Verlorene Bundestagswahl Steinbrück bezeichnet Kanzlerkandidatur als Fehler

Warum scheiterte Peer Steinbrück 2013 als Kanzlerkandidat der SPD? Im SPIEGEL nennt er die Kandidatur einen Fehler - und spricht von "Selbsttäuschungen auf drei Feldern".

Peer Steinbrück: "Die SPD vermittelte den Eindruck, das Land stehe am Abgrund"
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Peer Steinbrück: "Die SPD vermittelte den Eindruck, das Land stehe am Abgrund"


Hamburg - Ex-SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat sich im SPIEGEL kritisch zu seiner Kanzlerkandidatur 2013 geäußert: "Die Kanzlerkandidatur war ein Fehler, und zwar meiner. Ich glaube, dass ich einer ausgeprägten Selbsttäuschung unterlag." (Lesen Sie hier das ganze Gespräch im neuen SPIEGEL.)

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Es habe "Selbsttäuschungen auf drei Feldern" gegeben, so Steinbrück, "bezogen auf meine eigenen Vorteile oder Nachteile gegenüber Frau Merkel. In der Frage, wie ich als nicht unbedingter Messdiener parteipolitischer Wahrheiten zusammen mit meiner Partei einen solchen Wahlkampf erfolgreich gestalten kann, und in der Einschätzung der politischen Stimmung im Land. Ich war etwas blind."

Es habe auch "eine gewisse Koketterie" seinerseits eine Rolle gespielt. Seiner Einschätzung nach war der Wahlkampf aus mehreren, auch von ihm verschuldeten Gründen bereits im Frühjahr 2013 verloren. Steinbrück: "Da können Sie nichts mehr machen und nur noch in Würde zu Ende spielen."

Im Gespräch mit dem SPIEGEL übt Steinbrück aber auch Kritik an der SPD: Er halte eine einseitige Darstellung der Lage Deutschlands für den zentralen strategischen Fehler seiner Partei im Wahlkampf 2013. "Die SPD vermittelte den Eindruck, das Land stehe am Abgrund und bestehe aus einer Ansammlung von Opfern", so Steinbrück.

Steinbrück fordert Aufarbeitung von Wahlpleiten

Aber "um die 75 Prozent der Bürger fanden laut Umfragen, Deutschland sei in einem ganz guten Zustand - und dafür sprach ja auch einiges", so Steinbrück. Außerdem hätten er und die SPD gedacht, "wenn es für Mindestlohn, die Gleichstellung von Homosexuellen, ein modernes Staatsbürgerrecht, die Frauenquote und die Mietpreisbremse jeweils einzeln hohe Zustimmungsquoten gebe, dann ließe sich aus der Addition solcher Vorhaben eine parlamentarische Mehrheit schmieden".

Steinbrück plädiert deshalb für eine Aufarbeitung der Wahlniederlagen von 2009 und 2013 seitens der SPD, zeigt sich aber skeptisch, ob es dazu kommt. "Ich fürchte, dass sie ohne Aufarbeitung beider Niederlagen, 2009 und 2013, in die Wahl von 2017 gehen könnte", so Steinbrück.

Der Ex-Kanzlerkandidat beklagte zugleich die Abneigung seiner Partei gegen erfolgreiche Amtsträger. Steinbrück: "Der Held der SPD ist im Übrigen nicht der Bürgermeister, nicht der Landrat, der Ministerpräsident, der Minister, der gutes politisches Handwerk beherrscht und dem Augenmaß zuerkannt wird, sondern es ist der gesinnungsethisch und parteiverträglich stark auftretende Delegierte auf der Parteikonferenz. Vergleichen Sie das Ergebnis von Olaf Scholz bei den letzten Vorstandswahlen der SPD mit denen bei den Bürgerschaftswahlen in Hamburg, und das Problem wird offensichtlich."

Dieses Thema stammt aus dem neuen SPIEGEL - ab Samstagmorgen erhältlich.

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Seite 1
kategorien 06.03.2015
1. SPD und Steinbrück
Merkel war einfach die bessere Politikerin. Steinbrück hatte sich frühzeitig unmöglich gemacht. Und inwieweit die SPD nach Schröder überhaupt zeitnah einen Kanzler stellen kann, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Die SPD hat doch selbstverschuldet an Glaubwürdigkeit verloren, wozu Steinbrück mitbeigetragen hatte.
krise0815 06.03.2015
2. Als Kanzlerkandidat der SPD scheitert jeder.
Da muss sich Steinbrück nichts vorwerfen. Es gibt keine Mehrheiten, allenfalls wenn sich die SPD Den Linken öffnet. Und für rot, rot, grün wäre Steinbrück der falsche Kandidat gewesen. Das bekäme nichtmal Scholz unter einen Hut. Und ob die SPD dann noch 25% einfährt, ist auch offen. Richtig Euch mal in der Großen Koalition ein, wird schon irgendwie laufen. Auf Zugewinne würde ich aber nicht hoffen. Ist schon ein Dilemma...
ptb29 06.03.2015
3. Ich hätte nicht erwartet,
dass Steinbrück so selbstkritisch umgeht. Und ich denke auch, die SPD, die ja mitregiert, wird so weitermachen wie bisher. Auf in die nächste Wahlpleite!
_SethGecko_ 06.03.2015
4.
Da hat er durchaus recht. Der Hauptgrund, dass Steinbrück und die SPD nie eine wirkliche Chance hatte ist aber viel simpler: Angela Merkel. Eine klare Mehrheit wollte sie weiter als Kanzlerin, das haben alle Umfragen gezeigt. Somit war es den Leuten egal was Steinbrück so zu erzählen hatte, man wollte und will keine riesigen Veränderungen, man will den Status quo, weil man sieht, dass es einem in Deutschland verglichen mit dem Rest der Welt immer noch sehr, sehr gut geht. Und bevor jetzt die ganzen Linken mich dafür angreifen, mit den 6 Millionen Geringverdienern usw. Ich kenne selbst Leute die verdammt wenig verdienen und auch von denen haben nicht wenige Merkel gewählt, ganz einfach, weil sie sagen, es könnte einem viel schlechter gehen. Besser einen eher schlecht bezahlten Job als gar keinen und eigentlich hat man doch trotz kleinem Gehalt alles was man wirklich unbedingt so zum Leben braucht.
Sprühregen 06.03.2015
5. meilenweit
ist diese SPD davon entfernt, zu begreifen, weshalb ihr die Wähler zurecht davonlaufen. Steinbrücks Aussagen bestätigten dies nur, die Selbsttäuschung ist Teil des SPD-Programms. Kleiner Tipp am Rande: Genossen, die ihr längst nicht mehr seid, beschäftigt euch doch einfach mal mit der Ära des Genossen der Bosse und seiner Politik der lupenreinen Selbstbedienung, die zum Markenzeichen der Politik einer Partei geworden ist, die unter Werten mal was anderes verstanden hat, als schnellstmöglich zum Millionär zu avancieren und den unterthänigsten Lakaien der Konzernbosse zu spielen.
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