Steinbrück-Wahlkampf in Bayern: Auf zum Lusen

Von , Neuschönau

DPA

Mal Botanikexperte, mal Partnerschaftsberater: Peer Steinbrück übernimmt bei seiner Wahlkampftour im Bayerischen Wald viele Rollen. Anstrengender als der Aufstieg sind für den SPD-Kanzlerkandidaten die hartnäckigen Kamerateams, die ihn Schritt für Schritt begleiten.

Die CSU ist schon vor ihm auf dem Berg und hat ein paar kleine Gehässigkeiten für Peer Steinbrück mitgebracht. "Damit ihr uns nicht ROT werdet", steht auf den Sonnencremetuben, außerdem hat die bayerische Junge Union (JU) ein bedrucktes Plakat in der Parteifarbe der Sozialdemokraten entrollt: "Der Gipfel ist erreicht! Ab jetzt geht es für die SPD nur noch bergab." Sie habe eine "kleine Abordnung" mitgebracht, sagt die bayerische JU-Chefin Katrin Albsteiger auf dem Lusen. Steinbrück nimmt das sehr gelassen.

Es gibt an diesem Tag bei seinem Ausflug auf den 1373 Meter hohen Berg nicht weit von der tschechischen Grenze größere Herausforderungen für den SPD-Kanzlerkandidaten. Etwa die gefühlt Dutzend Kamerateams, die praktisch jeden Schritt des früheren Finanzministers aufnehmen wollen und ihm damit manchmal zügiges Gehen erschweren. "Reicht das nicht mal?", grantelt Steinbrück. Oder die Sonne, die vor allem beim letzten und ungeschützten Anstieg über Geröll und Felsplatten ihre volle Wucht entfaltet. Der Kanzlerkandidat trägt ein beigfarbenes Polohemd, helle Hosen, dazu einen Sonnenhut, trotzdem kommt er irgendwann ins Schwitzen. Insgesamt geht es rund eineinhalb Stunden aufwärts, der Weg ist nicht sonderlich anspruchsvoll, angesichts der Hitze für den Gelegenheitssportler Steinbrück aber dennoch keine Kleinigkeit.

Steinbrück macht Wahlkampf in Bayern, für seine Parteifreunde im Freistaat, die am 15. September zur Landtagswahl antreten. Vor allem aber für sich selbst und seinen Versuch, Angela Merkel am 22. September aus dem Kanzleramt zu drängen.

Rita von der SPD stimmt zu

Umfragen zufolge ist das angesichts des klaren Vorsprungs der Union ein ziemlich ambitionierter Versuch. Offenbar so kühn, dass Florian Pronold, SPD-Chef in Bayern und Mitglied in Steinbrücks Kompetenzteam, die Mitwanderer darauf hinweist, nur Menschen mit mäßigen Englischkenntnissen würden den Namen des Berges (Lusen) mit einem englischen Wort in Verbindung bringen, das Pronold dann lieber gar nicht erst ausspricht. Gemeint ist natürlich das Verb "to lose" - verlieren. Und die SPD will kein Loser sein. Lusen bedeute so viel wie "zuhören", sagt also Pronold, damit es hier zu keinen komischen Vergleichen kommt.

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Wahlkämpfer Steinbrück: Ein Schnaps auf dem Gipfel
Zuhören kann dann zum Beispiel eine Frau, die Rita von der SPD sein muss, jedenfalls stehen der Name und die Buchstaben auf ihrem T-Shirt: In Bayern gebe es zehn Millionen Wahlberechtigte, sagt ihr Steinbrück beim Aufstieg, das sei wichtiges Potential. Ohne ein starkes Ergebnis in Bayern sei bei der Bundestagswahl nichts zu machen. "Da kann man in Hamburg und Schleswig-Holstein so gut abschneiden wie man will", sagt Steinbrück. Rita von der SPD stimmt zu.

Natürlich hat er als Wahlkämpfer Kritik am politischen Gegner dabei. Zum einen für Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU), dessen "Glaubwürdigkeit, Solidität und Verlässlichkeit" Steinbrück in Frage stellt. Er habe keinen Politiker kennengelernt, "der seine Meinung so schnell wechseln kann wie Horst Seehofer", sagt Steinbrück. Und dann ist da seine eigentliche Konkurrentin, Kanzlerin Angela Merkel: In der Aufarbeitung der Abhöraffäre des US-Geheimdienstes NSA warte die Kanzlerin "einfach ab, was ihr die Amerikaner für Informationen geben. Das ist zu wenig".

