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Stasi-Vorwürfe: Strafanzeige gegen Ohnesorg-Todesschützen

Strafanzeige 42 Jahre nach der Tat: Karl-Heinz Kurras hat 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen. Jetzt wurde bekannt, dass der Schütze ein Stasi-Spion gewesen sein soll - Opferverbände fordern neue Ermittlungen.

Berlin - Der Fall ist 42 Jahre her, hat die Geschichte der Bundesrepublik verändert - und wurde nie restlos aufgeklärt. Am 2. Juni 1967 wurde Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras in West-Berlin erschossen. Die Kugel traf den jungen Studenten in den Kopf. Der Schütze wurde in zwei Verfahren 1967 und 1970 vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung freigesprochen - jetzt gibt es neue Erkenntnisse, dass Kurras für die DDR-Staatssicherheit gearbeitet haben und Mitglied der SED gewesen sein soll.

Nach Bekanntwerden dieser Erkenntnisse wurde jetzt gegen Kurras erneut Strafanzeige gestellt. "Mord verjährt nicht", begründete Carl-Wolfgang Holzapfel in einer Pressemitteilung seinen Vorstoß. Der Vorsitzende der Vereinigung 17. Juni und stellvertretende Bundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus fordert, die Ermittlungen gegen Kurras müssten so schnell wie möglich wieder aufgenommen werden.

Die neuen Vorwürfe gegen Kurras stammen von zwei Mitarbeitern der Stasiunterlagenbehörde in Berlin, Helmut Müller-Enbergs und Cornelia Jabs. Aus den insgesamt 17 Aktenbänden der Birthler-Behörde geht unter anderem hervor, dass sich Kurras am 26. April 1955 schriftlich zur Kooperation und Konspiration für den DDR-Staatssicherheitsdienst verpflichtet hatte.

Er erhielt demnach den Decknamen IM "Otto Bohl" und erklärte sich bereit, der Stasi Informationen aus der Westberliner Polizei zukommen zu lassen. 1962 habe er einen Antrag auf Mitgliedschaft in der SED gestellt, in die er nach einer zweijährigen Kandidatenzeit 1964 endgültig aufgenommen worden sei.

"Nicht plausibel, dass er jemanden erschießen sollte"

Im "Heute Journal" des ZDF sagte Müller-Enbergs am Donnerstagabend, es gebe keine Hinweise darauf, dass Kurras von der Stasi mit dem Schuss auf den Studenten beauftragt worden sei, "und es erscheint auch nicht plausibel, dass er jemanden erschießen sollte".

Nach dem Tod Ohnesorgs war die DDR dem Bericht zufolge besorgt, dass die Stasi-Mitarbeit auffliegen könnte. Das Ostberliner Ministerium für Staatssicherheit (MfS) habe nach dem Tod des Studenten an Kurras gefunkt: "Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall."

Gegenüber dem "Tagesspiegel" stritt Kurras ab, jemals mit dem MfS kooperiert zu haben. Der ehemalige Polizist ist heute 81 Jahre und lebt im Berliner Bezirk Spandau.

Die Schüsse auf Ohnesorg gelten als Zäsur für die bis dahin meist friedliche Protestbewegung in der Bundesrepublik. In der zeitgeschichtlichen Forschung gibt es wenig Zweifel, dass Ohnesorgs Tod zur Radikalisierung der damaligen Außerparlamentarischen Opposition (Apo) und zur Entstehung des Terrorismus in der Bundesrepublik beigetragen hat.

sac/dpa/AP

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2. Juni 1967: Die Nacht, in der Benno Ohnesorg starb


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