SPD-Kanzlerkandidat Steinbrück: Merkels bester Mann

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Ist die Bundestagswahl schon gelaufen? In den Umfragen hängt Kanzlerin Merkel ihren SPD-Herausforderer Peer Steinbrück ab. Viel tun muss sie dafür bisher nicht. Die CDU-Chefin schweigt und genießt. Die Niedersachsen-Wahl könnte sie weiter stärken - oder den Stimmungsumschwung bringen.

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Steinbrück im Wahlkampf: Abgestürzt und abgeschlagen

Berlin - Wäre die Bundeskanzlerin anfällig für Winterdepressionen, ihr Arzt würde als Therapie wohl das ausführliche Studium der jüngsten Meinungsumfragen empfehlen. 40 Prozentpunkte Vorsprung im ZDF-Politbarometer, 25 Punkte Vorsprung im ARD-Deutschlandtrend. In der Sonntagsfrage Traumwerte für die Union von mehr als 40 Prozent. Ihr Herausforderer? Abgestürzt. Die Sozialdemokraten? Abgeschlagen. Angela Merkel muss in diesen grauen Tagen keine trüben Gedanken hegen, wenn sie die bunten Grafiken der Meinungsforscher betrachtet.

Es läuft blendend für die Regierungschefin. Es läuft so gut, dass sich die Frage aufdrängt: Ist die Bundestagswahl schon entschieden?

Im September wird Deutschland an die Urnen gerufen. Doch schon etwa acht Monate vorher sieht es so aus, als führe kein Weg an der Amtsinhaberin vorbei. Viel tun muss Angela Merkel dafür nicht. Im Gegenteil: Ihr Gegner ist derzeit ihr bester Wahlkämpfer. SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück tapst zielsicher in jedes Fettnäpfchen. "Wir könnten ihn zum Mitarbeiter des Monats machen", spottet ein Unionsabgeordneter.

Kaum jemand redet darüber, wie Steinbrück die Macht der Banken beschneiden will, wie er den Mietwucher eindämmen will. Stattdessen fallen den Wählern beim SPD-Kandidaten in einer Forsa-Umfrage als erstes Begriffe wie "Nebeneinkünfte", "Honorare", "unsympathisch" oder "arrogant" ein. Inzwischen hält ihn laut Politbarometer jeder dritte SPD-Anhänger nicht mehr für den richtigen Kanzlerkandidaten. Beim Wunschpartner, den Grünen, zweifeln sogar 46 Prozent an ihm. Ein Alarmsignal.

Steinbrück gibt sich kämpferisch

Klar ist aber auch: Spekulationen, der Kandidat könnte ausgewechselt werden, weist die SPD energisch zurück. Steinbrück will kämpfen - gleichwohl erkennt er den Ernst der Lage. Er wisse, "was mein Anteil an dem Ganzen ist", sagt er am Freitag bei der Klausurtagung vor seinen Fraktionskollegen und betont seine Nehmerqualitäten: "Das wirft mich nicht um." Tags zuvor, an seinem 66. Geburtstag, versucht er es mit Ironie. Die Fraktion hat zum gemütlichen Abend in die Hamburger Landesvertretung geladen, und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier präsentiert dem Kandidaten ein ziemlich wuchtiges Geschenk: eine mehrbändige Bücherserie. "Ich hab doch eh schon schwer genug zu tragen", sagt Steinbrück, als er den verpackten Karton entgegennimmt. Gelächter unter den Genossen.

Die Kanzlerin schweigt derweil - und genießt. Sie ignoriert Steinbrück, nimmt seinen Namen erst gar nicht in den Mund, nicht einmal, wenn es im Bundestag zum direkten Rededuell kommt und ihr früherer Finanzminister ihr Auge in Auge Versagen vorwirft. Warum soll sie sich auf eine Fehde einlassen, wenn sich die Konkurrenz selbst zerlegt? Als sie jüngst nach der CDU-Vorstandsklausur augenzwinkernd gefragt wurde, ob sie mit dem Agieren ihres Herausforderers zufrieden sei, lächelte die Parteichefin süffisant. Sie kümmere sich um ihr eigenes Agieren. "Damit bin ich ganz zufrieden. Den Rest kommentieren andere."