Sätze aus dem Fundus eines jeden Wahlkämpfers

Von den dürftigen Umfragewerten will sich der Wahlkämpfer Steinbrück nicht irritieren lassen. "Hören Sie doch auf mit Ihrer Fixierung auf Umfragen", sagt er genervt einem Journalisten. Es folgen Sätze aus dem Repertoire eines jeden Wahlkämpfers: Die Wähler würden sich immer später entscheiden, in Bayern etwa reiche "ein Swing" von wenigen Prozenten, das Potential der SPD sei für beide Wahlen "noch längst nicht ausgeschöpft", es sei "noch nichts entschieden".

Ansonsten zeigt sich der 66-Jährige bei seiner Gipfeltour entspannt. Plaudert mit einem Hundebesitzer über das dichte Fell seines Samojeden ("schönes Tier"), gibt sich als Waldexperte zu erkennen ("Fichte ist das am schnellsten wachsende Holz") und besänftigt einen bayerischen Mitwanderer. Der Mann erzählt Steinbrück, dass er jetzt bei der Urlaubsplanung einen "Zielkonflikt" habe, weil er eine Frau aus dem Norden kennengelernt habe, die kein großes Interesse an den Bergen habe. "Das wird aber funktionieren", sagt Steinbrück. "Warum?", fragt der Mann. Er sei als Hamburger auch mit einer Rheinländerin zusammen, sagt Steinbrück.

Ankunft auf dem Gipfel. Seine Parteifreunde haben eine Flasche Schnaps mitgenommen, auch das hält Steinbrück jetzt noch aus. "Ok, weg damit", sagt er und greift zum Glas.

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insgesamt 29 Beiträge
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1. Auf zum loosen..
analyse 01.08.2013
kleine Korrektur,da ihr euch verschieben habt!
2. Die Überschrift: Herrlich!
Pless1 01.08.2013
welche ein nettes Wortspiel den Spiegel Redakteuren da gelungen ist. Vielleicht sollte sich auch Brüderle mal auf einen passenden Berge begeben. Nicht allzuweit seiner Heimat liegt schon einer. Die Hohe Acht. Das wäre zwar arg ambitioniert, aber ich kenne keinen, der "Die geliehene Sechs" heißt.
3. Toll Peer weiter so
hidra 01.08.2013
Habe gerade die neueste Statistik der Wahlwetten angesehen. Verstehe jetzt warum so viele CDU Anhaenger bittere Kommentare im SPON zu vielen Fragen abliefern. Helmut Schmidt hatte recht Dich als Kandidat zu empfehlen. Wichtige Punkte Klartext zu allen und jeden , soziales Gewissen, durchdachte Euro und Europapolitik, Zaehmung der Bankenwelt, Verhinderung der moeglichen Inflation, Verhinderung steigender Arbeitslosenzahlen durch Investitionsprogramme, Ausarbeitung von Konzepten mit SchuldnerLaendern und vertreaglichere Wege ohne den Deutschen Steuerzahler zu sehr zu belasten, Ueberdenkung der EU Erweiterung, vor allen unter welchen pol. und oekonomischen Voraussetzungen . Zu diesen Fragen wollen die Buerger antworten und klare Aussagen . Stillsein reicht nicht. Eure Plakate treffen den Kern.
4. Auf zum Lusen....
Watschn 01.08.2013
.....auf..für den Luschen...
5. sooo peinlich
andimey3 01.08.2013
ich kann mir nicht helfen, aber Steinbrück-Artikel kann ich nicht ohne starkes Fremdschämen lesen. Der letzte Politiker, den ich so peinlich fand, war Franz-Josef Strauss. Aber der hat wenigstens keine halben Sachen gemacht, sondern gleich hunderte Millionen D-Mark zusammengerafft, wo Steinbrück mit seiner Kleinkunst bankrotte Stadtwerke abkassiert oder sich bei Versammlungen der Finanzbranche anbiedert. Strauss war außerdem rhetorisch begnadet und intelligent.
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