Statisten für US-Armee Araber, bitte zum Casting!

In einem Mini-Irak mitten in Bayern bittet die US-Armee Statisten aufs simulierte Schlachtfeld. Sie sollen den Soldaten Respekt und zwischenmenschliche Regeln beibringen - jetzt werden in Castings 600 Araber gesucht.

Von Christian Fuchs


Berlin - Vormittag in der Nestorstraße in Berlin. Ein blau verspiegeltes Haus gegenüber der Kfz-Prüfstelle. Den Weg in die zweite Etage weisen Hinweisschilder: "Casting/Info Statisten". In einem weißen leeren Raum sitzen 29 arabischstämmige Männer und zwei Frauen. Vorn steht ein hagerer Deutscher, der mit leiernder Stimme die Muslime im Raum für einen Spezialjob bei der US-Armee werben soll.

Anzeige: US-Armee sucht arabisch sprechende Statisten

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Gleich am Anfang fragt er: "Haben Sie etwas dagegen, mit Amerikanern zusammenzuarbeiten?" Einige Interessenten beantworten die Frage, indem sie ihren Mantel nehmen und den Raum verlassen. "Sie können jederzeit gehen", ruft der deutsche Mann vorn etwas hilflos in den Raum.

Die US-Armee sucht derzeit 600 Statisten, die arabisch sprechen - unter anderem durch Anzeigen wie in der Berliner Boulevardzeitung "B.Z." (siehe links), mit der zum Job-Casting in der Nestorstraße geladen wurde. Solche Veranstaltungen finden derzeit in mehreren deutschen Großstädten statt.

Vom 20. März bis 11. April will die US-Armee die Lage im Irak simulieren, und dafür braucht sie realistisches Flair. Die Araber sollen drei Wochen lang ohne Unterbrechung im "Hohenfels Combat Maneuver Training Center" leben – mitten in der Oberpfalz in Bayern, zwischen Nürnberg und Regensburg.

Auf dem 16.000-Hektar-Truppenübungsplatz gibt es zehn künstlich angelegte Dörfer, schon öfter haben dort solche Simulationen stattgefunden. Die Statisten sollen 24 Stunden am Tag "eine Rolle als Araber im Irak" spielen, sagt der Caster in Berlin. Die Frauen müssen Kopftuch tragen, die Männer Turbane. Es gibt eine Moschee, einen Puff, viele Baracken und Schlafsäle für die "Zivilisten auf dem Gefechtsfeld" ("Civilians on the Battlefield (COB)") - so heißen die Statisten im Militärjargon.

Ihre Aufgabe: Bürgermeister, Terroristen, schwangere Frauen oder Händler spielen. Die US-Einheiten sollen in den Übungen bestimmte Aufgaben erfüllen. Die Hauptaufgabe der Zivilisten wird es sein, die US-Soldaten nicht zu verstehen.

Mini-Irak mitten in Bayern

: Die Verantwortung für die Sicherheit im Land soll immer stärker an die Iraker übergeben werden. Außerdem will Bush weitere 21.500 Soldaten nach Bagdad schicken.

Gerade Letzteres zielt darauf, "die Stadt auch im Häuserkampf wieder unter Kontrolle zu bringen" - so drückt es Benjamin Schreer aus, Experte der Forschungsgruppe Sicherheitspolitik bei der Stiftung Wissenschaft und Politik. "Besonders schwierig wird es, größere Menschengruppen in einem urbanen, kulturell fremden Umfeld unter Kontrolle zu bekommen." Oft schießen Angreifer aus einer Menschenmasse auf die US-Truppen. Genau für solche Situationen sollen nun die Soldaten mit den Statisten trainieren. "Ein Szenario wird sein, dass 150 Leute eine Massendemo nachstellen", sagt der Statisten-Werber in Berlin.

Außerdem sollen die Soldaten im Umgang mit Arabern geschult werden: "Ihnen sollen Regeln und Respekt beigebracht werden." Viele von ihnen wüssten sich vor solchen Übungen in fremden Kulturen einfach nicht zu benehmen. Kein Wunder - die meisten der 19- bis 24-jährigen US-Soldaten haben nie zuvor ihre Heimat verlassen. Wenige Wochen nach dem Trainingslager in Deutschland sollen sie dann schon im Irak kämpfen.

Bernhard Bergbauer hat 2003 an einer der früheren Irak-Übungen in Hohenfels teilgenommen. Er sagt im Dokumentarfilm "Weltverbesserer auf dem Schlachtfeld" über die US-Soldaten: "Die konnten einiges lernen. Sie wissen danach, dass man zu einem Scheich nicht sagt 'I don't fucking care who you are!' ('Ich schere mich verdammt noch mal nicht darum, wer du bist!')." Stattdessen wüssten sie, "dass das eine wichtige Persönlichkeit ist, die man mit Respekt behandelt, und dass man bei Demonstrationen einfach die Ruhe bewahren muss."

