Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

S.P.O.N. - Der Schwarze Kanal: Die SPD und das Stefan-Raab-Problem

Eine Kolumne von

Nirgendwo wird der sogenannte kleine Mann so heftig ans Herz gedrückt wie im linken Milieu. Aber wehe, er kommt den Wortführern dort wirklich nah. Dann reagiert man mit Abwehr und Spott.

Metzgergeselle. In diesem Wort liegt bereits die ganze Verachtung gegenüber dem Emporkömmling, von dem man wünscht, er bliebe dort, wo er herkommt. Stefan Raab war einer der Moderatoren des TV-Duells, vor 23 Jahren hat er eine Lehre als Metzger absolviert. Das reichte, um ihn als Fehlbesetzung zu empfinden.

"Auch ein Metzgergeselle darf diesmal das Duell zwischen Kanzlerin und Kandidat leiten", schrieb Kurt Kister, der Chefredakteur der "Süddeutschen Zeitung", am Tag vor der Ausstrahlung. Beim nächsten Mal werde das Fernsehduell sicher "von den Geissens sowie Angehörigen der Familie Katzenberger moderiert, weil die auch ganz neue Zuschauerschichten erreichen". In der Chefredaktion der "Süddeutschen" ist es offenbar ein Makel, wenn man Leute für Politik interessiert, die sich sonst nicht dafür interessieren würden.

Auch Stewardess ist kein Beruf, den man als Moderator ausgeübt haben sollte. Sabine Christiansen wurde bis zum Schluss ihrer Karriere den Vorwurf nicht los, dass sie bei der Lufthansa als Flugbegleiterin gearbeitet hatte, bevor sie zur ARD wechselte. Ihre Zuschauer hat das nie gestört, aber dafür umso mehr die Angehörigen der deutschen Feuilleton-Etage, in der ihre Auftritte als "Sendung mit der Maus" (SPIEGEL 41/1987) verspottet wurden.

Dünkel ist eine bemerkenswerte Position für Leute, die ständig das Los der unteren Schichten beklagen und die Schließung der sozialen Schere fordern. Es kommt eben darauf an, von wo jemand aufsteigt beziehungsweise mit welcher Gesinnung. Sabine Christiansen wäre sicher auch ihre Stewardess-Vergangenheit verziehen worden, wenn sie sich immer brav zu den Grünen bekannt hätte.

Die kleinen Leute als Wahlkampfmaterial

Auf der Linken versteht man sich traditionell als Anwalt des Volkes, man möchte ihm nur nicht zu nahe kommen. Auch links der Mitte bleibt man in den arrivierten Kreisen am liebsten unter sich. Man lebt in denselben Vierteln, teilt dieselben Vorbehalte und Vorlieben, schickt seine Kinder in dieselben Kindergärten und Schulen. Umgekehrt ist das Erschrecken groß, wenn man dann doch einmal auf Vertreter der Welt trifft, die man in politischen Reden ständig ans Herz drückt. Manchmal reicht dafür schon ein Bild.

"Die Haarschnitte wirken seltsam schief", hieß es vor vier Wochen im treulinken Feuilleton der "FAS" in einer Rezension der SPD-Wahlplakate über die darauf Abgebildeten: "Die Hosen zwicken", "die Schuhe drücken", nicht einmal die Hemden würden "richtig sitzen". Wie man eben so aussieht, wenn man sich nicht beim Berliner Trendfriseur "Vokuhila" die Haare richten lässt, und einem auch egal ist, ob einen der Besitzer des "Grill Royal" wiedererkennt. Mit einem Wort: ganz normal.

Es ist der große Fehler der SPD, dass sie zu viel auf Leute gibt, die zu stolz auf ihre Zugehörigkeit zur Klasse der Wohlmeinenden sind. Als es ihr noch gut ging, war die SPD die Hoffnung von Menschen, die es zu etwas bringen wollten. Deshalb hatte sie auch nie etwas gegen schnelle Autos, billigen Strom und fleischreiches Essen; die Wohlstandskritik haben die Sozialdemokraten erst von den Grünen gelernt. Jetzt wird die Partei von einem Diplomvolkswirt angeführt, der auf Anordnung seiner Frau vor jeder Reise den Drucker ausschalten muss und im Winter nicht über 18 Grad heizen darf und der das für einen Ausweis von Normalität hält.

Die sogenannten kleinen Leute kommen bei Steinbrück nur als Abstraktion vor, als Wahlkampfmaterial. Das ist sein eigentliches Problem, nicht die Honorare und Buchverträge, mit denen seine Kampagne begann. Solange er auf einem Podium stehen kann, ist alles gut: Dann ist er schlagfertig, ironisch, unterhaltsam, also ziemlich genau so, wie Journalisten Politiker mögen.

