SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück Er kann es noch

Miese Lage - na und? Mit einer angriffslustigen Rede versucht Peer Steinbrück, der taumelnden SPD ihr Selbstbewusstsein zurückzugeben. Er lästert über die Konkurrenz und ruft zur Abwahl von Schwarz-Gelb auf. Aber wird der Kanzlerkandidat die Wende so schaffen?

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Von , Augsburg


Gut, dass es Claudia Roth gibt. Auch in finstersten Zeiten versprüht die Grünen-Vorsitzende Optimismus, sie ist so etwas wie der rot-grüne Li-La-Laune-Bär und insofern die Idealbesetzung, um verzagte Kollegen ein wenig aufzurichten. An diesem Sonntag ist sie auf dem SPD-Parteitag in Augsburg zu Besuch. Sie spricht zehn Minuten, sie ruft, sie flucht, sie fuchtelt. Am Ende sagt sie: "Das Leben ist viel zu bunt, um es nur schwarz-gelb zu sehen!" Zack - gute Stimmung im Saal.

Das ist ja dieser Tage nicht selbstverständlich in der SPD. Die schlechte Lage, gut fünf Monate vor der Bundestagswahl setzt den Genossen arg zu. Im Alltag schwindet so langsam der Glaube daran, dass Rot-Grün im September die Kanzlerin ablösen kann. Aber auf diesem Parteitag wollen die Genossen den Ärger mal für ein paar Stunden vergessen und dem Land zeigen, dass sie noch an sich glauben. Aufbruch auf Knopfdruck. Wir können gewinnen.

Für Peer Steinbrück ist dieses Signal natürlich besonders wichtig. Der Kanzlerkandidat ist schwer angeschlagen, und das letzte was er braucht, ist, dass Zweifel an seinem Siegeswillen aufkommen. Er tritt kurz nach Roth ans Podium und braucht nicht einmal eine Minute, um seine Botschaft zu setzen. Er wolle ausnahmsweise mal mit dem Schluss der Rede beginnen, sagt er und ruft: "Ich will Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden." Riesenjubel, minutenlang. "Das war's schon. Wir können damit zu den Beratungen der Anträge kommen", scherzt Steinbrück. Er hat jetzt nichts mehr zu verlieren. Das kann auch entkrampfen.

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SPD-Parteitag: Steinbrücks kämpferische Rede
Steinbrück redet 80 Minuten. Es ist ein angriffslustiger Auftritt des Kandidaten. Intensiv arbeitet er sich an der Bilanz der Bundesregierung ab. Mit Blick auf den wachsenden Spalt zwischen Arm und Reich rüffelt er "Herrn Vizekanzler Rösler" für dessen Satz, Deutschland sei das "coolste Land der Welt". Er wirft Angela Merkel vor, den Fortschritt zu verschlafen. "Abwahl lautet die Parole!", ruft er. Das hören seine Leute gerne. Manche hoffen, er schlage nun regelmäßig etwas schrillere Töne an.

Die Details des Wahlprogramms, das nach seiner Rede verabschiedet wird, streift der Kandidat nur ansatzweise. Dafür versucht er den großen Bogen zu schlagen, herzuleiten, warum es die SPD eigentlich noch braucht. Niemand sonst, so Steinbrück, werde für neue Spielregeln in der Marktwirtschaft sorgen. Niemand sonst werde die Spekulanten zähmen und für mehr Zusammenhalt sorgen. "All das muss die SPD leisten", ruft er. "Die anderen machen das nicht."

"Eine wunderbare Rede, ich danke Dir"

Anhand fiktiver, individueller Beispiele versucht er zu belegen, warum viele Wähler etwas davon hätten, für die SPD zu stimmen. Dem Angestellten einer Drogeriekette "nennen wir ihn Frank" - würde ein Mindestlohn rund 400 Euro mehr pro Monat bringen, rechnet Steinbrück vor. Der Student Martin spare mit einer Mietbremse 960 Euro im Jahr. Steinbrück holt ein Stück Leben in den Saal, was zuletzt ja auch nicht immer vorgekommen ist auf SPD-Parteitagen.

Ich bin noch da, wir sind noch da - das ist das Signal seiner Rede. Die Genossen danken es ihm mit acht Minuten Applaus. "Peer, habe ich Dich eigentlich schon jemals gelobt?", fragt die Parteilinke Hilde Mattheis, mit der Steinbrück wenig gemein hat, in der anschließenden Aussprache. Der Kandidat schüttelt den Kopf. "Nö?", fragt Mattheis. "Dann mache ich das jetzt mal. Das war eine wunderbare Rede. Ich danke Dir."