Manchmal zweifelt Bergbauer allerdings am Sinn solcher Trainings: "Dann hört man, dass drei Zivilisten bei einer Demonstration im Irak erschossen wurden", sagt er. "Da stellt sich die Frage, ob es wirklich was bringt."

Sich erschießen lassen für 90 Euro Tageslohn

In der Berliner Nestorstraße entspinnt sich nach der Einführung des Statisten-Werbers eine Debatte. Ein Libanese will wissen, wie die Rollenspieler abgesichert sind - und ob zur Sicherheit die Presse bei den Trainings zugelassen ist. "Wer garantiert denn, dass uns geholfen wird, wenn die Amerikaner einen Fehler machen?", ruft er in den Raum. "Was kümmert die Amis schon ein toter Araber!" Es wird unruhig. "Nein, kein Wort von der Aktion wird nach außen dringen, es sind keine Medien dort", sagt der deutsche Mitarbeiter. "Sie sind aber bei einer deutschen Firma angestellt. Es gelten höchste Sicherheitsvorkehrungen."

Zu diesem Zeitpunkt hat schon mehr als die Hälfte der Araber den Raum verlassen. Sie wollten zum Film - aber dieses Angebot scheint ihnen so gar nicht verlockend: 21 Tage zwischen Rauch- und Blendgranaten, camouflierten Army-Jeeps und Blackhawk-Hubschraubern, bis man mit Infrarotgewehren zum Schein erschossen wird. Manche Einsatztage dauern zehn Stunden, andere gehen rund um die Uhr.

Der Lohn ist für viele nicht überzeugend. Pro Tag erhält ein Statist 90 Euro. Wer vorzeitig abreist, bekommt noch weniger.

Der Palästinenser Mohamad Kabouli lässt sich davon nicht abschrecken - er ist einer der Bewerber, die sitzen geblieben sind. "Ich würde alles machen, was ich kriege", sagt der kaufmännische Assistent. Er ist arbeitslos und hat eine Familie zu versorgen. Zu den USA hat der 27-jährige Muslim ein "normales Verhältnis", sagt er.

Er bekommt die Basisinformationen, muss dann einen "Evaluationsbogen" ausfüllen. Danach folgt ein Deutsch- und Englischtest. Später, bei der Vertragsunterzeichnung, muss er außerdem ein polizeiliches Führungszeugnis, seinen Sozialversicherungsausweis, einen Krankenkassennachweis und die Lohnsteuerkarte einreichen.

Zu viele Vorbehalte, zu hohe Anforderungen

Das Casting in Berlin wird organisiert von der Firma "b.o.r.k. Dienstleistungen GmbH". Sie hat zusammen mit der "Detektei - Service und Sicherheit" den Auftrag der US-Armee - und schweigt über Details ihrer Tätigkeit. Man will nicht in die Schlagzeilen geraten wie die Firma "Optronic GmbH & Co", die bis 2005 die Castings organisierte.

Seit 1999 war dieses Unternehmen im US-Auftrag tätig und machte keine schlechten Geschäfte: Die "taz" vermutet, dass Firmeninhaber Hans-Werner Truppel mehr als 3000 Statisten für die Rollenspiele auf dem Schlachtfeld organisierte und zehn Millionen Euro jährlich von den US-Militärs erhielt. 2002 versuchte er jedoch, 22 Tonnen nahtloser Aluminiumrohre zur Herstellung von waffentauglichem Uran nach Nordkorea zu schmuggeln (SPIEGEL 39/2003). Nach mehr als einem Jahr Untersuchungshaft wurde Truppel wegen Verstoßes gegen das Außenwirtschaftsgesetz und "versuchter Förderung der Herstellung einer Atomwaffe" im Mai 2004 zu vier Jahren Haft verurteilt. Danach schrieb die Armee den Casting-Auftrag 2005 neu aus.

Seit 2003 trainiert das US-Militär mit muslimischen Statisten. "Die in Deutschland zu finden, ist gar nicht so einfach", sagt Timothey L. Good, der für die "Zivilisten auf dem Gefechtsfeld" zuständig ist. Es sind nicht nur die Anforderungen an die Laiendarsteller zu hoch, sondern auch die Vorbehalte gegenüber den USA zu groß.

Das muss am Ende des Vormittags auch der Statisten-Werber in Berlin feststellen. In dem kahlen Raum in der Nestorstraße 36 sitzen noch vier ernsthafte Interessenten.



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