Steinbrück hat nur einen Blick für Ranggleiche

Aber wehe, er muss sich unter das Publikum mischen. Dann kann es schnell passieren, dass er aus der Rolle fällt und sein Gegenüber belehrt oder gar anherrscht, wenn er sich belästigt fühlt. Steinbrück gehört zu den Menschen, die immer nur einen Blick für Ranggleiche haben, mit denen sie sich messen können, nicht für die Umstehenden, die nichts bedeuten. Frauen spüren das genauer als Männer, deshalb schneidet er in den Umfragen bei Frauen auch so schlecht ab.

Man muss kein Packer und auch keine Lidl-Verkäuferin sein, um die Sorgen von Leuten zu verstehen, die am Ende des Monats nachzählen, was übrig ist. Aber man sollte als Politiker wissen, wie die Normalität aussieht, und sich nicht zu weit über sie erheben. Vielleicht ist das größte Pech des Kandidaten, dass er gegen eine Frau antritt, die vieles von dem verkörpert, was ihm so eklatant fehlt.

Man kann bei Angela Merkel alles mögliche bemängeln: ihren lustlosen Umgang mit der Sprache, ihr Desinteresse am politischen Streit, ihre Wurschtigkeit beim Abhandeln großer Themen. Aber niemand wird ihr ernsthaft vorwerfen wollen, dass sie auf die Menschen herabsieht, die sie regiert.

Sie lebt seit Jahrzehnten im selben Mietshaus, sie saß noch nie in einem Aufsichtsrat und findet es eher kurios, wenn ständig neue Biografien über sie erscheinen. Alles an ihr ist so normal, dass man es kaum fassen kann. Wer nach einer Antwort sucht, warum sie so wahnsinnig erfolgreich ist, dann liegt sie auch in der völligen Abwesenheit jeder Arroganz.

Newsletter
Kolumne - Der schwarze Kanal
Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 276 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Frauenquote
rennflosse 05.09.2013
Zitat von sysopNirgendwo wird der sogenannte kleine Mann so heftig ans Herz gedrückt wie im linken Milieu. Aber wehe, er kommt den Wortführern dort wirklich nah. Dann regiert man mit Abwehr und Spott. http://www.spiegel.de/politik/deutschland/steinbrueck-das-problem-mit-dem-kleinen-mann-a-920516.html
So sehr ich Herrn Fleischhauer Recht gebe, so trägt er doch dazu bei, dass es eine Sympathiewahl der Personen wird und nicht eine Wahl der besten Programme. Aber so ist das wohl. Das beste Programm nutzt nix, wenn die Personen fehlen, die es sympatisch und glaubhaft transportieren können. Die SPD hat sicher nicht das schlechteste Wahlprogramm, nur der Kandidat kann es nicht glaubhaft verkörpern. Ihm glaubt man es nicht. Ein Aspekt ist noch völlig außer Acht gelassen worden. Sollen wir in Deutschland die Frauenquote auf dem Platz des Bundeskanzlers wirklich auf NULL setzen. Wo wir in Punkto Frauenquote in Führungsetagen ohnehin schon so weit hinten liegen? ;-)
2. Linke Psychologie
mps58 05.09.2013
Es geht ja bei der SPD und den Grünen nicht wirklich um soziale Gerechtigkeit sondern nur um das soziale Empfinden. Mithin um eine Beruhigung des schlechten Gewissens angesichts des eigenen Erfolges. Ansonsten würde sich die SPD wohl mehr darum kümmern, dass Menschen in Arbeit und Brot kommen und nicht um deren dauerhafte Alimentierung durch die Steuergelder der gesellschaftlichen Mitte.
3. vielen Dank!
cyberboy 05.09.2013
Genau so ist es. Steinbrück ist einfach zu weit von den Menschen, deren Probleme es zu lösen gilt entfernt.
4. Linke vs.
khertel 05.09.2013
Die Linken reden gerne über den "kleinen Mann", aber nicht mit ihm. Und da sie alle intellektuell sind, wissen sie auch genau, was gut für ihn ist. Dass die Betroffenen das oft anders sehen, ist irrelevant, die haben ja nicht alle studiert.
5. Dunkel
henrik-flemming 05.09.2013
Nee, das ist ein Problem der Deutschen ganz im Allgemein, dass sobald man in einer anderen Partei ist (oder nur eine andere Meinung hat), als die herrschende Clique, man nicht wegen seiner politischen Meinung angefeindet wird, sondern wegen dem was man ist.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Jan Fleischhauer



SPIEGEL.TV
Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: