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Statistik 2007: So kriminell ist Deutschland

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Immer mehr Jugendliche sind gewalttätig - das ist die wichtigste Erkenntnis der neuen Kriminalstatistik. Besonders auffällig ist der Anstieg bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen auch unter Mädchen. SPIEGEL ONLINE zeigt, wo Deutschlands Kriminalitätshochburgen sind.

Hamburg/Berlin - Jugendliche, die im Bus oder der U-Bahn Fahrgäste angreifen. Jugendliche, die in der Disco mit dem Messer auf andere losgehen. Jugendliche, die im Fußballstadion randalieren.

Kaum ein Tag vergeht, ohne solche Nachrichten - laut der neuen Kriminalstatistik ist die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen 2007 deutlich im Vergleich zum Vorjahr deutlich gestiegen, teilte Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble am Donnerstag in Berlin mit. Der Bericht, den Schäuble zusammen mit seinem brandenburgischen Kollegen und CDU-Parteifreund Jörg Schönbohm vorstellte, weist bei Jugendlichen zwischen 14 und 18 Jahren einen Zuwachs von 4,9 Prozent an Gewaltkriminalität aus. Bei gefährlichen und schweren Körperverletzungen sind es sogar 6,3 Prozent.

Die Gewerkschaft der Polizei GdP, zeigt sich alarmiert, ebenso Schäuble: "Wir dürfen uns nicht damit abfinden, dass es eine wachsende Neigung zur Gewalt gibt." Gefordert seien dabei nicht nur die Polizei, sondern auch Eltern, Schulen und die Gesellschaft.

Die Entwicklung zeige, "dass bei Teilen der Jugendlichen eine erhöhte Gewaltbereitschaft bei gesunkener Hemmschwelle und teilweise brutalem Vorgehen festzustellen ist", heißt es in dem Bericht. Alkohol erweise sich dabei "als Gewaltkatalysator".

Schleswig-Holsteins SPD-Chef Ralf Stegner ist über die Zahlen nicht überrascht. "Auch wenn man grundsätzlich bei Statistiken vorsichtig sein muss, weil es mitunter besondere Ausschläge gibt - dieser Trend macht mir schon Sorge", sagte der Innenexperte SPIEGEL ONLINE: "Angesichts dieser Zahlen brauchen wir eine bessere Zusammenarbeit, vor allem zwischen Polizei, Jugendhilfe und Eltern." Das würde auch bei der Prävention helfen, meint Stegner: "Da gibt es erheblich Defizite." Neue Gesetze seien dafür nicht notwendig, glaubt der Ex-Innenminister Schleswig-Holsteins: "Wir müssen das existierende Recht konsequenter anwenden." Vor allem an einem Punkt: "Die Strafe muss auf den Fuß folgen." Darin ist sich der Sozialdemokrat mit CDU-Mann Schäuble einig, der ebenfalls raschere und konsequentere Strafen fordert.

Allerdings weist Stegner auf einen weiteren Punkt hin: "Wir müssen den jungen Leuten auch bessere Perspektiven aufzeigen." Wer gebraucht werde, "der reagiert sich weniger an anderen ab", sagt der SPD-Politiker. So sei auch zu erklären, dass laut Statistik im Bereich Körperverletzung der Anteil unter nichtdeutschen Jugendlichen deutlich höher sei als bei deutschen. "Holzhammermethoden bringen da gar nichts", sagt er. Auch Innenminister Schäuble verwies darauf, dass Jugendkriminalität weniger mit der Nationalität eines Teenagers zu tun habe als mit der Tatsache, wie gut er in die Gesellschaft integriert sei.

Wie die Kriminalstatistik 2007 zeigt, scheint dies auch zunehmend für junge Frauen zu gelten. "Inzwischen ist auch eine steigende Gewaltbereitschaft junger Mädchen festzustellen", heißt es in dem Bericht. Demnach hat die Gewaltkriminalität weiblicher Jugendlicher um 4,9 Prozent zugenommen. Für Innenexperte Stegner ebenfalls eine besorgniserregende Erkenntnis - aber zudem "ein Stück negativer Normalisierung". Insbesondere im Umfeld von Hooligans sei zu beobachten, dass man junge, noch nicht strafmündige Frauen einbeziehe.

Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2007
Inhalt 2007 2006
Straftaten insgesamt, erfasste Fälle 6.284.661 6.304.223
Straftaten insgesamt, aufgeklärte Fälle 3.456 485 3.492.933
Gewaltkriminalität insgesamt 217.923 215.471
Vorsätzliche leichte Körperverletzung 368.434 359.901
Straßenkriminalität 1.568.124 1.557.626
Diebstahlskriminalität 2.561.691 2.601.902
Betrug 912.899 954.277
Sachbeschädigung 795.799 761.117
Beleidigung 193.092 187.527
Wirtschaftskriminalität 87.934 95.887
Computerkriminalität 62.944 59.149
Veruntreuungen 37.075 40.095
Insolvenzstraftaten nach StGB 5.484 6.032
Straftaten i.Z.m. Urheberrechtsbestimmungen 32.374 20.943
Straftaten nach dem Arzneimittelgesetz 2.397 2.316
Rauschgiftdelikte insgesamt 248.355 255.019
Umweltkriminali tät insgesamt (StGB) 16.528 17.305
Quelle: "Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2007"

Jedoch zeigt die Statistik für jugendliche Tatverdächtige auch einen positiven Trend: Insgesamt wurden im vergangenen Jahr 277.447 von ihnen ausgemacht - das sind 0,4 Prozent weniger als 2006.

Und es gibt eine weitere positive Botschaft: Deutschland wird insgesamt sicherer. So wurden 2007 insgesamt 6.284.661 Straftaten registriert, immerhin ein Minus von 0,3 Prozent zum Jahr zuvor und 6,9 Prozent weniger als 1993. Besonders stolz sind Schäuble und Schönbohm auf ihre fleißigen Ermittler: Deren Aufklärungsquote lag bei 55 Prozent - das ist der zweitbeste Wert der letzten 14 Jahre.

Ein deutliches Minus gab es auch bei den Rauschgiftdelikten: 248.355 Fälle bedeuten 2,6 Prozent weniger. Rückgänge waren bei Heroin (minus zwei Prozent), Kokain (minus 7,2 Prozent) und bei Cannabis (minus 4,9 Prozent) zu verzeichnen. Verstöße mit Amphetaminen einschließlich Ecstasy nahmen dagegen wieder um 6,3 Prozent auf 33.482 Fälle zu.

Rückläufig sind außerdem die Fallzahlen beim Ladendiebstahl (minus 6,7 Prozent) und Taschendiebstahl, wo 8,8 Prozent weniger Delikte gezählt wurden. Beim Autodiebstahl gab es ein Minus von 6,8 Prozent, offensichtlich wegen immer besserer Diebstahlsicherungen. Erstmals sanken auch die über Jahre gestiegenen Betrugsfälle, und zwar um 4,3 Prozent auf rund 913.000. Wesentliche Ursache waren starke Rückgänge beim Beteiligungs- und Anlagebetrug sowie beim Betrug mit gestohlenen EC-Karten. Für CDU-Politiker Schönbohm, Vorsitzender der Länder-Innenministerkonferenz, ein sehr erfreuliches Signal: Deutschland sei im vergangenen Jahr "wieder ein Stück sicherer für die Menschen geworden", sagt er.

Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2007 - Tatverdächtige
Tatverdächtige 2007 2006
insgesamt 2.294.883 2.283.127
davon:  
männlich 1.740.146 1.733.078
weiblich 554.738 550.049
 
deutsche 1.804.605 1.780.090
nichtdeutsche 490.278 503.037
 
Kinder 102.012 100.487
Jugendliche 277.447 278.447
Heranwachsende 242.878 241.824
Erwachsene 1.672.546 1.662.369
Quelle: "Polizeiliche Kriminalitätsstatistik 2007"

In mehreren Bereichen zeigt der Bericht jedoch auch eine Zunahme der Straftaten. Gestiegen ist die Straßenkriminalität, insbesondere die Sachbeschädigungen im öffentlichen Raum, dieser Wert stieg von 2006 auf 2007 um zehn Prozent. Noch deutlicher ist der Anstieg bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung mit einem Plus von 11,1 Prozent auf knapp 66.800 Fälle.

Wer besonders friedlich leben möchte, sollte übrigens nach Wuppertal ziehen: In der Stadt im Bergischen Land kommen auf 100.000 Einwohner 7799 Straftaten - der niedrigste Wert in Deutschland. Am ungemütlichsten ist es dagegen der Statistik zufolge in Schwerin. Dort leben zwar nur gut 96.000 Menschen - aber auf 100.000 Einwohner hochgerechnet kommt Mecklenburg-Vorpommerns Hauptstadt auf den deutschen Spitzenwert von 17.489 Straftaten.

Mit Material der Agenturen

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