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Genossen unter sich: Hinter den Kulissen beim SPD-Parteitag
Unterhaken, kämpfen - und dann wird es schon. So sehen die Sozialdemokraten die Lage. Aber so ge- und entschlossen sich die Partei zeigt - die Ausgangslage ist für die SPD äußerst schwierig. Ein Sieg wäre aus heutiger Sicht nicht weniger als ein Wunder. Zwar sind es noch gut fünf Monate bis zur Wahl. Aber die Genossen haben viel Zeit verloren. Man wollte eigentlich längst weiter sein. Stattdessen müssen sich die Sozialdemokraten mühsam aus der Defensive arbeiten und einen Weg finden, das Verlierer-Image loszuwerden.

Mit seinem Schattenkabinett könnte Steinbrück punkten

Das gilt nicht zuletzt für Steinbrück selbst. Auf dem Parteitag erfüllt er seinen Job. Aber auch sein Umfeld kennt seine miserablen Popularitätswerte und weiß, dass die Werte so ohne weiteres nicht gedreht werden können. Steinbrück muss seine Kandidatur zurück ins Lot bringen. Stabilisiert sich seine Situation nicht bis zur Sommerpause, dürfte auch die heiße Wahlkampfphase nicht den erträumten Stimmungswechsel bringen. Da sind sich viele Sozialdemokraten sicher.

Ausgeschlossen ist eine Wende freilich nicht. Trotz der schwachen Zahlen für Rot-Grün hat die Regierungskoalition in fast keiner Umfrage eine Mehrheit. In den Ländern und in vielen großen Städten ist der Union die Machtbasis verlorengegangen. Die Grünen zeigen sich sehr stabil. Das, immerhin, unterscheidet 2013 von 2009.

Mit einiger Hoffnung warten die Genossen nun auf die Vorstellung von Steinbrücks Kompetenzteam. Die eine oder andere Überraschung könnte seiner Kampagne noch einmal einen Schwung geben, glauben sie. Setzt Steinbrück das Team einigermaßen klug zusammen, könnte ihm das auch anderweitig helfen, so das Kalkül der Strategen.

"Wir sind dann endlich mal weg von dieser Eins-gegen-Eins-Situation Merkel gegen Steinbrück", sagt einer. "Wir können dann mal als Mannschaft auftreten."

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rehabilitant 14.04.2013
1. Jetzt geht's los
Auf geht's SPD. Deutschland hat zur Zeit die schwächste Regierung nach 1945. 5 Monate bleiben noch, um den Dilettantismus von der Regierungsbank zu verjagen.
neu_ab 14.04.2013
2.
Alle hacken herum auf Steinbrück. Dabei wäre doch kein einziger SPDler noch wählbar, nachdem diese Partei unter Schröder zu einer CDU-light verkam. An dieser Tatsache ändert es auch nichts, daß sie inzwischen Mitglied der grossen Blockpartei ist.
ruthteibold-wagner 14.04.2013
3. Er kann es wirklich noch...
"Er kann es noch": Lügen, Heucheln, Betrügen, Über-den-Tisch-ziehen, Vorher-was-anderes-sagen-als-er-hinterher-tun-wird, In-die-eigene-Tasche- wirtschaften, soziale-gerechtigkeits-populismus-verbreiten, Hetzen... Ja, er kann es noch. Hat er jemals was anders gekonnt?
lebenslang 14.04.2013
4. abwarten
möglich das dem problempeer die wende gelingt, wenn er in der lage ist den leuten mit gerechtigkeit und kampf gegen die steueroasen den kopf zu verdrehen das sie vergessen das ihnem mit spd-grünen euro-bonds das geld aus den taschen gezogen wird dann könnte es klappen.
kivikova 14.04.2013
5. Steinbrück
Zwischen gutem Reden oder dauerhafter und erfolgreicher Realolitik besteht ein gewaltiger Unterschied.Steinbrück redet viel und setzt wenig um, besonders in der Vergangenheit. Wie will er und seine SPD Banken kontrollieren und im Griff haben??Internationale schon gleich garnicht. Wir würden viel Geld des Steuerzahlers fuer Suedeuropa bezahlen und die lehnen sich genüsslich zurueck.Die Reichen sind dann ohnehin vom Acker!!
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