktrittst, dann sage ich hier Dinge, die ich eigentlich mit ins Grab nehmen wollte." Honecker trat wenig später ab, der Rest ist Geschichte.

Der Verdacht, dass Mielke mit seiner Drohung auf den Inhalt des Koffers anspielte und Honecker damit erpressen wollte, wurde erst später in einer Fernsehreportage thematisiert und hält sich seitdem hartnäckig. Bei der Kofferübergabe am Dienstag in Berlin beurteilten die Experten die Brisanz der Unterlagen hingegen etwas nüchterner.

Beide hatten Leichen im Keller

Erich Mielke: "Auf so etwas würde ich nie kommen"
DPA

Erich Mielke: "Auf so etwas würde ich nie kommen"

Der rote Koffer habe auch zu Mielkes Selbstschutz gedient, sagte Norbert Pötzl, SPIEGEL-Redakteur und Autor des Buches "Erich Honecker. Eine deutsche Biographie". Denn auch der Stasi-Chef, der gegenüber Honecker stets gebuckelt habe, habe seine Vita - etwa seine Rolle im spanischen Bürgerkrieg - geschönt, und Honecker habe davon gewusst. "Leichen hatten beide im Keller, und beide wussten davon", so Pötzl. In einem Interview auf den mutmaßlichen Erpressungsversuch angesprochen, habe Mielke später abgewinkt: "Das ist doch Unsinn, auf so etwas würde ich nie kommen."

Auch Peter Przybylski, Autor von "Tatort Politbüro" und ehemaliger Staatsanwalt bei der DDR-Generalstaatsanwaltschaft, meint, die Drohungen Mielkes hätten sich nicht auf den Koffer bezogen, denn Honecker habe den Inhalt offenbar gekannt. Er habe die Akten selbst angefordert, als er in den siebziger Jahren seine Biografie schreiben wollte. "Wir haben den Inhalt des Koffers damals maßlos überschätzt", so Przybylski.

Immer wieder kommt daher auch die Frage auf, ob es möglicherweise noch andere Unterlagen gab, die verloren gegangen sind - entweder, bevor der Koffer 1990 gefunden wurde, oder danach bei seinem abenteuerlich anmutenden Weg durch die verschiedenen Behörden bis ins Bundesarchiv.

"Er kommt nicht von dem Mädel los"

Im Bundesarchiv und in der Behörde der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdiensts (BStU), die nun beide über die Unterlagen verfügen, geht man jedenfalls davon aus, dass der Inhalt vollständig ist. Neben den Prozessakten findet sich unter anderem auch ein Brief von Edith Baumann, der ersten Frau Erich Honeckers, aus dem Jahr 1950. Darin bittet sie den damaligen SED-Chef Walter Ulbricht, eine Nebenbuhlerin zu versetzen, um Honecker deren Einfluss zu entziehen. "Es frisst wie ein Feuer in ihm, er kommt nicht von dem Mädel los", heißt es da. Der Name des "Mädels": Margot Feist, die spätere Margot Honecker.

Wenn auch die Bedeutung des Gepäckstücks und die Drohung Mielkes heute allgemein nüchterner eingeschätzt werden als noch 1990 - der Mythos roter Koffer bleibt bestehen. "Es ist immer spannend, wenn man nicht genau weiß, was hinter einer Sache steckt", sagt Angelika Menne-Haritz vom Bundesarchiv.

Davon kann sich nun jeder selbst ein Bild machen: der Koffer und sein Inhalt werden im Informations- und Dokumentationszentrum der BStU in der Mauerstraße ausgestellt. Außerdem kann man den Inhalt in einem Online-Findbuch auf der Webseite des Bundesarchivs einsehen: unter http://www.bundesarchiv.de.



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