Und während sich die anderen an Steinbrück abarbeiten und auf den nächsten Fauxpas lauern, achtet Merkel darauf, die Aufmerksamkeit nicht von ihm abzulenken. Sicher, Merkel wird sich weiter als Krisenmanagerin inszenieren, allerdings möglichst fernab vom innenpolitischen Kleinklein. Neue, größere Projekte wie etwa eine Mehrwertsteuerreform wird die Koalition in der verbleibenden Zeit dieser Wahlperiode wohl kaum noch anstoßen. Zu groß ist das Risiko, dass Schwarz-Gelb wieder einmal im Streit versinkt. Bloß keine Reibungsfläche bieten, ist das Motto.

Das Jahr birgt Risiken für Merkel

Bisher geht die Rechnung auf. Die Menschen vertrauen der Kanzlerin, von Wechselstimmung ist keine Spur, zumindest was den Platz am Schreibtisch in der Regierungszentrale angeht. Ihre spröde Unaufgeregtheit kommt an, gerade in der Krise. Steinbrück wollte sich als Gegenentwurf zu Merkel anbieten, als einer, der nicht schwafelt, sondern ehrlich und authentisch ist. Er wollte der Klartext-Kandidat sein - nun ist er Opfer seiner eigenen Strategie geworden. Vorerst.

Mag sein, dass Merkel oft redet, ohne wirklich etwas zu sagen. Sie verallgemeinert, legt sich nicht fest, verteilt verbale Beruhigungspillen. Doch sie wirken, der Wähler scheint sediert. Zu viel Lärm, wie ihn Steinbrück verursacht, schreckt den Wähler auf, bereitet ihm Kopfschmerzen. Dann doch lieber Merkel, die nur eine Botschaft hat: Alles wird gut.

Ob das reicht, um den Vorsprung bis zur Bundestagswahl zu halten oder gar auszubauen? Viel hängt von der Niedersachsen-Wahl am 20. Januar ab. Lange sah es dort nach einem klaren Sieg für Rot-Grün aus, die jüngsten Umfragen aber lassen Ministerpräsident David McAllister wieder vom Machterhalt träumen. Kommt es in Hannover zur Wiederauflage von Schwarz-Gelb, wäre das für Merkel die Krönung eines wunderbaren Jahresauftakts, ein Signal für die Wahl im Herbst. In der SPD dagegen ginge die Debatte über Steinbrück erst richtig los.

Doch der Drops ist noch nicht gelutscht. Wenn es reicht in Niedersachsen für Rot-Grün, wird das Steinbrück wieder Auftrieb geben. Dann kann er wieder in die Offensive kommen, Merkel vor sich hertreiben. Das Jahr birgt schließlich genug Risiken für die Kanzlerin: Was passiert in der FDP? Wie entwickelt sich die wirtschaftliche Lage? Hält der Positivtrend am Arbeitsmarkt? Und nicht zuletzt: Wie geht es weiter in Europa? Schon die anstehende Milliardenhilfe für Zypern könnte die Koalition vor eine Zerreißprobe stellen - und der SPD endlich die Chance bieten, aus der Großen Koalition der Euro-Retter auszusteigen.

Gewonnen ist die Wahl also noch lange nicht für Angela Merkel. Vielleicht steht sie sogar zu früh im Zenit ihrer Popularität. Und vielleicht kommen die Rückschläge für Steinbrück früh genug. Der Wahlkampf hat gerade erst begonnen.

Mitarbeit: Veit Medick

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insgesamt 591 Beiträge
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1. Merkels bester Mann
GSYBE 11.01.2013
Mal ganz ehrlich: ist das noch seriöser Journalismus? Die BILD ist da ja intelligenter...
2. Steinbrück will doch garnicht !
iffel1 11.01.2013
So kann er das Gesicht wahren. Wenn er nicht gewählt wird (und das wird er nicht), dann kann er in den Ruhestand gehen, wo er auch hingehört.
3. Unser tägliches Steinbrück-Bashing
atheist 11.01.2013
gib uns heute lieber SPON.
4. Und...
achja?! 11.01.2013
... Beinfreiheit hat er sich auch nur erbeten, um wirklich jeden Fettnapf zu errichten. Aber zum Glück ist er ja mittlerweile 66 Jahre alt und kann in Rente gehen...
5. Die Mohn-Murksel-Springer-Koalition
Baikal 11.01.2013
muß doch an der Macht bleiben, Bild und Spiegel getreulich in einer Reihe. Oh, wunderbare Republik.
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