Berlin - Er steht gewaltig unter Druck. Doch der SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück will sich nicht verbiegen lassen. "Wir werden stärker über unsere Inhalte, über unsere Themen reden müssen", sagte Steinbrück der "Braunschweiger Zeitung". "Ich will allerdings auch bei meinem Stil bleiben: Sagen, was ich denke. Viele Bürger sagen mir, sie wollten keine Politiker, die immer nur glatt geschliffene Antworten geben."
Steinbrück räumte in dem Interview aber auch Fehler ein: Er hätte die Reaktionen auf seine Äußerungen zum Kanzlergehalt vorhersehen müssen. "Aber die Alarmglocken haben nicht geläutet, weil ich und andere das ja auch vorher schon gesagt haben." Eines sei ihm dabei wichtig: "Ich habe aber mit keiner Silbe eine Erhöhung des Kanzlergehalts oder der Vergütung generell von Politikern gefordert. Das wurde mir untergeschoben."
Hanebüchen sei auch der Vorwurf, er habe sich als Aufsichtsrat von ThyssenKrupp für niedrigere Industriestrompreise eingesetzt. Er und seine Partei engagierten sich seit Jahren für den Erhalt des Industriestandorts Deutschland.
SPD-Parteichef Sigmar Gabriel hat Steinbrück am Samstag demonstrativ den Rücken gestärkt. Spekulationen über eine angeblich parteiintern geführte Debatte, den Kandidaten auswechseln zu wollen, seien "dummes Zeug", sagte der Bundesvorsitzende Sigmar Gabriel beim Hessengipfel der SPD in Friedewald.
Am Ausgang der Niedersachsen-Wahl am 20. Januar sei kein Trend für den Bund abzulesen, sagte Gabriel: "Wir wissen, es ist ein knappes Rennen. Das ist nicht anders zu erwarten und das war übrigens auch vor ein paar Monaten nicht anders zu erwarten." Inhalte seien im übrigen wesentlicher als Personalien, "es kommt nicht darauf an, wer am Steuer sitzt, sondern ob Sie die richtige Karte haben".
Überraschender als der Beistand seines Parteivorsitzenden dürfte für Steinbrück jener von Bundestagspräsident Norbert Lammert sein: Gegenüber der Tageszeitung "Die Welt" nannte der CDU-Politiker Steinbrücks viel kritisierte Äußerung über die Höhe der Kanzlerbezüge in der "Welt" zwar "unklug", aber auch "ehrlich" und "zutreffend". Steinbrück hatte beklagt, dass in Deutschland der Bundeskanzler weniger verdiene als ein nordrhein-westfälischer Sparkassendirektor.
Weiteren Beistand erhält Steinbrück ausgerechnet von einem SPD-Politiker, der sich in der ersten Reihe der Bundespolitik stets schwertat: dem ehemaligen SPD-Vorsitzenden und rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Kurt Beck. Er sieht Steinbrück als Opfer einer Kampagne: "Dieses Beispiel mit dem Sparkassendirektor im Vergleich zum Kanzlergehalt" hätten schon viele Politiker angeführt, sagte Beck in einem Interview mit dem Radiosender SWR2. Wenn ein solcher Satz dann aus einem Interview herausgegriffen werde, sei das eine Kampagne. Bestimmte Medien würden dies "mit besonderer Leidenschaft tun", dann sei auch eine "bestimmte politische Nähe nicht zu übersehen". Steinbrück müsse versuchen, über Sachdebatten wieder in die Offensive zu kommen.
Doch genau vor dieser Sachdebatte drückt sich in Steinbrücks Augen Bundeskanzlerin Angela Merkel: "Im Moment macht sie den durchsichtigen Versuch, sich mir als Herausforderer nicht zu stellen - das will sie wohl so lange wie möglich vermeiden", sagte Steinbrück der "Braunschweiger Zeitung". Er sei gespannt, ob Merkel sich den Themen stellen werde, die den Bürgen auf den Nägeln brennen, "etwa in Fernsehduellen". Er jedenfalls freue sich auf die Debatten mit der Kanzlerin. "Wir sind uns in den letzten drei Jahren kaum begegnet, das war davor in der großen Koalition natürlich anders", sagte er. Im Wahlkampf wolle er die Kanzlerin nicht "anrempeln", sondern über Themen angreifen.
Steinbrücks persönliche Beliebtheitswerte sind in den aktuellen Umfragen abgestürzt. Im ARD-Deutschlandtrend zeigen sich nur noch 36 Prozent der Deutschen zufrieden mit Steinbrücks Arbeit. Nach dem ZDF-Politbarometer wünschen ihn sich lediglich 25 Prozent der Wähler als Regierungschef.
Nach der Aufregung über üppige Rednerhonorare war Steinbrück wegen Äußerungen zu Kanzlerbezügen und dem angeblichen Frauenbonus von Amtsinhaberin Angela Merkel in die Kritik geraten. Für Aufregung sorgen auch Sitzungsprotokolle von ThyssenKrupp, aus denen der Eindruck entstehen konnte, Aufsichtsratsmitglied Steinbrück habe dem Stahlkonzern zu niedrigeren Energiepreisen verhelfen wollen.
ric/dapd/dpa
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